Theologin Natallia Vasilevich hilft inhaftierten Menschen in ihrer Heimat
Christen in Belarus: Hoffnung in der Isolation
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Eine Demonstration für den belarussischen Menschenrechtler Ales Bialiatski in Vilnius 2024. Im Dezember 2025 wurde Bialiatski nach über vier Jahren als politischer Häftling freigelassen.
Auch Ales Chumakou sitzt jetzt im Gefängnis. Es klingt alltäglich und nüchtern, wenn Natallia Vasilevich, eine seiner Freundinnen, darüber spricht. Es wundert sie nicht. In Belarus kann jede und jeder für alles verhaftet werden, jederzeit. Vasilevich berichtet, Chumakou sei Anfang Dezember zunächst unter einem Vorwand festgenommen worden. Mitte Dezember warf ihm der staatliche Geheimdienst KGB dann Verbindungen zu einer „extremistischen Vereinigung“, einer Kulturinitiative, vor.
Vasilevich beschreibt ihren Freund als unpolitisch. Er ist Musiker und trat mit traditionellen Instrumenten wie der Zither auf. In seinem letzten Programm sang er Weihnachtslieder aus aller Welt, die er zuvor mit Vasilevich in die belarussische Sprache übertragen hatte. Sie sagt, seine wachsende Beliebtheit habe den Künstler zum Feind des belarussischen Regimes gemacht. Er sei eingesperrt worden, nicht weil er demonstriert habe, sondern „weil er Konzerte mit Weihnachtsliedern organisiert hat“.
Der orthodoxe Christ Chumakou gehört zu den politischen Gefangenen in Belarus, über deren Schicksal man bei der Gruppe „Christliche Vision für Belarus“ erfährt. Die Politikwissenschaftlerin und orthodoxe Theologin Vasilevich (43), die in Deutschland im Exil lebt, hat die ökumenische Initiative mitbegründet. Auf deren Internetseite findet man zurzeit 33 Namen von politischen Häftlingen aller Konfessionen, die eine besondere christliche Biografie haben oder deren Glaube für sie eine existenzielle Rolle spielt.
Sie schreiben auch an den Papst
„Uns geht es darum, Aufmerksamkeit für diese politischen Gefangenen zu erzeugen“, sagt Vasilevich. Auf der Internetseite der Gruppe finden sich die Namen und Fotos der Inhaftierten. Man erfährt, in welchem Gefängnis oder in welcher Strafkolonie sie sind und ob sie Folter erlitten haben. Man liest von ehemaligen Inhaftierten, die in den Hungerstreik getreten sind, weil politische Gefangene oft isoliert sind und ihnen selbst der Kontakt zu Seelsorgern verwehrt wird. Man erfährt auch, welches Schicksal die Familien der Gefangenen erleiden und wo beispielsweise die Kinder aufwachsen, wenn beide Eltern im Gefängnis sind.
Die Initiative will erreichen, dass sich die Menschen in den Gefängnissen nicht vergessen fühlen. Vasilevich berichtet, dass sie das Schicksal eines reformierten Theologen besonders in reformierten Gemeinden in Deutschland bekanntgemacht hat. Er konnte sogar Briefe empfangen. Nach seiner Freilassung bedankte er sich für die Kontaktaufnahme und sagte, es sei die größte Unterstützung gewesen, dass Christen in Deutschland an ihn gedacht haben. Ähnliches hört Vasilevich von vielen ehemaligen Gefangenen: „Der Glaube und das Wissen, dass andere für sie beten, haben ihnen Hoffnung gegeben und Mut, weiterzuleben.“
Die Aktivisten suchen Kontakte zu Politikern und Diplomaten oder schreiben wie im Fall eines katholischen Elternpaars auch an den Papst, um den Druck auf das Regime zu erhöhen. Nach Freilassungen versuchen sie, die Entlassenen im Exil zu unterstützen. „Sie sind nicht wirklich frei“, sagt Vasilevich. „Sie sind Deportierte und gezwungen, in anderen Ländern zu leben.“ Sie könnten nicht zu ihren Eltern und Verwandten nach Belarus reisen: „Wenn jemand stirbt, können sie nicht zur Beerdigung fahren. Sie haben keinen Pass mehr.“ Viele ehemalige Häftlinge werden nach Litauen oder in die Ukraine gebracht. Zunächst hilft die Gruppe ihnen dort mit Kleidung und Spenden für den Lebensunterhalt, mit sprachlicher und juristischer Unterstützung oder bei der Wohnungssuche.
Sie warnt vor Illusionen
Erst im Dezember entließ Belarus 145 politische Gefangene auf Druck der USA, darunter die Oppositionsführerin Maria Kalesnikava. Der Menschenrechtsorganisation Viasna zufolge sind jedoch weiterhin über tausend Menschen aus politischen Gründen inhaftiert.
Leerer werden die Gefängnisse laut Vasilevich nicht. „Es ist ein Kreislauf“, sagt sie und warnt vor Illusionen: „Es gibt Freilassungen, aber die Repressionen gehen weiter, und die freien Plätze im Gefängnis werden mit neuen Gefangenen besetzt.“
„Christliche Vision“ will nicht nur politischen Gefangenen helfen. Sie will auch erreichen, dass die Konfessionen gemeinsam für Freiheit und Demokratie kämpfen – und dafür, dass ethnische, religiöse und sexuelle Minderheiten gleichberechtigt sind und akzeptiert werden. An dieses Ziel zu glauben, fällt Vasilevich oft schwer. „Ich fürchte, wir sind weiter vom zivilisierten Miteinander entfernt als noch vor 15 Jahren“, sagt sie. Der wachsende Populismus in Europa und Russlands Krieg gegen die Ukraine lässt sie fürchten, dass „Belarus nicht die letzte Diktatur in Europa sein wird“.
Dennoch hält sie ihren Traum von einem freien, solidarischen Land hoch. Wenn es schwer wird, erinnert sie sich an die Proteste Ende 2020, mit denen sie nicht gerechnet hat. Sie glaubt daran, dass es Dinge gibt, „die wir noch nicht sehen können. Sie entstehen im Inneren und wachsen unsichtbar heran, wie ein Baby im Bauch.“ Die Politikwissenschaft, sagt sie, helfe ihr da nicht weiter, aber die Theologie: Denn „da gibt es Wunder“.