Eine Frau erzählt, warum sie Pilger bei sich aufnimmt
Ein Dach für eine Nacht
Foto: Jon Tyson, Unsplush
Dass Pilgernde auf Gastfreundschaft angewiesen sind, ist so alt wie das Pilgern selbst. Auch Jesus schickt seine Jünger los – angewiesen auf das, was unterwegs gegeben wird.
Früher war die 63-Jährige auf vielen Pilgerwegen unterwegs. Zum ersten Mal vor zehn Jahren. Da ging es den Mosel-Camino entlang: „Von Koblenz bis Trier. Ich habe da wunderbare Erfahrungen gemacht“, sagt Barbara Heimbach. Mit einer Freundin lief sie jeden Tag etwa 20 Kilometer zu Fuß. Das letzte Mal war sie kurz vor Corona pilgern: den portugiesischen Jakobsweg. Porto bis Santiago. In 14 Tagen. Heute würde Heimbach gerne nochmal in die Wanderschuhe schlüpfen. Doch ihre Gesundheit lässt es nicht zu, erzählt sie.
Dafür öffnet Heimbach anderen Pilgernden die Tür. Genauer: die Tür zur Ferienwohnung auf ihrem Grundstück. Denn Pilgerunterkünfte zu finden, ist nicht immer einfach. Heimbach sagt: „An manchen Strecken, vor allem Richtung Frankreich, muss man lange im Voraus eine Unterkunft buchen. Da kann es schwierig werden, ein Bett zu finden.“
„Da sind immer schöne Gespräche entstanden“
Dass Pilgernde auf Gastfreundschaft angewiesen sind, ist so alt wie das Pilgern selbst. Auch Jesus schickt seine Jünger los – ohne Geld, ohne zweites Hemd, angewiesen auf das, was unterwegs gegeben wird. „Wer euch aufnimmt“, sagt er, „nimmt mich auf.“ Wer einem dieser Wanderer auch nur einen Becher frisches Wasser reiche, der „wird gewiss nicht um seinen Lohn kommen“ (Mt 10,40–42). Bei Heimbach gibt es zusätzlich Tee, Kaffee und abendliche Gespräche im Garten. Frühstück? Fehlanzeige! Heimbachs Angebot ist keine Heldentat, keine Predigt. Nur das, was Jesus fordert: ein Dach über dem Kopf für eine Nacht.
Nur wenige Euro kostet eine Übernachtung, doch um Geld geht es der ehemaligen Pilgerin nicht. Nüchtern sagt Heimbach: „Meinen Lebensunterhalt bestreite ich davon nicht, sonst wäre ich längst verhungert.“ Im vergangenen Jahr seien gerade einmal acht Pilgernde bei ihr untergekommen. Kein Grund, das Zimmer nicht zur Verfügung zu stellen. Heimbach sagt: „Wir hatten den Platz hier, und ich habe gesagt: Warum nicht?“
Schließlich kannte sie das Konzept privater Unterkünfte noch von ihren eigenen Pilgerreisen mit der Freundin: „Wir sind damals selbst in vielen Familien sehr nett aufgenommen worden“, sagt sie. „Da sind immer schöne Gespräche entstanden.“ Mit einer Gastgeber-Familie hat sie sich so gut verstanden, dass sie am Ende eine Karte aus Santiago geschickt hat. „Das war eine sehr herzliche Sache.“
Bei Matthäus sagt Jesus: „Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf, und wer mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat.“ Steht also ein Müder auf der Türschwelle und bittet um Unterkunft, dann steht da mehr als nur ein Wanderer. Heimbach würde das wohl nicht so groß formulieren, würde im Fremden weder Jesus noch Gott sehen. Und doch stimmt es im Kleinen vielleicht auch bei ihr. Denn: Es gebe zwischen ihr und den Pilgernden „eine gemeinsame Basis“, sagt Heimbach.
„Manchmal setzen wir uns zusammen in den Garten und plaudern einfach ein bisschen.“ Dann erzählen beide Seiten – Gastgeberin und Pilger – von ihren Erfahrungen. „Warum wir losgelaufen sind oder wo wir uns schon alles verlaufen haben“, sagt Heimbach. Sehr berührt habe sie, als eine Gruppe Mädels nach einem Jahr noch einmal an die Tür klopfte, weil es ihnen so gut bei Heimbach gefallen hatte. „Sie haben die Unterkunft dann als Basis genommen, sind von dort aus auf Tagestouren gegangen. Denn auf manchen Abschnitten ist es einfach schwierig, Unterkünfte zu finden.“
Sie gehen und kommen bei sich selbst an
Die Pilgernden sind für Heimbach nicht nur Kurzzeitmieter. Es sind Menschen unterwegs, wie sie es selbst einst war. Und so gibt sie weiter, was ihr damals geschenkt wurde: ein Stück Verbundenheit auf fremdem Weg und eine offene Tür. Denn ohne Menschen, die Fremden ihre Türen öffnen, ist das Pilgern nur schwer möglich.
Eine solche Erfahrung wünscht Heimbach jedem einmal im Leben. Sie sagt: „Dieses weite Gehen führt dazu, dass man bei sich ankommt. Ich bin jedes Mal breit grinsend wiedergekommen und war komplett entspannt.“
Welchen Lohn Matthäus denen verspricht, die Pilgernden auf ihrem Weg Unterkunft bieten, lässt Jesus offen. Vielleicht zeigt er sich in unterschiedlicher Form: als Postkarte aus Santiago. Als Mädelsgruppe, die wiederkommt. Als Garten voller Geschichten.