Frank Müllers Mutter entschied sich für einen assistierten Suizid

„Das ging alles viel zu schnell“

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Löwenzahn ("Pusteblume")
Nachweis

Foto: istockphoto/Adrian224

„Ich wollte dir sagen, ich werde am 8. September sterben.“ Die Worte seiner Mutter ziehen Frank Müller den Boden unter den Füßen weg. Sie hat sich für einen assistierten Suizid entschieden. Welche Folgen hat das für ihren Sohn und die Familie?

Die Wochen vor dem Tod seiner Mutter seien für ihn wie ein böser Traum gewesen, sagt Frank Müller. Wie ein Horrorfilm im Kino, bei dem man weiß, dass er mit der Wirklichkeit nichts zu tun haben kann. „Das ging alles viel zu schnell.“ 

Am 2. August 2024, einem Freitag, rief abends seine Mutter Anna bei ihm an. Sie sagte: „Ich wollte dir sagen, ich werde am 8. September sterben.“ Er fragte: „Wie? Was? Wieso am 8. September?“ Er musste mehrmals nachhaken. Irgendwann habe sie das Wort Sterbehilfe gesagt. So richtig erklären konnte sie nicht, was sie vorhatte. Aber ihr Plan stand fest. 

„Ich stand da und habe zum ersten Mal verstanden, was es bedeutet, wenn einem der Boden unter den Füßen weggezogen wird“, sagt Müller (59), der eigentlich anders heißt. Zum Schutz der Familie sind die Namen in diesem Text geändert. 

„Bei dem Thema bin ich nicht mehr an sie herangekommen.“

Am Montag beantragte er Urlaub und fuhr in ihre norddeutsche Kleinstadt, um mit ihr zu reden. Dort war alles wie immer – und doch ganz anders. „Wir haben uns super verstanden, wir konnten über alles Mögliche reden“, sagt er. „Nur bei dem Thema bin ich nicht mehr an sie herangekommen.“ 

Im Wohnzimmer fand Müller einen Brief von der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS). Anna Müller hatte am 14. Juli 2024 Unterstützung beim Suizid beantragt. Sechs Tage später wurde der Antrag bewilligt. „Ab da rollte der Zug“, sagt er.

Freitodbegleitung oder Suizidassistenz bedeutet, dass eine Ärztin oder ein Arzt einem Menschen hilft, ein tödliches Medikament zu sich zu nehmen. Die Ärztin oder der Arzt stellt diesem Menschen ein hochdosiertes Betäubungsmittel zur Verfügung und legt dafür einen Venenzugang. Damit die tödliche Infusion in den Körper gelangt, muss die sterbewillige Person den Venenkatheter selbst öffnen.

Müller versuchte, seine Mutter von ihrem Sterbewunsch abzubringen, doch er spürte, dass er kaum passende Worte fand. Einerseits wollte er ihr mit Respekt begegnen. Er sagte ihr, er wolle nicht darüber urteilen, dass sie sterben will. Doch er fragte sie fassungslos: „Warum?“ Darauf, sagt er, habe sie nur geantwortet: „Es hat nichts mit euch zu tun. Ich will euch gar nicht damit belasten.“ Als er weiter fragte, habe sie gesagt: „Ja, aber ich weiß doch gar nicht, wie ich das überhaupt schaffen soll.“

„Ich kann so nicht weiterleben, so blind und dunkel.“ 

Anna Müller hatte Angst, irgendwann im Alltag nicht mehr zurechtzukommen. Sie war seit drei Jahren blind. Bei seinen Besuchen und am Telefon erlebte der Sohn sie aktiv und selbstständig: „Sie hat ihren Alltag gut gemanagt. Ich war erstaunt, ja sogar erleichtert, wie gut das zu Hause läuft.“ Er sagt, ein Pflegedienst sei täglich gekommen; sie sei die Treppen allein rauf- und runtergegangen; sie habe gewusst, wie sie sich im Haus bewegen konnte; sie habe sich selbst Kaffee gemacht und sich in ihrer Küche zurechtgefunden. Bei seinem letzten Besuch kurz vor Ostern seien sie zusammen in den Gottesdienst gegangen. Anna Müller war in ihrer katholischen Gemeinde verwurzelt. 

Dass ihre Erblindung ihr zu viel wird, hatte sie ihrem Sohn gegenüber nie ausgesprochen. Erst als der Sterbetermin feststand, sagte sie: „Ich kann so nicht weiterleben, so blind und dunkel.“ 

In den folgenden Wochen, zurück in Süddeutschland, erinnerte Frank Müller sich an frühere Äußerungen: Sie hatte einmal gesagt, sie wolle später kein Pflegefall werden. Irgendwann in den vergangenen Monaten sagte sie auch, dass sie froh wäre, wenn sie sterben könnte. Doch dass sie sich das Leben nehmen will, daran hat Müller nicht gedacht. „Wir hätten früher handeln sollen“, sagt er. „Wir hätten uns früher informieren müssen, wie man Depressionen erkennt und wie man auf Sterbewünsche reagiert.“

Frank Müller erfuhr, dass es Geschwister der Mutter waren, die ihr von der Möglichkeit des assistierten Suizids erzählt hatten und die ihr halfen, den Antrag zu stellen. Vor ihrem Ehemann, der in einem Pflegeheim lebte, und ihren Kindern habe sie es so lange wie möglich geheim halten wollen, erzählt er: „Letztlich hat sie ihr Sterben im Alleingang beschlossen. Ihr Mann und ihre Kinder konnten dabei nur zuschauen.“

Müller schrieb an die DGHS und wies darauf hin, dass bei seiner Mutter niemals untersucht worden sei, ob sie eine Depression hat. Daraufhin, sagt er, habe die DGHS den Sterbetermin kurzzeitig storniert. Die DGHS wollte sich auf Nachfrage dazu nicht äußern.

"Pusteblume"
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Parallel bat Müller einen Psychologen vor Ort um einen Besuch bei seiner Mutter. Er hoffte, dass dieser ihren Lebensmut stärken würde. Es kam anders. Der Psychologe teilte in einem kurzen Brief seinen Eindruck mit, dass Anna Müllers Sterbewunsch freiverantwortlich und dauerhaft sei. „Das sind zwei Stichworte, die bei der DGHS wesentlich sind“, sagt Frank Müller. Das Sterbedatum wurde wieder aktiviert.

Eine Sprecherin der DGHS teilte auf Anfrage mit, dass bei volljährigen Menschen davon ausgegangen werde, dass sie freiverantwortlich entscheiden. Unabhängige Gutachten würden nicht automatisch verlangt. Sie verweist darauf, dass im Auftrag der DGHS mit der sterbewilligen Person ein juristisches und ein ärztliches Gespräch geführt werden. 

In Deutschland gibt es keine gesetzlichen Regeln für Beihilfe zum Suizid, auch keine unabhängigen Statistiken. Laut Auskunft der Sterbehilfevereine haben sich im Jahr 2025 in Deutschland 1288 Menschen durch einen assistierten Suizid das Leben genommen. Das sind mehr als einer von 1000 Verstorbenen. Frank Müller sagt: „Letztlich geht es der DGHS darum, das Sterben zu ermöglichen, nicht den Suizid zu verhindern.“

Besonders schockiert war er über eine Äußerung des Psychologen, nach dessen Hausbesuch. Dieser, so erinnert sich Müller, habe ihn gefragt, wie er denn die Lebensqualität seiner Mutter einschätze. Müller ist wütend, wenn er das erzählt: „Es wird den Menschen eingeredet, dass das Leben, wenn sie alt und gebrechlich sind, nichts mehr wert ist.“

Müller fragte seine Mutter, warum sie denn so einen Zeitdruck habe und ob man den Sterbetermin nicht wenigstens auf das kommende Jahr verschieben könne. Dabei merkte er, dass seine Einwände bei ihr Panik auslösten. Sie habe gesagt: „Wenn ich krank werde und ich muss in ein Krankenhaus, dann geht das vielleicht nicht mehr mit dem Sterben, weil die das dort nicht machen.“

Bei ihrem Tod war Frank Müller nicht anwesend. Er erzählt, dass ihm der assistierte Suizid wie eine Hinrichtung vorgekommen wäre und dass er seine Anwesenheit dabei nicht hätte rechtfertigen können. „Ich habe eben festgestellt, dass der Tod meiner Mutter etwas ist, was ich überhaupt nicht will und was ich nicht akzeptieren kann.“ 

Stattdessen flog er mit seiner Familie in den lange geplanten Urlaub. Seinen Abschied von seiner Mutter zwei Tage vor ihrem Tod empfand er als hilflos. Am Telefon sprach sie über Alltägliches. Das Sterben schien für sie kein Thema zu sein. Frank Müller sagte am Ende so etwas wie: „Dann sehen oder hören wir uns demnächst wieder. Ob im Himmel oder auf Erden.“ Er hoffte bis zuletzt, dass sie sich anders entscheidet.

Heute liest er Berichte über andere Fälle von assistiertem Suizid. Dass der Tod wie eine Dienstleistung angeboten wird – „einfacher zu bekommen als medizinische und psychologische Hilfe“, wie er sagt –, ist für ihn nicht in Ordnung: „Da muss man Einspruch erheben.“

Barbara Dreiling

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