Spaziergang durch das Dorf Wolfmannshausen in Thüringen

Katholischer als Bayern

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eine Jesus-Figur steht in einem Fenster
Nachweis

Foto: Julia Reinard

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Wo Wolfmannshausen sogar ein wenig an Italien erinnert – Fensternische im 455-Seelen-Ort.

Wolfmannshausen ist eine katholische Insel im Landkreis Schmalkalden-Meiningen. Bemerkt man das als Besucher, als Einwohner, als Pfarrer? Ein Spaziergang durch den Ort.

Am hohen, schmal zulaufenden Kirchturm erkennt man Wolfmannshausen. Er wurde sogar Teil des Wappens. Nicht nur, weil er weithin sichtbar ist, sondern weil der Ort im Landkreis Schmalkalden-Meiningen katholisch ist. Katholischer als Bayern. Von den 455 Einwohnern sind 250 Personen katholisch, so das Bistum Erfurt. Das sind 56 Prozent der Einwohner. Bayern kommt nur auf 44 Prozent.

Dass Wolfmannshausen katholisch geprägt ist, hat historische Gründe: Der Ort wurde 956 in einer Schenkung des Edlen Wolmut erstmals erwähnt. Seit dem Mittelalter gehörte das Dorf zum Hochstift Würzburg, während die umliegenden Orte Teil des evangelischen Herzogtums Sachsen-Meiningen waren. 1808 kam auch Wolfmannshausen zum Herzogtum, behielt aber seinen überwiegend katholischen Glauben.

Sichtbar wird das an katholischen Festen wie Fronleichnam. An dem Tag sind einige Häuser geschmückt, erinnern an Bayern oder Italien: Figuren von Jesus und Maria, schön drapiert an Hauseingängen. Vor einigen Häusern stehen Tische; darauf Tischdecken mit gesticktem Gebet und einer Madonna, Kerzen, Bilder. Vor der Kirche liegen zwei Blumenteppiche. Sie duften nach Pfingstrosen.

ein Fenster in Wolfmannshausen ist zu Fronleichnam mit Jesus-Figur, Kruzifix und Kerzenständern geschmücktAls die Glocken läuten, füllt sich die Kirche. Knapp 100 Gläubige feiern das Hochamt. Ein Drittel kommt von außerhalb, aus Suhl und Meiningen etwa. Denn Wolfmannshausen gehört zur Pfarrei St. Marien Meiningen, eine der größten im Bistum. Sie dehnt sich über 50 Kilometer von Schmalkalden bis nach Schleusingen. Das bedeutet in der Praxis: Pfarrer Philip Theuermann braucht fünf, sechs Wochen, um in jeder Gemeinde eine Sonntagspredigt zu halten.

Wie schätzt er das ein: Ist Wolfmannshausen eine glückliche katholische Insel in der Diaspora? „Nein, auch das einstmals volkskirchlich geprägte Wolfmannshausen verändert sich“, sagt der 34-Jährige. Seiner Einschätzung nach speise sich der Status des Ortes vor allem aus der Vergangenheit.

Immer weniger Menschen seien aktiv, schmückten die Straßen, legten Blumenteppiche. Dabei hänge das Gemeindeleben an der Gemeinschaft, nicht an Pfarrern – die mittelfristig noch seltener anwesend sein werden. Um die Gemeinschaft lebendig zu halten, könne jeder selbst aktiv werden. Wer sich berufen fühle, könne denen, die es nicht mehr in die Kirche schaffen, die Kommunion bringen oder die Kinder im Kindergarten mit Jesus vertraut machen. Wer sich sonntags eine Zusammenkunft für Gläubige wünsche, könne sich zum Gottesdienstleiter ausbilden lassen. Und schließlich sagt er: „Wir wollen nicht an Formen festhalten, die verflossen sind.“ Stattdessen solle man abwägen, wo Zeit und Engagement lohnenswert investiert sind.

Aus Religion wird Tradition

Der 76-Jährige Klaus Mohr spielt in der Kirchenblaskapelle das Tenorhorn und findet: „Das Katholische prägt das Leben hier.“ Im Brauchtum, in der Erziehung mit dem „super Kindergarten“, bei Fronleichnam. Dietmar Lampert – Trompeter und der Schmied im Ort – stimmt zu: „Es prägt den Zusammenhalt im Dorf.“

Mit rund zehn Musikern begleiten die beiden die Fronleichnamsprozession. Kinder streuen Blütenblätter aus Körbchen. Sie gehören zum Kindergarten, sind aber nicht alle katholisch. So sagt eine Mutter, sie und ihr Kind gingen aus Tradition mit. 

Und das ist vielleicht das, was in Wolfmannshausen geschieht: Aus Religion wird zum Teil Tradition. Das gilt auch für die Sternsinger, deren Segen an mehr Häusern zu finden ist als die Zahl der Gottesdienstbesucher vermuten lässt.

Im Ort stehen mehrere Bildstöcke. Vor ihnen macht die Prozession Halt für Fürbitte und Gebet. An Fronleichnam trägt man seinen Glauben nach außen, zeigt ihn den anderen. Allerdings gibt es kaum Neugierige am Straßenrand, kaum wackelnde Gardinen.

Nur die Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr, die den Zug absichern, wirken wie Zuschauer. Einer von ihnen ist Adrian Spörl. An seinem Posten schaut er, dass die Prozession die Straße überqueren kann. Wäre er ohne den Dienst heute in der Kirche gewesen? „Ja“, sagt er. Er versuche, wenigstens zu den Festen in die Messe zu gehen. Merkt man seiner Meinung nach, dass der Ort katholisch ist? „Ja, das spürt man schon noch“, findet der junge Familienvater.

Andere spüren das weniger: Vereinzelte Radfahrer durchqueren den Ort. Abseits der Prozession halten Menschen einen Schwatz am Gartenzaun und antworten auf die Frage, wie katholisch Wolfmannshausen sei: „Es wird weniger.“ Es seien neue Menschen zugezogen. Auch der Pfarrer sei nicht mehr vor Ort.

Das war zu DDR-Zeiten anders, als die Enklave durch das Bistum Würzburg betreut wurde. Seit 1993 gehört Wolfmannshausen zum Bistum Erfurt. Das Dorf ist immer noch katholischer als die allermeisten Orte im Land, ausgenommen das Eichsfeld. Das sagt die Statistik. Das finden die Einwohner. Und wenn man im Ort danach sucht, dann sieht man das auch.

Julia Reinard