„FossilienGrube Twistringen“
Blick in die Schöpfungsgeschichte
Foto: Martin Lütjen
Muscheln, Schnecken, Haifischzähne: In der „FossilienGrube Twistringen“ werden Besucher oft schon innerhalb kurzer Zeit fündig.
Christian Masurenko versteht es, „Kopfkino“ zu erzeugen: „Stellen Sie sich vor, Sie schieben eine Tischdecke zusammen, lassen sie liegen und fügen morgen und übermorgen noch mehr Falten hinzu.“ Ähnlich, sagt er, müsse man sich alte Gesteinsformationen auf dem afrikanischen Kontinent vorstellen, die sich im Laufe von drei Milliarden Jahren aufgefaltet haben und oft „sehr komplex aufgebaut sind“. Der Geologe aus Marhorst bei Twistringen hat unter anderem schon in Ghana, Liberia, Mosambik und Nigeria geforscht. Aber in seiner Freizeit begeistert sich der zweifache Familienvater auch für heimatnahe Projekte.
Zum Beispiel für die „FossilienGrube Twistringen“. Das Gelände einer ehemaligen Ziegelei im Naturpark Wildeshauser Geest ist ein einzigartiger Lern- und Erlebnisort für Geologie und Paläontologie. Dort können Einzelpersonen, Familien, Schulklassen, Studierende und Fachleute gleichermaßen Fossilien freilegen und, wie Masurenko betont, „die Schöpfungsgeschichte der Erde begreifen“. Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde – so beginnt die biblische Schöpfungsgeschichte. Was die Bibel in poetischen Bildern beschreibe, offenbare die Natur in Millionen Jahre alten Spuren. „Wer heute die FossilienGrube besucht, taucht ein in eine ,Erdschöpfung‘, die sich Schritt für Schritt über lange Zeiträume vollzog – und die uns bis heute fasziniert und staunen lässt.“
Masurenko ist Naturwissenschaftler, der um die Urknall-Theorie weiß. Er ist aber auch gläubiger Christ – Protestant in einer katholischen Familie. „Wenn ich darüber nachdenke, was vor dem Urknall war, fällt es mir schwer, mir einen total leeren Raum vorzustellen“, sagt er. „Ich kann dieses Nichts gut mit dem Gedanken füllen, dass da vielleicht eine göttliche Kraft am Werk war.“ Darüber diskutiert er auch gern und leidenschaftlich mit Kolleginnen und Kollegen aus der Wissenschaft.
Die Ursprünge des Projekts „FossilienGrube“ reichen ins 19. Jahrhundert zurück, als in Twistringen Ton für Ziegel und Dränröhren abgebaut wurde. Der feinkörnige Ton entstand aus marinen Sedimenten, die sich vor rund 16 Millionen Jahren in einem Becken der Ur-Nordsee ablagerten. Schon in den 1920er Jahren stießen Arbeiter dabei immer wieder auf Gehäuse von Muscheln und Schnecken, vereinzelt auch auf Haifischzähne und Reste größerer Meerestiere. Diese Funde weckten wissenschaftliches Interesse: In den 1960er Jahren untersuchten Forscher der Universitäten Bremen, Kiel und Leiden die Fossilien systematisch und dokumentierten ihre Vielfalt.
Nach der Stilllegung der Ziegelei 1992 schien die geowissenschaftliche Bedeutung des Ortes fast vergessen. Doch 2017 entwickelte der Heimat- und Bürgerverein Twistringen die Idee, die Grube neu zu beleben – diesmal nicht für den Tonabbau, sondern als Fossiliensammelstelle und Bildungsort. Mit Hilfe der Stadt, des Stadtrates und Bürgermeister Jens Bley, des Landkreises Diepholz, der Universität Bremen, des Geozentrums Hannover sowie EU-Mitteln (LEADER-Programm) konnte 2023 mit der Umsetzung begonnen werden. Und hier war auch der fachliche Rat von Christian Masurenko gefragt.
Das Gelände musste partiell entwässert werden, es brauchte einen sicheren Zugangsweg; ein Fundprofil mit Miozän-Ton musste freigelegt werden. Ein Waschplatz und eine Schutzhütte wurden gebaut, Infotafeln aufgestellt. „Ziel war es, die Begegnung mit der Erdgeschichte für alle Menschen möglich zu machen – ohne Eintritt, ohne Barrieren, mit direktem Zugang zur Schöpfung“, sagt Masurenko.
Schöpfungsgeschichte der Bibel und Erdgeschichte der Wissenschaft sind keine Gegensätze
Die Ergebnisse sind beeindruckend: Über 160 verschiedene Fossilarten wurden nachgewiesen – Muscheln, Schnecken, Haifischzähne, winzige Foraminiferen und sogar Walwirbel und Vogelknochen. Fast jeder Besuch führt zu einem Fund. „Das dauert oft keine zehn Minuten. Bei schönem Wetter sieht man schon mal 30 Leute in der Wand herumkriechen.“ Kinder, Eltern und erfahrene Geowissenschaftler sind gleichermaßen fasziniert, wenn sie Spuren uralter Lebewesen im Ton freilegen. Christian Masurenko: „Was so in den Händen liegt, erinnert uns daran, wie groß die Schöpfung ist – und wie klein der Mensch im Zeitmaßstab der Erde." Wer den Blick in die Tiefe wage, erlebe mehr als nur Fossilien: „Hier zeigt sich, dass die Schöpfungsgeschichte der Bibel und die Erdgeschichte der Wissenschaft keine Gegensätze sind, sondern zwei Weisen, das Staunen über Gottes Welt auszudrücken.“
Für Gruppen stehen einfache Werkzeuge, Lupen und Arbeitsmaterialien bereit. Schulklassen und Exkursionsgruppen aus dem In- und Ausland besuchen die Grube bereits regelmäßig. Das Gelände ist betreut, aber bewusst niedrigschwellig organisiert. Die Grube ist täglich geöffnet, das bis zu acht Meter mächtige geologische Profil ermöglicht tiefe Einblicke in die Ablagerungsbedingungen der Urzeit Norddeutschlands.
Auch wissenschaftlich ist das Geotop bedeutend: Mikrofossilien geben Hinweise auf Klima und Paläozeanographie des mittleren Miozäns. Die Zusammensetzung der Tierwelt wird laufend untersucht, und die Grube könnte künftig verstärkt für studentische Projekte, Abschlussarbeiten und paläontologische Surveys genutzt werden. Außergewöhnliche Funde gelangen in die Geowissenschaftliche Sammlung der Universität Bremen, die in Kooperation mit der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe auch die Bodendenkmalpflege übernimmt.
Langfristig soll die „FossilienGrube Twistringen“ fester Bestandteil im geowissenschaftlichen Netzwerk Norddeutschlands werden – als außerschulischer Lernort, Forschungsobjekt und Ort der Begeisterung. Für 2026 ist eine Fossilienbörse geplant, auch Workshops und Kooperationen mit weiteren Institutionen stehen an. Doch der Betrieb erfordert kontinuierliche Pflege: Wege, Grubenwände und die Bereitstellung von frischem Tonmaterial kosten Zeit, Engagement und finanzielle Mittel. Der Trägerverein prüft derzeit Spenden- und Patenschaftsmodelle.
(asa, mit Text von Martin Lütjen und Christian Masurenko)
Ein öffentlich zugänglicher Aufschluss aus dem Miozän Norddeutschlands wurde in Twistringen für die Fossiliensuche 2024 wieder hergestellt. Träger des Projektes ist die Stadt in Zusammenarbeit mit dem Heimat- und Bürgerverein Twistringen e.V. (HuBV)
Öffnungszeiten:
1. April bis 30. Oktober (Anfang und Ende können witterungsbedingt leicht abweichen)
Tägliche Öffnung: 8 bis 18 Uhr
Kontakt:
E-Mail: info@fossiliengrube.de
Ansprechpartner: Martin Lütjen (HuBV), Silke Perin (Stadt Twistringen, Tourismus und Stadtmarketing) über Bürgerservice: Telefon 0 42 43/41 30
Die FossilienGrube ist zwischen April und Oktober täglich zugänglich. Sie liegt nahe der B51 und der Bahnlinie Bremen–Osnabrück und ist gut erreichbar aus Bremen, Osnabrück und Oldenburg.