Der Regenbogen hat Lücken

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Diözesanjugendpfarrer Michael Kreher (links) und Jugendseelsorger Stefan Plattner feiern in der Leipziger Propstei einen Gottesdienst zum Christopher Street Day.
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Foto: Katholische Jugend Leipzig

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Diözesanjugendpfarrer Michael Kreher (links) und Jugendseelsorger Stefan Plattner feiern in der Leipziger Propstei einen Gottesdienst zum Christopher Street Day.

Segensfeiern, CSD-Gottesdienste und queersensible Pastoral: Der Umgang mit queeren Menschen gehört zu den umstrittensten Fragen der katholischen Kirche. Die einen sprechen von Irrlehre, die anderen von dringend nötigen Reformen.

Ein Beitrag auf dem Social-Media-Profil der katholischen Jugend Leipzig hat besonders viele Kommentare: „Häresie“ – also „Irrlehre“ – schreiben manche. Einer fragt „Was soll das?“. Manche bezeichnen das Gesehene als „traurig“, „schrecklich“ und „ekelhaft“, andere schreiben „sehr schön!“, bedanken sich und sprechen von einem „wunderbaren Zeichen für die von Gott geschaffene Vielfalt“. Das Video, an dem sich die katholischen Geister derart scheiden, zeigt den Gottesdienst zum Leipziger Christopher Street Day (CSD), der im Juli in der Propsteikirche stattfand.

Der CSD geht auf das Jahr 1969 zurück, als sich Gäste der Bar Stonewall in der New Yorker Christopher Street – einem bekannten Treffpunkt vieler Homosexueller – gegen wiederholte Polizeirazzien wehrten. Die daraus entstandenen Proteste fanden bald jährlich statt und verbreiteten sich bis heute in vielen Ländern der Welt. Ihre Teilnehmer setzen sich für die Freiheit, Selbstbestimmung und Menschenrechte derjenigen ein, deren sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Identität von der gesellschaftlichen Mehrheit abweichen. Zu ihnen zählen unter anderem lesbische, schwule, bisexuelle und transgeschlechtliche Menschen. Sie werden oft unter den Oberbegriffen „queer“ und „LGBTQ+“ zusammengefasst. Das bekannteste Symbol der Bewegung wurde ein sechsfarbiger Regenbogen.

Papp-Aufsteller von Papst Leo XIV. neben einer Regenbogenflagge
Anders als der Papp-Aufsteller der Katholischen Jugend Leipzig hat Papst Leo ein distanziertes Verhältnis zu queeren Menschen in der Kirche.
Foto: Michael Burkner

Auch in Leipzig findet der CSD jedes Jahr im Juli statt – mit einer Woche mit Kulturveranstaltungen, Workshops und einer Parade – und seit 2023 mit einem katholischen Gottesdienst zum Beginn der Woche. Währenddessen ringt die katholische Kirche seit Jahren um ihren Umgang mit queeren Menschen. Viele Bischöfe erkennen an, dass ihr pastoraler Auftrag auch für queere Menschen gilt und lehnen Konversiontherapien, die die Sexualität queerer Menschen umpolen sollen, ab. Der Katechismus bezeichnet Homosexualität weiterhin als „in sich nicht in Ordnung“.

Ein Impuls aus der katholischen Jugend

Federführend für den Leipziger Gottesdienst ist Stefan Plattner, Jugendreferent im Dekanat. 2022 kam der Südtiroler nach Sachsen und erinnert sich an sein erstes Treffen mit dem sogenannten „Dekanatsjugendhelferkreis“: „Ich habe die jungen Ehrenamtlichen damals gefragt, was ihnen wichtig ist und welche Schwerpunkte sie setzten möchten. Dabei kam das Thema auf, queere Menschen in der Kirche sichtbar zu machen. Weil ihnen das wichtig war, wollte ich es angehen.“

Plattner wollte einen Gottesdienst zum CSD organisieren. Als Priester frage er Jugendseelsorger Michael Kreher an und überzeugte ihn. „Er war sich nicht ganz sicher, weil er nicht in eine bestimmte Ecke geschoben werden wollte. Aber nach den Gottesdiensten kamen immer so viele bewegende Rückmeldungen, dass wir es nun jedes Jahr zusammen machen.“ Im vergangenen Jahr habe zum Beispiel ein Mann in einer Mail geschrieben, dass ihn der Gottesdienst derart berührt habe, dass er nun wieder in die katholische Kirche eintreten möchte.

Die Organisatoren des CSD hätten zunächst Vorbehalte gehabt, dass sich ausgerechnet die katholische Kirche an ihrer Aktionswoche beteiligen möchte – aus Sorge vor einer Alibi-Veranstaltung. „Sie sind dann zu dritt in mein Büro gekommen und haben mich regelrecht ausgefragt. Aber danach hatten wir alle das Gefühl, dass es irgendwie passt“, erinnert sich Plattner.

Von den Verantwortlichen im Bistum Dresden-Meißen habe er von Beginn an Zuspruch erhalten und auch die Gremien der Propstei stimmten 2023 zu – wenn auch nicht einstimmig. Gegenwind verspürt Plattner trotzdem bis heute: „Ich lege in der Propsteikirche Flyer zu verschiedenen Veranstaltungen aus. Die zum CSD-Gottesdienst sind immer als erstes weg“, sagt er und fügt schmunzelnd hinzu: „Ob das daran liegt, dass sich die Leute dafür besonders interessieren, oder daran, dass jemand sie wegräumt, lasse ich jetzt mal offen.“ Auch ein entsprechendes Plakat wurde wiederholt abgehängt. „Ich hänge dann einfach ein neues auf, aber das zeigt: Mindestens eine Person hat etwas dagegen.“

Widerspruch kann man auch in den sozialen Netzwerken lesen – schon vor dem Gottesdienst. „Die Eucharistie gehört nicht zum CSD. Sakrileg“, schreibt etwa der Account „katholisch.eisleben“ unter eine Einladung zum Gottesdienst und führt aus, dass die Eucharistie keine Feier der Sünde sei, sondern ein Geschenk von Gottes Barmherzigkeit. „Wer jedoch an der Sünde festhält und sie im Herzen liebt, während er sich Christus nähert, lehnt letztlich Christus selbst ab.“ Wer die Kommentare verfasst hat, ist unklar, der Account wird als Auftritt der katholischen Jugend Eisleben beschrieben. Die Pfarrei und ihr geistlicher Moderator lassen zwei Anfragen nach einem persönlichen Gespräch unbeantwortet.

Vom mühsamen Kampf um Anerkennung

Porträtbild von Hendrik Johannemann
Hendrik Johannemann

Wie mühsam es sein kann, um die Anerkennung queerer Menschen in der katholischen Kirche zu kämpfen, weiß auch der Wahl-Berliner Hendrik Johannemann. 2022 outete sich der Katholik als schwul – gemeinsam mit über 100 queeren Haupt- und Ehrenamtlichen der Kirche bei der Initiative „Out in church“. Durch die Initiative wurde unter anderem das katholische Arbeitsrecht reformiert. Seither dürfen Menschen nicht mehr aufgrund ihrer sexuellen Orientierung von ihrem katholischen Arbeitgeber gekündigt werden.

Beim Synodalen Weg war Johannemann Berater im Sexualmoral-Forum. Er erzählt, dass sich die Mitglieder der Arbeitsgruppe beim pastoralen Ansatz, dass alle Menschen Teil der Kirche sein müssen, größtenteils einig waren. Theologische Diskussionen seien dagegen härter gewesen, und die Positionen auf beiden Seiten oft festgefahren. Überrascht war Johannemann trotzdem, als der Grundlagentext zur katholischen Sexualmoral im September 2022 bei der abschließenden Abstimmung der Bischöfe scheiterte. Er hätte neben der Gleichwertigkeit nicht-heterosexueller Orientierungen auch eine positive Neubewertung gelebter Sexualität vorgesehen und anerkannt, dass die Sexuallehre der Kirche ein Grund sexualisierter Gewalt war. „Das hatte sich nicht abgezeichnet. Gegner des Papiers haben sich vor der Abstimmung nicht gezeigt und keine Änderungsvorschläge eingebracht“, kritisiert Johannemann und betont: „Ich rechne es dem Passauer Bischof Oster bei allen inhaltlichen Meinungsverschiedenheiten deshalb hoch an, dass er als einziger aufgestanden ist und erklärt hat, warum er gegen den Text gestimmt hat.“

Auch ohne Grundlagentext blickt Johannemann stolz auf Ergebnisse des Synodalen Wegs – vor allem auf den Handlungstext „Segensfeiern für Paare, die sich lieben“. Auf seiner Basis entstand eine Handreichung, die auch Segensfeiern für gleichgeschlechtliche Paare vorsieht. Der Text wird inzwischen in vielen deutschen Bistümern verwendet und sorgt noch immer für Diskussionen. Denn der Vatikan lehnt die Segensfeiern weiterhin ab, wie Papst Leo zuletzt erneut betonte.

Für Hendrik Johannemann könnten taktische Überlegungen hinter der Position von Papst Leo stecken. Der Pontifex, so vermutet er, möchte die Weltkirche mit der Absage zusammenhalten. Einen absoluten Schlussstrich sieht Johannemann in Leos Formulierungen nicht: „Für Papst Leo ist jetzt scheinbar nicht die Zeit dafür. Aber trotzdem schmerzt das natürlich.“

Als Co-Sprecher des Katholischen LSBT+-Komitees – die Abkürzung steht für „lesbisch, schwul, bisexuell und trans“ – setzt sich Hendrik Johannemann heute dafür ein, dass das Thema in der Kirche präsent bleibt. „Manchmal ermüdet das schon, weil alles so unendlich langsam voran geht“, gibt er zu, sieht aber auch in seinem persönlichen Glaubensalltag in Berlin, warum dieser Einsatz weiterhin notwendig ist: „Ich lebe seit 2013 in Berlin und es war wirklich schwer, eine Gemeinde zu finden, in der ich mich wohlfühle. Diese Gemeinden kann ich leider an einer Hand abzählen.“

die CSD-Kerze auf dem Altar der Leipziger Propstei
Die für den Gottesdienst zum CSD gestaltete Kerze zeigt einen Regenbogen mit Lücken. Sie stehen für Ausgrenzung und Verletzungen, die queere Menschen in der Kirche erfahren haben.
Foto: Michael Burkner

Geringe Nachfrage nach queersensibler Pastoral

Damit sich queere Menschen in der katholischen Kirche wohler fühlen, bieten viele Bistümer queersensible Pastoral an. Tobias Kube, der diese im Bistum Erfurt koordiniert, erklärt: „Im Auftrag des Bischofs haben wir uns vor einigen Jahren zusammengesetzt und gefragt, wie wir Pastoral zeitgemäßer ausrichten. Wir sind für queere Menschen vor allem ansprechbar, sensibilisieren im Bistum für ihre Belange und vernetzen.“ Zehn Seelsorgerinnen und Seelsorger stehen als Ansprechpersonen bereit. Die Nachfrage sei aber gering. „In der Schulseelsorge ist das ein anderes Thema, da gehören Fragen zu Sexualität zum normalen Prozedere. Aber außerhalb dessen sind die Anfragen punktuell“, erklärt Kube. Er vermutet, dass die Kirche noch immer als konservativ wahrgenommen wird und queere Menschen eine grundsätzlich wertschätzende Einstellung vermissen würden. „Viele wollen vermutlich gar nicht so eine Zuwendung. Die Kirche hat Verletzungen verursacht, die sonst wieder aufbrechen“, sagt Kube. Veranstaltungen, die explizit und ausschließlich queere Menschen ansprechen, organisiere die Abteilung im Bistum deshalb nicht.

Der Regenbogen hat Lücken

Auch der CSD-Gottesdienst in Leipzig möchte ganz bewusst die ganze Gemeinde ansprechen, wie Organisator Stefan Plattner erklärt: „In der katholischen Kirche gibt es viele Gottesdienste, die eine bestimmte Menschengruppe in den Blick nehmen: Kinder, die Caritas, Senioren, Neuzugezogene, und bei diesem Gottesdienst eben queere Menschen.“ Den symbolischen Mittelpunkt des Gottesdienstes bildete eine kleine, unscheinbare Kerze. Sie wurde zu den Fürbitten entzündet und brannte die ganze CSD-Woche lang in allen Gottesdiensten der Propstei. Ein schmales, goldenes Kreuz ziert sie und ein Regenbogen, dessen Streifen unterbrochen sind. „Der Regenbogen steht für Gottes Bund mit der Welt. Für eine Treue, die niemanden ausschließt“, erklärte Paula Junghans, Teil des Vorbereitungsteams, im Gottesdienst. Die Lücken im Regenbogen erinnerten daran, dass queere Menschen verletzt und ausgegrenzt worden seien. Die Kerze zeige: „Wir sehen die Lücken. Wir benennen sie ehrlich. Und wir hoffen auf eine Kirche, die sich weiter öffnet, bis der Regenbogen sich schließen kann.“

Michael Burkner
Anschlag auf den Berliner CSD

Trauernde bei einer ökumensichen Andacht nach dem Anschlag auf den CSD Berlin in der Berliner Marienkirche
Zu einer ökumensichen Andacht in der Berliner Marienkirche kommen Betroffene und Menschen aus Kirchen und Staat zusammen. 
Foto: kna/Birgit Wilke

Am 25. Juli steuert ein polizeibekannter Islamist einen Lieferwagen in eine Veranstaltung des Berliner Christopher Street Days. Eine Frau stirbt, 31 Menschen werden verletzt. Religionsgemeinschaften verurteilten den Anschlag:

„Wir sind mit unseren Gebeten bei allen Opfern und ihren Angehörigen, Freundinnen und Freunden und auch bei allen, denen der Hass die Freude genommen hat.“ (Erzbischof Heiner Koch)

„Gott ist ein Gott der Liebe. Er will, dass wir in Frieden miteinander leben. Keine Gewalt, kein Morden kann mit Gott begründet werden. Lasst uns stark machen, was uns verbindet und zusammenhält. Liebe ist stärker als Hass.“ (evanglischer Landesbischof Christian Stäblein)

„Gewalt gegen Unschuldige findet im Islam keine Rechtfertigung. Als Zentralrat der Muslime in Deutschland stehen wir an der Seite aller Menschen, die von Hass und Gewalt betroffen sind. Niemand darf aufgrund seiner sexuellen Orientierung, seiner geschlechtlichen Identität, seiner Religion, seiner Herkunft oder anderer persönlicher Merkmale Ziel von Gewalt werden.“ (Zentralrat der Muslime)