Sachsensofa zum Thema Suizid

Vor dem letzten Schritt bewahren

verzweifelter Mensch legt Kopf auf Tisch – im Vordergrund liegen viele Tabletten

Foto: imago/Panthermedia

Suizide lassen sich verhindern. Wie, erörterten Experten auf dem „Sachsensofa“ in Arnsdorf. Dabei wurde auch klar, dass die Prävention nicht nur auf den Schultern von Ehrenamtlichen lasten kann.

Mehr als 10 000 Menschen nehmen sich jedes Jahr in Deutschland das Leben. Mit 17,2 Selbsttötungen pro 100 000 Einwohner hat Sachsen statistischen Angaben von 2022 zufolge bundesweit die höchste Suizidrate.

„Man kann nicht alle verhindern“, sagte Ute Lewitzka auf dem „Sachsensofa“ in Arnsdorf. „Aber doch sehr viele“, betonte die erste Suizidologie-Professorin Deutschlands. Außerdem gab sie zu bedenken, dass noch weit mehr Menschen versuchten, sich umzubringen. Mindestens zehn- bis zwanzigmal so viele, besagen Studien. Neuere sprechen sogar von einer bis zu 50-fachen Anzahl.

Als wirksamster Weg, Menschen davon abzubringen, habe sich erwiesen, ihnen den Zugang zu der von ihnen gewählten Methode zu erschweren. Bei der häufigsten Suizidmethode, dem Erhängen, sei das zwar nicht machbar. Anders sieht es oft aus, wenn Menschen sich auf Schienen legen oder von Brücken springen. Schwerpunktstellen könne man dagegen absichern. Bei Medikamenten ließen sich die Packungen verkleinern.

Lars Rohwer, sächsischer CDU-Bundestagsabgeordneter, hält ein Gesetz zur Suizidprävention für dringend erforderlich – und zwar noch vor dem Gesetz zum assistierten Suizid. Regeln könne das beispielsweise professionelle, hauptamtliche Unterstützung für Vereine. „Wir haben uns bisher auf dem Ehrenamt ausgeruht. Das ist unverantwortlich, auch weil die Finanzierung dieser Projekte oft nicht klar ist.“ Ein Gesetz könne beispielsweise institutionelle Förderung festschreiben. Aber auch wissenschaftliche Forschung sollte gesetzlich verankert werden. Das setzt die Möglichkeit voraus, Erkenntnisse überhaupt erfassen zu dürfen – zum Beispiel, wenn Rettungssanitäter einen Suizidversuch vorfinden. „Ohne Daten und Fakten ist keine wirksame Prävention möglich.“

Derzeit meldeten sich Menschen, die erwägen, sich umzubringen, bisweilen bei der Telefonseelsorge, so Lars Rohwer. Sprächen sie zufällig mit einem, der in dieser Situation richtig reagiere, sei das nur ein Glücksfall. „Deswegen wollen wir eine einheitliche Telefonnummer für Leute mit Suizidgedanken, wo am anderen Ende jemand sitzt, der damit umgehen kann.“

Besonders gefährdet sind Menschen mit Depression. Für sie hat Brigitte Mothes im vogtländischen Auerbach 2016 eine Selbsthilfegruppe gegründet. Mittlerweile gibt es fünf. Halt böten sie vor allem Menschen, die nach mehrwöchiger Therapie entlassen werden. „In deren Familien gibt es dafür kaum Verständnis. Wenn einer von sich jedoch in so einer Gruppe erzählt, verstehen die anderen Betroffenen ihn sofort.“ Brigitte Mothes litt selbst an Depression. „Mit den Aufgaben in der Selbsthilfegruppe bin ich gesundet“, berichtete sie. „Ich hatte das Gefühl, gebraucht zu werden, und habe Anerkennung bekommen.“ Auch an Schulen geht ihre Selbsthilfegruppe. „In Vorträgen informieren wir zum Beispiel darüber: Wie erkenne ich, wenn es jemandem nicht gut geht? Was kann ich da tun?“ Online kümmern sich junge Ehrenamtliche bei „U25“, einem Projekt der Caritas (www.u25.de), um jüngere Selbstmordgefährdete.

Abschließend ermunterten Lars Rohwer und Ute Lewitzka, auch im Alltag offen mit Menschen zu reden, die bedrückt seien.

Tomas Gärtner
Aufzeichnung des gesamtes Podiums: kurzlinks.de/zdiu
 
Hilfe für Gefährdete
bei der Telefonseelsorge: 08 00 / 1 11 01 11 oder 08 00 / 1 11 02 22
Nummer gegen Kummer für Kinder und Jugendliche: 11 61 11; für Eltern: 08 00 / 1 11 05 50
außerdem in Städten beim Telefon des Vertrauens und dem Psychosozialen Krisendienst