Theresa Sperling ist eine der erfolgreichsten Poetry-Slammerinnen

Die Wucht der Worte

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eine Frau im roten Kleid
Nachweis

Foto: joergeverding

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Auf der Bühne zu stehen und in fünf Minuten eine "Riesenbotschaft" zu präsentieren, das reizt Theresa Sperling beim Poetry Slam.

Sie ist Autorin, Lehrerin und eine der erfolgreichsten Poetry Slammerinnen Deutschlands. Die Texte von Theresa Sperling sind anrührend, intensiv und tiefgründig. Und in einem davon beneidet die Nordhornerin Menschen um ihren Glauben.

Poetry Slam – das ist die moderne Form eines literarischen Wettstreits. Da tragen Künstlerinnen und Künstler in meist fünf Minuten selbstgeschriebene Texte vor: Gedichte, Geschichten, Erlebnisse. Und am Ende entscheidet das Publikum, wer gewinnt. Bei Theresa Sperling gibt es viel Applaus und viele Preise, denn ihre Beiträge gehen ins Herz und in die Seele. Wie der über ihre Bewunderung für gläubige Menschen, über den ein Pfarrer mal gesagt hat, dieser sei eine maximale Annäherung an Glaubende. Selbst in keine Religion hineingeboren und erzogen, macht die 54-Jährige in „Ich weiß es einfach nicht“ auf anrührende Weise deutlich, dass sie auf eine höhere Kraft hofft, die „größer ist als meine“.

Das Gedicht „Ich weiß es einfach nicht“ (siehe unten) ist ein Beispiel für den Grundton ihrer Worte. Theresa Sperling, die mit ihrer Familie in Nordhorn in der Grafschaft Bentheim lebt und als Lehrerin arbeitet, reißt keine flachen Witze oder macht sich auf Kosten anderer Menschen lustig. Ernsthaft und emotional spricht sie über Ungerechtigkeit, Intoleranz, Ausgrenzung – über das Leben von Menschen und ihre Fragen. Da geht es um Mobbing unter jungen Leuten und wohin das führen kann. Da erzählt sie von Geflüchteten und ihrem Schicksal. Da versucht sie, Söhnen und Töchtern Mut zu machen, jenseits aller Konventionen für sich und andere einzustehen – und räumt ehrlich ein, dass ihre eigene Sozialisation ihr dabei im Weg steht. Und sie verarbeitet als Enkelin mit großer Wucht die Familiengeschichte der Großeltern, die in der Nazizeit viel Schuld auf sich geladen haben: „Über das, was Oma/Opa taten, wird bis heute noch geschwiegen, aber einmal fragt sie ihren Vater: ‚Kann man solche Eltern lieben?’“

Ausgehungert nach Literatur

Das ist nur ein Teil ihrer wechselvollen Biografie. Sperling wächst in Berlin auf. Ihr Vater ist der Sozialwissenschaftler Alf Mintzel, Mutter Inge Lu kümmert sich um die drei Kinder und schreibt auf hohem Niveau lyrische Texte. Literatur, Sprache, Kunst und Kultur prägen den Alltag der Familie. Theresa schreibt schon in der Grundschule ihre ersten Gedichte – was damals aber nicht wirklich gefördert wird. Nach dem Abitur entscheidet sie sich für eine professionelle Tanzausbildung: in Berlin, im niederländischen Arnhem und in New York. Sie arbeitet zunächst als freie Tänzerin, ein harter Job mit ungewissen Zukunftsaussichten. Und irgendwann „fehlten mir doch die Bücher, ich war ausgehungert nach Literatur“. Sie studiert noch einmal, auf Lehramt für Deutsch, Englisch und Darstellendes Spiel – und unterrichtet diese Fächer jetzt mit Leidenschaft und dem Willen, junge Menschen in ihren Talenten zu begleiten.

eine Frau in weißer Bluse
Theresa Sperling. Foto: Lisa Stemberg

 

Über die Schülerschaft hört sie 2014 zum ersten Mal von einem Poetry Slam. „Da war ich komplett weggeflasht“, sagt sie. Innerhalb von fünf Minuten live einem Publikum „eine Riesenbotschaft“ präsentieren zu können und sich direkt einem Urteil auszusetzen – das schlägt sie sofort in ihren Bann und fasziniert sie bis heute. Und es ist so ganz anders als die Literatur, die sie vorher und hinterher geschrieben hat: Jugendromane, Dystopien über düstere Gesellschaften, Theaterstücke. „Ich bin eine bessere Slammerin als eine Romanautorin“, sagt sie selbstkritisch. Bei allem Lampenfieber – der Erfolg gibt ihr recht. Sie gilt mittlerweile als erfolgreichste Poetry-Slammerin Niedersachsens, hat unter anderem 2023 die Deutsche Meisterschaft und 2024 in der Slowakei den europäischen Titel gewonnen.

Ihre Themen findet sie manchmal beim kritischen Blick auf die Weltlage, mehr noch in der Begegnung mit Menschen. „Ich schreibe selten über mich, sondern meistens über Leute, mit denen ich zu tun habe. Und das sind Begegnungen, die mich tief berühren und wo ich das Gefühl habe, da muss jetzt etwas öffentlich gesagt werden.“ Eine große Inspirationsquelle ist dabei ihr Beruf: „In der Schule ist man einfach automatisch sehr nah dran an den Baustellen in Politik und Gesellschaft.“

Klug, empathisch und geschickt

Wichtig ist Theresa Sperling, dass sie keinen moralisierenden Zeigefinger erhebt, „weil ich’s nicht besser mache als andere“. Dabei hat sie einen hohen Anspruch an sich selbst: Klug sollen ihre Worte sein, empathisch und geschickt. So geschickt, dass ihre Zuhörerschaft sich öffnet für ein Thema, ins Nachdenken und ins Gespräch kommt. „Ich würde nie einen Text auf die Bühne bringen, in dem nicht am Ende irgendeine Perspektive geboten wird.“ Sie wünscht sich, dass ihre Texte nachwirken.

Auch der Text „Ich weiß es einfach nicht“ wirkt nach. Obwohl sie keine kirchliche Bindung hat, tritt sie gern in Gotteshäusern auf. Wie in Lingen oder mit Firmlingen kürzlich in Sögel. Nicht nur, „weil Kirchen wunderbare Orte sind“. Sondern, weil sie als suchender und hoffender Mensch davon ausgeht, dort auf Leute zu treffen, die „im Idealfall aus dieser Welt eine bessere machen wollen“. Sie beneidet Menschen um ihr Gottvertrauen, um ihren Glauben, um ihr Fundament und zollt den vielen Ehrenamtlichen ihren Respekt. Und hat einen Wunsch an und für die, „die ihren Glauben friedlich leben. Die auch jene respektieren, die die Welt mit anderen Augen sehen. Ein erfülltes religiöses Leben, Gespräch, Gebet und Fest, und dass ihr Menschen, die nicht beten können, beim Beten nicht vergesst“.l

Petra Diek-Münchow

Ich weiß es einfach nicht

Ich habe nicht gelernt zu beten und ich wüsste nicht, zu wem,

Ich hab gelernt, mir selbst zu helfen, dass andre Menschen zu mir stehn,

Verluste zu bekämpfen und Niederlagen hinzunehmen

ich bin in keine Religion geboren und in keiner Religion erzogen,

fühl mich in keiner Religion geborgen und zu keiner wirklich hingezogen,

 

Ich weiß, nicht jeder, der sich religiös nennt, handelt deshalb rechtens

Ich weiß, dass was ich tue, nicht per se als Nicht-Christ schlecht ist,

denn auch wenn ich niemals bete, geb ich als Mensch mein Bestes,

Ich versuche allen Menschen respektvoll zu begegnen,

jeden Mensch, der mir begegnet, erstmal positiv zu sehen.

Ich befolge, wenn mir möglich, die Gebote 4 bis zehn,

auch wenn es mir bei 8 und 10 doch manchmal ziemlich schwerfällt,

denn Menschen könn echt fies sein und manche ham halt mehr Geld.

 

Ach gäb es irgendeine Kraft, die mich tröstet, liebt und leitet,

eine Kraft, die nicht aus mir kommt, sondern größer ist als meine,

ich bewundre jeden, der sie glaubt zu haben, ich bin fast ein bisschen neidisch,

denn ich würd auch gern daran glauben, dass eine Größe existiert,

die größer ist als unser Leid und jeden aus dem Dunklen führt,

die immer darauf aufpasst, dass meinen Kindern nichts passiert,

die einsieht, wer ich wirklich bin und immer mein Bemühen spürt.

 

Ich möchte gerne glauben, dass nach dem Tod kein Ende ist,

dass du Mensch, den ich so liebe, danach in guten Händen bist.

Ich bin kein Atheist, ich weiß es halt nur nicht.

Ich würde wirklich gerne glauben, ich glaube aber nicht.

Es fällt mir schwer zu glauben, weil hier zu viel Leid passiert,

weil die Menschheit seit Jahrhunderten für Religionen Kriege führt.

Meine Bewunderung gilt jedem, der trotzdem diese Liebe spürt.

Der aufrichtig zum Allgemeinwohl seinen Glauben praktiziert.

 

Ich bewundre alle Menschen, die teilend für die Ärmsten ringen,

die mit ihrem festen Glauben zu den Verzweifelten durchdringen,

die den Zeilen ihrer Schriften folgend Frieden unter Menschen bringen,

die immer ruhig Probleme lösen, denn meine Wut ist oft zu groß,

die selbstlos Nächstenliebe leben, und Handeln auch in größter Not,

Ich muss nur in den Spiegel sehn könn, mich richtet niemand nach dem Tod.

 

 Darum wünsche ich den Menschen, die ihren Glauben friedlich leben

Die auch jene respektieren, die die Welt mit anderen Augen sehen,

Ein erfülltes religiöses Leben, Gespräch, Gebet und Fest

und dass ihr Menschen, die nicht beten können, beim Beten nicht vergesst.

 

Theresa Sperling, 2021