Sommerserie: Zeit meines Lebens Teil 2
Der pilgernde Pastor aus Twist
Foto: privat
"Ich sauge alle Details auf": Pastor Ulrich Hirndorf ist seit Mai unterwegs auf verschiedenen Pilgerwegen - hier im Ammerland.
Noch bis Ende Juli ist Ulrich Hirndorf für sein Pilgerprojekt „Ein Stück Himmel“ mit seinem zum Minicamper umgebauten Bulli unterwegs. Nur selten kommt der lutherische Pastor zwischendurch mal nach Hause ins emsländische Twist. Wie kürzlich, und das nicht bloß zum Wäschewaschen, sondern mehr noch für die Abifeier des Sohnes, eine besondere Familienfeier – und um dem Kirchenboten von seinen „wunderbaren Erlebnissen“ zu erzählen. Unter der schattigen Laube auf der Terrasse zeigt er seinen Pilgerstab, geschnitzt aus einem Nektarinenbaum des heimatlichen Gartens, staubige Schuhe, seinen Hut und etliche Karten von Pilgerpfaden. Und Hirndorf fließt förmlich über, wenn er von all den Bildern und Begegnungen berichtet, die er schon jetzt erlebt hat. „Ich sauge alle Details in mich auf.“
Aber wie kann sich ein Pastor einfach mal so drei Monate Zeit nehmen für solch ein Projekt – bei vollen Bezügen? Hirndorf kann die Frage gut verstehen. Seine Landeskirche bietet Seelsorgern nach einer bestimmten Zeit der Berufstätigkeit ein Studiensemester an – das er in eine mobile Studienzeit umwandeln darf. Natürlich ist das für den 57-Jährigen auch eine Art Auszeit, „um sich noch mal zu resetten und einiges für mich zu klären“. Aber im Fokus steht ein fest umrissenes Thema und Ziel: Pilgerwege im Nordwesten und Nordosten auf eigenen Füßen und mit dem Rad kennenzulernen und mit den Ergebnissen den Schwerpunkt Pilgern für das Kloster Frenswegen weiter auszubauen.
Der weiße Fleck auf der Pilgerkarte soll gefüllt werden
In dem ökumenischen Tagungshaus, unter dessen Dach in Nordhorn sechs Konfessionen zusammenarbeiten, gehört Hirndorf mit zwei weiteren Seelsorgern zum Team der Studienleiter. Sie organisieren für die Gäste das Programm mit Gottesdiensten, Kursen, Vorträgen und Aktionen. Und direkt neben dem Haupthaus entsteht in diesen Monaten eine neue Pilgerherberge – für alle, die in der Grafschaft Bentheim oder angrenzenden Regionen unterwegs sein möchten und eine Unterkunft suchen. Im Frühjahr 2027 soll das Gebäude eröffnet werden.
Aber Hirndorf und seine Kollegen Bernd Overhoff (katholisch) und Reiner Rohloff (reformiert) möchten es dabei nicht belassen. „Bislang ist hier bei uns ein weißer Fleck auf der Pilgerkarte", sagt er und hat recht. Oben in Ostfriesland gibt es den „Schola Dei“-Pfad, im nördlichen Emsland den Hümmlinger Pilgerweg, in der Grafschaft Bentheim den kurzen Vechteweg und seit Kurzem den aus den Niederlanden kommenden Abstecher zum Jakobsweg. Das Frenswegener Team möchte das künftig ändern und weitere Wege durch die Grafschaft vielleicht mit Anbindung an das Emsland, Nordrhein-Westfalen und die Twente entwerfen. „Wir haben sechs Konfessionen und da wären zum Beispiel sechs thematische Radpilgerwege schön“, sagt Hirndorf und hat schon Ideen dafür: mit entsprechendem Material als selbstständig zu radelnde Tour oder begleitet mit Impulsen und Übernachtung in der Pilgerherberge.
Und worauf man da als „Herbergsvater“ achten muss, das will er bei seiner Studienzeit lernen. Ganz bewusst macht Ulrich Hirndorf das allein. Er war schon unterwegs unter anderem im Wangerland, in der Lüneburger Heide oder auf dem Elisabethweg in Hessen. Mal zu Fuß, mal auf zwei Rädern, mal dasselbe auch mühsam schiebend. Hat anfangs im Mai noch bei nur zehn Grad gefröstelt, dann im Juni bei 30 Grad und praller Sonne geschwitzt. Und er hat sich in den nächsten Wochen vorgenommen: ein Stück auf der Via Baltica hoch oben nahe der Ostseeküste, eine Etappe auf der Via Scandinavica über Lübeck, einen Tag auf dem Birgittenweg in Mecklenburg-Vorpommern. Überall sammelt er praktische Erfahrungen. Gibt es eine gute Karte und Hinweisschilder? Wie sind die Wege befestigt? Wo befinden sich Unterkünfte und wie sind die ausgestattet? Kann man unterwegs auch eine Pause in einer Eisdiele machen?
Was brauchen die Pilgerinnen und Pilger in Frenswegen?
Denn vor allem auf eine Frage sucht er die passenden Antworten für Frenswegen: Was brauchen Pilgerinnen und Pilger, damit sie gut unterwegs sein können? Das sind manchmal einfache Dinge wie ein Pilgerstempel: „Das ist vielen ganz wichtig für ihr Pilgerheft.“ Das sind aber zugleich solche Angebote wie Kaffee, Waschpulver und Bettbezüge in der Pilgerherberge. „Das schleppt ja keiner in seinem Rucksack immer mit.“ Und noch eins ist dem lutherischen Pastor wichtig: geistliche Impulse für das neue Pilgerwege-Netz in der Grafschaft. Ein Gebet, eine Meditation, ein Lied, ein Detail vielleicht in einer der Kirchen am Weg – alles gut aufbereitet in einer kleinen Broschüre. Dafür hat er unterwegs schon Beispiele gesehen.
Auch persönlich nimmt Hirndorf viel mit von diesem Projekt. Er räumt ein, dass es ihm anfangs schwerfiel, sich vom Alltag mit Terminen, Kalender und Mails zu verabschieden. „Ich habe da vorher schnell noch den Draht vom Hühnergehege geflickt und gedacht, dass sich mein Leben auch manches Mal wie eingesperrt anfühlt.“ Drei Wochen hat es gedauert, bis er richtig loslassen konnte – bis er den angedachten Blog auf Instagram bewusst nicht mehr fortgesetzt hat. „Sich auf alles einzulassen und sich dem Vertrauen hinzugeben, dass der Weg einfach so eine Menge zu bieten hat – das ist für mich heute schon die größte Erkenntnis.“
Manchmal sitze ich einfach am Deich und schaue auf das Meer
Deshalb mag sich Hirndorf bewusst keinem Druck aussetzen. Er will nicht wie in einem Wettbewerb eine bestimmte Kilometerzahl am Tag schaffen. Heute sind es vielleicht nur zehn, am nächsten Tag 25. „Und das ist gut so.“ Viel lieber möchte er Zeit haben für die Bilder, die sich ihm auftun: wie der Regen vom wolkenverhangenen Himmel fällt, wie das Licht sich am Abend verändert, wie Moos eine Baumrinde überzieht, wie der von vielen Händen blank geputzte Türknauf am Hauptportal einer Kirche schimmert. „Und manchmal sitze ich einfach am Deich und schaue auf das Meer. Genau wie die Schafe neben mir.“
Was er ebenso schätzt, sind die Gespräche mit den Menschen, die sich bei einer Pause oder einer Übernachtung zufällig und zuerst wie ein Small Talk ergeben. „Am Ende ist man bei Gott und der Welt, bei einer ganz eigenen Spiritualität mit einem Gottesbild, das vielleicht verschüttet oder ganz anders als das eigene ist.“ Und bei manchen spürt er ein tiefes Gottvertrauen mit einer lang gelebten Glaubenspraxis. Das macht ihn dankbar und demütig zugleich, da spürt er das Stück Himmel hier unten.
Sommerserie 2026
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