Kultur im Norden
Ein begehbares Kunstwerk
Foto: SHME/Jerome Gerull
Blick über die westliche Hälfte des Jenischparks bis zur Elbe. Zu Caspar Voghts Zeiten war die Rasenfläche noch ein bewirtschafteter Acker.
Sie sehen heute noch idyllisch aus – die reetgedeckten, für Landarbeiter errichteten „Instenhäuser“ nahe des westlichen Eingangs zum Jenischpark im Hamburger Stadtteil Flottbek. „Glückliche Tagelöhnerfamilien saßen am Sonntag vor den freundlichen Wohnungen, die ich ihnen erbaut hatte, mit ihren in eigener malerischer Landestracht wohlgekleideten Kindern“, schwärmt der Hamburger Kaufmann Caspar Voght um 1836. Eine idealisierte Sicht, die Beschreibung eines Kunstwerks, in dem die Tagelöhnerfamilien mehr Staffage als Zentrum sind.
Neben diesen Instenhäusern betritt der Besucher tatsächlich ein Kunstwerk, ein begehbares Gemälde. Sein Werden schildert die Ausstellung „Parkomania“ im Jenisch Haus, einer klassizistischen Villa, die sich nur ein paar Schritte hinter den Instenhäusern erhebt. Zur Schau ist jetzt ein Buch erschienen (Jenischpark, Dölling & Galitz Verlag, 209 Seiten, 34 Euro), das in 13 Beiträgen „unerzählte Geschichten“ – so der Untertitel – über den Park bietet. Anlass ist das 240-jährige Bestehen der Anlage.
Erste Landflächen erwarb Voght bereits 1785. Ein Jahr später begann er, den Besitz systematisch zu vergrößern und eine „Ornamented Farm“ aufzubauen, wie er sie bei beim Besuch des Landguts „The Leasowes“ des englischen Dichters William Shenstone nahe Birmingham gesehen hatte. Ergebnis war ein großes Gut, das mit einem Landschaftspark englischen Stils kombiniert wurde. Voght empfand sich als Gärtner und Künstler, der „eine arkadische Ideallandschaft erschaffen konnte“, schreibt Nicole Tiedemann-Bischop im Buch zur Schau. Es war zugleich ein soziales Projekt. So zahlte Voght seinen Angestellten beispielsweise einen Teil des Lohnes auch im Krankheitsfall. Und er bot ihnen bezahlbaren Wohnraum mit eben jenen Instenhäusern.
Gleich rechts neben dem Jenisch Haus steuert der Besucher auf ein paar dicht nebeneinander stehende Stieleichen zu. Es ist ein „Clump“, eine gezielt an dieser Stelle gepflanzte Baumgruppe, die für sich schon ein Motiv wie in einem Landschaftsgemälde darstellt. Umfasst wird das Areal vom „Belt Walk“, eine Art Rundgang, der immer wieder neue Naturerlebnisse bietet. Bald fühlt man sich mitten im Wald, dann öffnet sich der Blick wieder zur Umgebung. Später trifft man auf einen gewaltigen grauen, entrindeten Baumstamm, wie man ihn eher in Gemälden romantischer Maler vermuten würde. Heute bietet er als Totholz ein Biotop für Insekten.
Blick auf die Schattenseiten
Besonderes Verdienst von Ausstellung und Buch ist der Blick auf bislang wenig beachtete oder gar ignorierte Schattenseiten Voghts, der seinen immensen Reichtum auch dem Sklavenhandel verdankte. Er tauschte zwar keine Waffen oder Textilien bei afrikanischen Herrschern gegen Sklaven ein, die dann auf Plantagen in Amerika zur Produktion von Zucker, Tabak und anderen Gütern schufteten. Er erwarb aber diese Waren dort und verkaufte sie mit hohem Gewinn in Europa. Seine Biografie „vereinigt typische Widersprüche seiner Zeit“, wie Tiedemann-Bischop weiter schreibt.
Voghts Geschäft wurde infolge der Napoleonischen Kriege ruiniert, er konnte sein arkadisches Projekt nicht mehr finanzieren. Das Gut, das ursprünglich ein noch viel größeres Gelände im Norden und Westen des heutigen Areals umfasste, erwarb die Familie Jenisch, nach der der Park heute benannt ist. Sie errichtete auch die klassizistische Villa. Sie war ihr Sommersitz, ein Repräsentationsgebäude mit Freizeitpark. Die Jenischs legten auch eine äußerst lange Zufahrtsstraße von der Südostecke des Parks an, die nach Überquerung des Flüsschens Flottbek in ein kleines Wäldchen führt, dann unter einer Holzbrücke hindurch zu einem sonnenbestrahlten Hügel, auf dem die Villa in aller Pracht leuchtet. Aus Voghts arkadischem Sozialprojekt war die Inszenierung von Reichtum und Macht geworden. Hier wird kein respektvoller Gleichklang mehr von Natur und Mensch gesucht, hier wird Natur, auch die menschliche Natur unterworfen.
1927 pachtete die damals noch eigenständige Stadt Altona das Gelände und verhinderte damit dessen Parzellierung und die Erweiterung des benachbarten Golfplatzes auf das Areal des heutigen Jenischparks. Außerdem wurde die Anlage öffentlich zugänglich. Seit 1933 ist das Jenisch Haus eine Außenstelle des Altonaer Museums. Nach dem Zweiten Weltkrieg errichtete der Unternehmer Hermann F. Reemtsma das Ernst Barlach Haus, 2017 kam mit dem Bargheer Museum noch ein drittes Ausstellungshaus hinzu. Es wird also auch noch reichlich Kultur und (Landschafts-)Kunst im Jenischpark geboten, selbst wenn die Ausstellung „Parkomania“ am 6. September endet und dann das Jenischhaus für längere Zeit wegen umfangreicher Sanierungsarbeiten geschlossen bleibt.