Singen, beten – und spielen

Kinderkirche in Herne

Image
Kircheninnenraum, Blick Richtung Altar
Nachweis

Foto: Pfarrei St. Dionysius Herne; istockphoto/Iana Miroshnichenko

Caption

Eine besondere Zeit: Kinder und Eltern erleben schöne Stunden in der Kinderkirche – egal, ob bei einer Erstkommunionfeier, wie hier vor einigen Wochen, oder im Sonntagsgottesdienst.

Eine Pfarrei in Herne probiert Neues aus: eine Kirche nur für Eltern und ihre Kinder. Alle Angebote der Familienpastoral sollen an einem Ort gebündelt werden. Was heißt das für die Gemeinden? Und ist das eine Chance, Familien wieder für die Kirche zu begeistern?

„Hier, Papa, das sollen wir spielen.“ Das kleine Mädchen hält ihrem Vater ein Kartenspiel entgegen. Der legt den Zeigefinger auf seinen Mund, macht leise „Psst“, öffnet dann aber die Pappschachtel des Spiels. Vorne, am kleinen Holzaltar, begrüßt Pastor Thomas Poggel gerade die Familien zum Gottesdienst, die fünfköpfige Band hinter ihm stimmt das erste Lied an. Das Mädchen schnappt sich seinen Hocker, klappt den daran befestigten Tisch um und sortiert die Karten in zwei Stapel. Die Messe geht los – das Spiel auch. Es ist ein ganz normaler Sonntagmorgen in der Kinderkirche St. Marien in Herne. Gut 30 Kinder und ihre Familien sind zusammengekommen, um einen Kaffee zu trinken, sich zu unterhalten, zu spielen – und Eucharistie zu feiern. Denn in der Kinderkirche gehört all das zusammen: treffen und beten, leise sein und laut lachen, Spiele spielen und Gottesdienst feiern.

Seit einem Jahr ist die Marienkirche in Herne keine klassische Gemeindekirche mehr. Die Bänke wurden herausgenommen, stattdessen stehen Stühle und
Kinderhocker in einem Kreis im Mittelschiff. Dort befinden sich auch Altar und Ambo. Im Chorraum der Kirche steht ein großes Zelt, in das sich Gruppen zurückziehen können. In den früheren Seitenkapellen sind heute Bobbycars geparkt, Kuschel- und Leseecken eingerichtet, Bastelecken und ein Kickertisch aufgebaut. Zusätzlich gibt es ein Elterncafé: einige Tische und Stühle und eine Teeküche, gebaut aus einfachen Möbeln, um Getränke, Kekse und Süßes anbieten zu können. 

St. Marien ist einer von sieben Kirchorten in der Pfarrei St. Dionysius in Herne. In der Stadt im Ruhrgebiet leben rund 150 000 Menschen, 37 000 von ihnen gehören der katholischen Kirche an – doch immer weniger besuchen noch Gottesdienste. Deshalb will das Erzbistum Paderborn Angebote an einem Ort bündeln, um Geld, Personal und Ressourcen zu sparen. Familienpastoral, Taufpastoral und Erstkommunionvorbereitung wird es in der Pfarrei künftig nur noch in der Kinderkirche geben. Sie soll zu einem katholischen Zentrum für Familien werden. 

Kinder auf Holzstühlen in einer Kirche, ein Pastor steht davor, im Hintergrund Personen hinter schwarzen Notenständern
Foto: Marco Ostendorf

„Wer von euch kennt das Spiel ‚Reise nach Jerusalem‘?“, fragt Pastor Poggel. Er schaut in die Runde der Kinder und Erwachsenen. Einige Jungen und Mädchen zeigen auf. „Habt ihr Lust, es hier zu spielen?“, fragt Poggel und stellt Stühle in einer Reihe auf. Die Kinder flitzen drumherum; als die Musik endet, lassen sich alle auf einen Platz fallen – und wundern sich, dass ein Stuhl frei bleibt. Poggel sagt: „Gerade im Evangelium haben wir gehört, dass Jesus uns sagt: Im Haus meines Vaters ist Platz für alle. Niemand wird ausgeschlossen, alle dürfen bei Gott sein.“ 

Mit diesem Spiel anstelle der üblichen Predigt bringt der Priester die Kinder und die Erwachsenen zum Nachdenken. Das Evangelium, das sonst ein wenig abstrakt bleibt, wird auf einmal verständlich. „Ich bin immer gespannt, ob die Kinder sich auf die Aktion einlassen und mitmachen. Das ist ja alles spontan“, sagt Poggel. Gerade deshalb feiere er gerne die Eucharistie in der Kinderkirche. Ihm gefällt die Herausforderung, die biblischen Texte des Sonntags für Kinder aufzubereiten. 

Die Gottesdienste und Veranstaltungen in der Kinderkirche richten sich an Mädchen und Jungen bis zehn Jahre und ihre Eltern. An drei Sonntagen im Monat gibt es einen Wortgottesdienst; am ersten Sonntag ist eine Eucharistiefeier und anschließend ein Mittagessen im Gemeindehaus. Zusätzlich nutzen Jugendgruppen, die katholischen Kitas und die Grundschulen die Kirche für Gottesdienste oder Gruppenstunden. Es gibt ein jährliches Familienfest, Mitmach-Konzerte und Lesungen. Gemeindereferent Joakim Bull sagt: „Jeder kann hier sonntags um 9.30 Uhr herkommen und mit uns die Messe feiern. Aber es soll kein Ort sein, der nur dafür aufgeschlossen wird.“ 

Eine große Veränderung

Aus dem Pastoralteam sind Bull und Gemeindeassistentin Franziska Kroh verantwortlich für die Kinderkirche und haben ihre Entwicklung von Anfang an begleitet. „Für die ursprüngliche Kirchengemeinde hier war das ein krasser Einschnitt. Ich musste den Leuten klarmachen: Ich nehme euch euren geliebten Ort weg und verändere ihn grundlegend. Das ist nicht einfach“, sagt er. Viele Menschen verbänden mit der Marienkirche wichtige Ereignisse in ihrem Leben, sie sei für sie ein Stück Heimat. 

Bull und das Pastoralteam diskutierten viel mit den Gemeindemitgliedern. Denn klar war auch: Bei immer weniger Kirchenmitgliedern und Gottesdienstbesuchern müssen Kirchen aufgegeben und für andere Kirchen neue Konzepte gefunden werden. „Ein pastorales Komplettprogramm an jedem unserer Kirchorte können wir nicht mehr leisten. Dafür fehlen die Ressourcen. Also bündeln wir die Kräfte für Familienpastoral nun an diesem Ort“, sagt Bull. 

Der Veränderungsprozess in den vergangenen Jahren sei „hart und mit viel Trauer verbunden“ gewesen, erzählt der Gemeindereferent. „Aber ich glaube, wir sind jetzt auf einem guten Weg.“ Mittlerweile hätten sich die Gemeindemitglieder von St. Marien zu einem großen Teil mit der neuen Nutzung ihrer Kirche arrangiert. Einige kämen nach wie vor dort zum Gottesdienst, weil sie sich freuten, Kinder im Gottesdienst zu erleben, sagt Bull. Eine Frauengruppe feiert regelmäßig eine Werktagsmesse in der Kirche und nutzt das Elterncafé anschließend für ein Frühstück. Andere besuchen nun Gottesdienste in den anderen Kirchorten, die nur drei bis sechs Kilometer von St. Marien entfernt liegen. Einige haben dort auch wieder ihren Dienst als Kommunionhelfer oder Lektorin aufgenommen. 

„Bei ein paar Leuten ist es uns aber nicht gelungen, sie von der neuen Nutzung zu überzeugen. Sie sind einfach immer noch traurig und enttäuscht“, sagt Bull. Damit das Konzept der Kinderkirche funktioniere, habe er „mit Mut und Konsequenz“ die Kirche neu gestalten müssen. Er und sein Team hätten etwa zu Anfang überlegt, nur die Hälfte der Kirchenbänke aus der Marienkirche zu entfernen – ein Kompromiss für die bisherige Gemeinde. „Aber das hätte letztlich niemandem etwas genutzt“, sagt Bull. 

Unterstützung durch Ehrenamtliche

In seiner Arbeit für die Kinderkirche wird er von einem großen Team von Ehrenamtlichen unterstützt. Dazu gehört auch Christina Terfloth. Die St.-Marienkirche ist ihre Heimatgemeinde. Als Jugendliche hat sie sich hier in der Katholischen Jungen Gemeinde engagiert und Gemeinschaft erlebt. „Das wünsche ich mir für meine beiden Kinder auch“, sagt Terfloth. Aber sie weiß: Immer weniger Familien fühlen sich der katholischen Kirche verbunden. Die Kinderkirche stellt sich gegen diesen Trend. „Die Familien, die hierherkommen, wachsen zusammen“, sagt Terfloth. „Da entsteht so ein Spirit.“ 

Drei Personen stehen in einer Kirche im Hintergrund der Altar, links ein Mann, rechts ein Mann, in der Mitte eine Frau
Foto: Marco Ostendorf

Immer wieder hört sie, dass Eltern glücklich sind, einen Ort gefunden zu haben, an dem sie ihren Glauben leben können – und an dem die Kinder im Mittelpunkt stehen. Viele haben die Erfahrung gemacht, dass sie böse Blicke ernten oder angeraunzt werden, wenn die Kinder im Gottesdienst nicht stillsitzen und zuhören. „Sie dürfen nicht so sein, wie Kinder sind. Und das schafft bei den Eltern das Gefühl, man sei nicht willkommen“, sagt Terfloth. 

Die Kinderkirche will anders sein. Die Kinder sollen auch hier während des Gottesdienstes möglichst ruhig sein und länger sitzenbleiben.  Zugleich ist es aber erlaubt, dass sie sich ein Bilderbuch holen, etwas trinken oder mit ihrer Puppe in der Kuschelecke verschwinden. „Es gibt Kinder, die schaffen es, 45 Minuten lang dem Gottesdienst zu folgen und mitzumachen. Und es gibt andere, die können nicht so lange aufmerksam sein“, sagt Gemeindereferent Bull. 

Die Kinderkirche möchte er zu einem Ort entwickeln, an dem sich alle Familien wohlfühlen – egal, wie kirchenverbunden sie sind. „Früher haben wir versucht, alles sehr korrekt zu machen. Wir hatten einen hohen liturgischen Anspruch, der heute Menschen überfordert und ausgrenzt“, sagt der Gemeindereferent. In der Kinderkirche solle sich jeder willkommen fühlen: „Sie sollen spüren: Ich bin hier in einer katholischen Kirche – und ich werde herzlich aufgenommen. Ich muss nichts leisten, nichts wissen, nichts einbringen. Ich darf erst mal nur mit meiner Familie hier sein.“ 

Bei den Erstkommunionfeiern in den vergangenen Wochen hat Bull das bereits erlebt. „Eltern haben mir gesagt, sie hätten mich für verrückt gehalten, hätte ich ihnen vor ein paar Monaten gesagt, dass sie künftig häufiger eine Kirche besuchen würden. Aber genau das ist passiert“, sagt er. „Die wurden ein bisschen angefixt. Sie nehmen für sich und ihre Familie etwas mit. Sie gehen mit einem frischen und schönen Gefühl nach Hause.“ Dem Gemeindereferenten ist klar, dass er nicht auf einmal jeden Sonntag eine volle Kirche haben wird. Aber er sagt: „Wenn die Leute uns wahrnehmen und sagen: Ey, am Sonntag ist hier Kinderkirche, lasst uns doch mal hingehen – dann haben wir alles erreicht.“

Kerstin Ostendorf