Interview zu Pfingstkirchen

„Diese Religiosität fordert uns heraus“

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Neuer Ökumene-Referent im Bistum Mainz Leandro Fontana
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Anja Weiffen

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Kritischer Blick auf Pfingstkirchen: Leandro Fontana ist
seit Januar Ökumene-Referent im Bistum Mainz.

Pfingstkirchen und charismatische christliche Bewegungen sind weltweit im Aufwind. Leandro Fontana, neuer Ökumene-Referent im Bistum Mainz, hat zu dem Phänomen geforscht. Der Theologe erklärt, was die Pfingstbewegung mit politisch rechten Tendenzen zu tun hat, und warum sie die großen Kirchen hierzulande beschäftigen wird.

Gläubige, die begeistert Gottesdienst feiern mit erhobenen Armen, wie in Ekstase. So stellt man sich Pfingstkirchen vor. Was sind Pfingstkirchen aus Ihrer Sicht als Theologe?

Das Pfingstchristentum ist eine Frömmigkeit, die sehr auf Erfahrung ausgerichtet ist. Es verzichtet bewusst auf hochtheologische Auseinandersetzungen wie etwa im Protestantismus oder Katholizismus. Der Status der Autorität hat sich bei diesen Bewegungen gewandelt: War Autorität bisher mit einem Amt verbunden, vor allem in der katholischen Tradition, oder mit der Auslegung der Schrift wie bei den Protestanten, geht es bei den Pfingstkirchen um die unmittelbare Erfahrung des Pfingstereignisses. Das heißt: Menschen legen Zeugnis ab von einer intensiven Erfahrung des Erfüllt- oder Ergriffen-Seins, des Auserwählt-Seins. Durch diese Taufe des Heiligen Geistes fühlen sich diese Christen ermächtigt und autorisiert, um überhaupt Aussagen über Gott, Jesus Christus oder das Christentum treffen zu können.

Sie haben längere Zeit zu Pfingstkirchen geforscht. Wie sind Sie dazu gekommen?

Das ist zum großen Teil zufällig gewesen. Ich komme aus Brasilien, dort wird der Erfolg der Pfingstkirchen intensiv diskutiert. In Frankfurt an der Hochschule St. Georgen war eine Stelle dazu ausgeschrieben und ich habe mich angesprochen gefühlt. Bei dem fast fünfjährigen Forschungsprojekt arbeitete ich mit Wissenschaftlern zusammen, die die soziologischen, religionswissenschaftlichen, politischen und theologischen Aspekte von Pfingstkirchen untersuchten. Wir beschäftigten uns vor allem mit dem politischen Engagement dieser Christen im globalen Süden. Die Frage war: Handelt es sich in Lateinamerika, Afrika und Asien immer um dasselbe Phänomen?

Und Ihre Antwort?

Es gibt erhebliche Unterschiede innerhalb der Kontinente. Aber was wir identifiziert haben, ist das Wirken eines starken Netzwerks, das versucht, in allen diesen Ländern reaktionäre Kräfte zu bündeln. Als Bewegung ist das die Christian Right, die Christliche Rechte. Genderkritik, Homophobie, der moralische Verfall des Westens, Pro-Life-Positionen und die Opferrolle im Hinblick auf die Herrschaft säkularer Eliten oder eine angebliche Islamisierung sind häufige Motive, die in diesen Netzwerken kursieren. Gleich ob in evangelikalen Kreisen in Lateinamerika, in afrikanischen Pfingstkirchen, in Teilen der orthodoxen Kirche in Russland oder der katholischen Kirche in den USA: Es werden ähnliche Argumentationsmuster bedient und diese auch christlich begründet. Dadurch profiliert man sich gesellschaftlich-politisch und spricht breite Kreise unzufriedener Menschen an.

Werden Pfingstkirchen politisch instrumentalisiert?

Sie instrumentalisieren sich selbst. Die Initiative kommt von ihnen, weil sie ein Netzwerk brauchen, um effektiver zu handeln. Sie wissen, dass sie zum Beispiel in Brasilien in einer Ortschaft auf dem Land nur so Aufmerksamkeit für ihre Anliegen bekommen. Denn sie zeichnen sich durch einen starken Aktivismus aus, durch den sie die gesamte Gesellschaft verändern wollen. Das beschränkt sich nicht auf ihre kirchliche Praxis, sondern wirkt in die Gesellschaft hinein durch politisches und soziales Engagement. 

Wie betrifft das Thema die Katholiken hierzulande?

Ich nehme wahr, dass auch in Deutschland die erfahrungsbasierte Religiosität relevant wird. Ältere Generationen sind von bestimmten dogmatischen Inhalten und kirchlichen Praktiken geprägt. Aber junge Menschen lassen sich durchaus begeistern von diesen Erfahrungen. Das prominenteste Beispiel hierzulande ist vielleicht die MEHR-Konferenz vom Gebetshaus Augsburg. Um diese Entwicklung werden wir nicht herumkommen. Theologisch und pastoral wird uns künftig diese Art der Religiosität mit ihren Licht- und Schattenseiten auch in Deutschland herausfordern.

Es gibt Stimmen, die sagen, dass der Erfolg der Pfingstkirchen auf Schwächen der traditionellen Kirchen hinweist. Sehen Sie das auch so?

Ich teile diese Meinung. Das hängt auch mit der Krise der Institutionen zusammen, der politischen und der religiösen. Die Menschen, die die Pfingstkirchen frequentieren, lassen sich beispielsweise nicht formal binden. Das stellt für die institutionalisierten Kirchen, zumal in Deutschland, verständlicherweise große Herausforderungen dar. Kirchensteuer und eine feste Bindung sind heutzutage unattraktiv. 

Die Pfingstkirchen finden Formen, um Menschen zu binden, ohne den Eindruck zu erwecken: Du gehörst uns und musst bei uns bleiben. Für die Pfingstkirchen besteht die Herausforderung darin, fast wöchentlich attraktivere Angebote zu machen. Bei den Katholiken ist die Seelsorge mehr oder weniger institutionalisiert. In den Bewegungen der Pfingstkirchen läuft alles auf der persönlichen Basis, aus der Begeisterung heraus, ihre Mitglieder sprechen Menschen direkt an.

Welche Herausforderung sehen Sie noch?

Eine zentrale Neuerung dieser Kirchen ist die Gabe der Prophetie. Sie hängt eng mit göttlichen Offenbarungen zusammen. Es gab in Brasilien vor der Wahl von Jair Bolsonaro jede Menge Propheten, Apostel und Pastoren, die behaupteten, sie hätten von Gott offenbart bekommen, Bolsonaro müsse gewählt werden, er werde dieses oder jenes tun. Das geschieht gleichermaßen in Afrika oder in den USA und stellt große gesellschaftlich-politische Herausforderungen dar. Auch theologisch sind diese Fragen alles andere als einfach.

Fehlt den beiden großen Kirchen, Katholiken und Protestanten, nicht auch etwas der Bezug zur Leiblichkeit und zum Mystischen?

Bei den Pfingstkirchen spielt Leiblichkeit eine zentrale Rolle. Es geht auch um die ästhetische Frömmigkeit in Gottesdiensten. Musik spielt eine große Rolle. Alle Sinne sind beteiligt. 

Die großen Kirchen hingegen sind stark von der Aufklärung beeinflusst, der die leibliche Dimension immer verdächtig war. Nicht zuletzt im Blick auf die geheimnisvolle Erfahrung Gottes. Es ist tatsächlich sehr schwierig, klare Kriterien zu definieren, um zu überprüfen, ob eine Erfahrung wirklich von Gott ist oder nicht. Aus diesem Grund gehen die etablierten Kirchen sehr vorsichtig damit um. 

Dennoch scheint es mir heute nicht mehr vertretbar, Bereiche wie Körperlichkeit und religiöse Erfahrungen von kirchlicher Praxis und Theologie auszuschließen. Hier liegen auch große Chancen. 

Anja Weiffen