Tipps, wie wir mit dem Schreiben starten können
Was macht das Schreiben so schön, Frau Brudereck?
www.unsplash.com, Joshua Hoehne
Gedanken, die im Alltag flüchtig bleiben, gewinnen beim Schreiben Struktur und Gewicht. Zwischen eng gesetzten Zeilen entsteht ein Raum, in dem sich Erlebtes ordnen, Emotionen greifbar machen und neue Perspektiven entwickeln lassen.
„Das leere Blatt macht mir Angst“. Gibt es eine einfache Übung oder einen „Start-Satz“, mit dem man immer beginnen kann?
Eine schöne Überschrift ist: „Was ist da in diesem Moment?“ Und dann einfach losschreiben, ohne den Stift abzusetzen. Wenn Dir nichts einfällt, schreibst Du: „mir fällt gerade nichts ein“. Es ist erstaunlich, was so alles aufs Papier findet.
Warum lohnt es sich, mit dem Schreiben anzufangen? Wie haben Sie angefangen?
Ich habe nicht angefangen zu schreiben, um ein Buch zu veröffentlichen. Ich wollte Worte finden für das, was ich erlebt habe. Ausdruck finden für das, was mich beeindruckt hat. Ein Aufenthalt in Südafrika hatte mich sprachlos gemacht, und Worte dafür zu finden, war heilsam. Wenn wir in die Sprache finden, haben wir unsere Herausforderungen zwar nicht sofort im Griff, wir haben aber etwas formuliert. Also eine Form gefunden, damit umzugehen.
Ich glaube, ich habe nichts Besonderes zu erzählen – warum sollte ich mich dann trotzdem hinsetzen?
Vielleicht schreibst du zuallererst für dich. Um sich selber ein bisschen auf die Spur zu kommen. Um etwas über sich herauszufinden. Oder, auch das ist ein Weg, schreib an Gott. Einen eigenen Psalm. Vielleicht nach Vorbild der bekannten durchbeteten Worte. Mit Dank und Klage, rotzehrlich und mit einem trotzigen „Dennoch vertraue ich auf Dich“ zum Schluss.
Gibt es einen Unterschied zwischen dem Schreiben für mich und dem Schreiben für andere? Was ist zu Beginn besser geeignet?
Am Anfang schreibst du für Dich. Und dann – manchmal – merkst du: Das will gehört werden. Nicht veröffentlicht. Gehört. Lies es vor. Einer kleinen, ausgewählten Runde. Im Lesekreis. Beim Geburtstag. Im Gottesdienst. Das ist ein nächster Schritt. Oder: Du schreibst Briefe, Postkarten, freundliche Grüße – das hat auch eine eigene Schönheit.
Kann ich Briefe, Einkaufszettel oder Tagebucheinträge auch „schöner“ schreiben?
„Schöner“ – vielleicht nicht, doch genauer, echter, lebendiger. Statt „Milch“: Wer trinkt sie, wann und warum ist immer zu wenig da…Woher kommt sie? Wie war das früher? Das Alltägliche hat eine Würde. Und oft findet sich hier eine Spur. Für mich sind Tagebuchnotizen wie die Schnappschüsse einer Fotografin. Längst nicht jedes Bild landet in einem Rahmen oder in einer Ausstellung. Doch manchmal haben wir genau den richtigen Moment festgehalten.
Der Alltag ist voller Trubel. Kann Schreiben helfen, die Gedanken zu sortieren und ruhiger zu werden?
Kopf, Herz, Kalender und Tag sind voll. Ich schreibe, was gerade tobt. Unschön. Ungeordnet. Und plötzlich liegt es vor mir – statt in mir. Das ist ein guter Unterschied. Es kann angesehen werden. Manchmal zeigt sich eine Spur, ein Thema, eine Frage. Das Schreiben hat es an die Oberfläche geholt.
Was angeschaut wird – brodelt nicht einfach weiter.
Was tun, wenn die Worte ausbleiben?
Aufhören. Spazieren gehen. Schweigen. Singen. Beten. Warten ist auch Arbeit. Der Grashalm wächst nicht schneller, wenn wir an ihm ziehen.
Kann jeder schreiben – oder braucht es Talent?
Jeder und jede kann schreiben. Nicht jede wird Hilde Domin. Doch Hilde Domin hat auch nicht für Deinen Alltag geschrieben. Du schon.
Gibt es Anfängerfehler?
Zu schön sein wollen. Zu viel sagen und erklären zu wollen. Das meiste, das ich schreibe, bleibt in meinem Tagebuch. Wenn es ein Satz, eine Idee vom Tagebuch ins Laptop schafft, ist viel passiert. Eine Spur gelegt. Wenn es vom Laptop zu Menschen kommt, die zuhören, ist nochmal mehr passiert. Und es entwickelt sich bei diesen Schritten immer weiter. Und die Resonanz, das feine Feedback von anderen, bringt Dich auch weiter.
Was möchten Sie gerne noch sagen?
Schreiben ist eine Haltung: Das eigene Leben ist es wert, angesehen zu werden. Und Zeit mit sich selbst zu verbringen, lohnt sich. Worte zu suchen und zu finden, ist eine wunderbare Erfahrung. Worte mit anderen zu teilen, auch.
5. Tipps zum Schreiben – auf einen Blick:
1. Regelmäßigkeit schlägt Perfektion: Schreib lieber täglich ein paar Minuten als selten lange Texte – Routine ist wichtiger als Umfang.
2. Schreib ohne Druck und Zensur: Dein Journal ist kein Kunstwerk. Lass Perfektion los und schreib ungefiltert, was wirklich in dir vorgeht.
3. Sei ehrlich zu dir selbst: Nicht „schön formulieren“, sondern echt sein – so entsteht echte Klarheit und Selbstverständnis.
4. Nutze einfache Einstiege: Fragen wie „Wie geht es mir heute?“ oder freies Schreiben für ein paar Minuten helfen dir, ins Schreiben zu kommen.
5. Nutze Journaling, um Gedanken zu ordnen: Wenn alles im Kopf durcheinander ist: Aufschreiben schafft Struktur, macht Gefühle greifbar und hilft dir, klarer zu sehen.