Positives Denken

Werner Tiki Küstenmacher: „Ich sehe immer die Möglichkeiten“

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Werner Tiki Küstenmache
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Foto: Nadine Keilhofer/Herzflimmern 

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Werner Tiki Küstenmacher möchte sein Publikum an das Gute erinnern, das auf der Welt passiert.

Viele kennen Werner Tiki Küstenmacher durch seine lustigen Kirchencartoons oder durch sein Buch „Simplify your life“. Der evangelische Theologe mit dem besonderen Namen liebt positives Denken – gerade weil er als Jugendlicher ein angstbesetztes Gottesbild kennengelernt hat.

„Dass in diesem Namen ein Zauber ist, das war mir immer klar“, sagt Tiki Küstenmacher. Tiki – das klingt nach einer Verkleinerungsform, so wie Mariechen für Maria. Doch der Name ist groß: Er stammt von einem polynesischen Sonnengott – und steht für die Hoffnung einer ganzen Familie auf einen Neuanfang.

Zu Neuanfängen hat Werner Tiki Küstenmacher viele Menschen inspiriert. Der evangelische Theologe ist in den 1980er Jahren mit Illustrationen und Bibelcartoons bekannt geworden. Sein Markenzeichen: Figuren mit großer Nase und Kulleraugen. In den 2000er Jahren feierte Küstenmacher seinen größten Erfolg; in dem Buch „Simplify your life“ leitete er Menschen an, ihr Leben zu vereinfachen. Bis heute ist Küstenmacher als Autor und Moderator in ganz Deutschland unterwegs. 

Erst auf dem Sterbebett, sagt Küstenmacher, habe seine Mutter ihm detailliert erklärt, warum sie und sein Vater einen so besonderen zweiten Namen für ihn gewählt hatten. Sie erzählte von der schwierigen Zeit während des Zweiten Weltkriegs und danach. Vom Verlust ihrer Tochter, die wenige Tage nach der Geburt an einer Rhesus-Unverträglichkeit starb. Von der jahrelangen Kriegsgefangenschaft ihres Mannes. Von ihrer Vergewaltigung durch russische Soldaten und der Totgeburt des Kindes in einem Straßengraben. „Die Zeiten waren dunkler, als ich es hätte ahnen können“, sagt Küstenmacher. 

» Vieles in der Welt entwickelt sich positiv und doch schauen wir nur auf das, was schlecht ist. «

Mit seiner Geburt sollten Licht und Leichtigkeit in das Leben der Familie zurückkehren. Was passte da besser als der Name eines Sonnengottes? „Meine Mutter hat das Buch des Abenteurers Thor Heyerdahl gelesen. Das war ihre Inspiration“, sagt Küstenmacher. Heyerdahl war 1947 mit seinem Floß Kon-Tiki, benannt nach dem Sonnenkönig der Inka, von Peru bis nach Französisch-Polynesien gefahren. Eine Geschichte von Aufbruch, Abenteuer und Vertrauen, die Küstenmachers Mutter faszinierte. 

Buch Küstenmacher
"Einfach Tiki". Foto: Verlag Herder

Aufbrüche erlebte er als Kind in der Zeit des Wirtschaftswunders. „Gegenüber von unserem Mietshaus stand eine Ruine – und zwei Jahre später war da ein neues Wohnhaus“, sagt Küstenmacher. Er erinnert sich auch an Ausflüge zum einst größten Schuttberg der Stadt München: „Später wurde der Olympiaberg daraus. Es ist fantastisch, was sich damals entwickelt hat.“ Ebenso in seiner Familie: „Wir hatten nie viel Geld. Restaurantbesuche waren für uns unvorstellbar. Das war eine andere Welt, die wir von draußen bestaunten. Aber meine Mutter war eine Lebenskünstlerin. Sie hat immer das Beste daraus gemacht.“ So habe er als Tiki gar nicht für viel Sonnenschein sorgen müssen: „Ich musste den Optimismus nicht erfinden. Der war in unserer Familie immer da.“

Heute möchte er den Optimismus weit über seine Familie hinaus verbreiten. Seit einigen Jahren beschäftigt sich Küstenmacher intensiv mit dem limbischen System unseres Gehirns. In einem Buch stellt er dieses emotionale Zentrum des Menschen als kleines, wuscheliges Wesen dar, das sehr ängstlich ist. „Unser Hirn hat einen Drall ins Negative. Es ist sehr fein eingestellt auf mögliche Gefahren und schlägt schnell Alarm“, sagt Küstenmacher. Genau das nehme uns oft die Leichtigkeit: „Wir leben in einer wunderschönen Welt. Uns heute geht es besser als allen Generationen vor uns. Vieles in der Welt entwickelt sich positiv und doch schauen wir nur auf das, was schlecht ist: Streit, Kriege, Katastrophen.“ 

Bei Vorträgen erlebt er gerade das christliche Publikum als ängstlich und pessimistisch. Oft stellt er folgende Frage: Weltweit gehen Jungen acht Jahre zur Schule. Wie viele Jahre gehen Mädchen zur Schule? „In christlichen Gemeinden gibt fast niemand die richtige Antwort: 7,6 Jahre. Sie tippen eher auf drei Jahre“, sagt Küstenmacher. Das wurmt den evangelischen Theologen. Er glaubt, dass die negativen Bilder, die vor allem im Mittelalter im Christentum entstanden sind, noch immer Auswirkungen haben: Der Mensch ist Sünder von Anfang an, Gott ist rachsüchtig und muss versöhnt werden, Jesu Tod am Kreuz war ein grausames Opfer.

Er selbst hat solche Bilder als Jugendlicher kennengelernt, als er sich dem Christlichen Verein junger Männer, dem Vorgänger des Christlichen Vereins junger Menschen, anschloss. Damals lernte er dort einen sehr bibeltreuen Glauben kennen. „Ich hörte Sätze wie: Ich bin dem Tod geweiht und muss mein Leben dem Herrn übergeben“, sagt Küstenmacher. Gleichzeitig war er Mitglied in der Evangelischen Jugend München, die geprägt war von der 68er-Bewegung. „Die waren ganz links, eine sehr emanzipatorische Jugendarbeit“, sagt er. „Es hat mir in keiner Gruppe alles gefallen, aber ich habe in jeder Gruppe etwas Gutes gefunden.“ Ihn faszinierte das freie Denken der Evangelischen Jugend, er mochte die Glaubensgemeinschaft des CVJM, die ihm Schutz vor Zweiflern bot.

Während seines Theologiestudiums prägte ihn der katholische Theologe Hans Küng. Küstenmacher, der einige Jahre als evangelischer Pfarrer arbeitete, mag dessen Idee, dass die Menschheit nur dann friedlich leben kann, wenn es einen gemeinsamen ethischen Konsens aller Kulturen und Religionen gibt. Wenn also die Religionen der Welt nach Gemeinsamkeiten suchen, statt auf Unterschiede zu pochen. So denkt Küstenmacher selbst heute nicht in engen Religions- oder Konfessionsgrenzen. 

Ein besonders aktives Mitglied in seiner Kirchengemeinde vor Ort ist er nicht. Privat betet er regelmäßig, er interessiert sich für christliche Mystiker und trifft sich mit Freunden in einem Hauskreis. Seine positive Grundhaltung, die ihm schon mit dem Namen in die Wiege gelegt wurde, gibt Küstenmacher nie auf. Er glaubt an das Gute – im Menschen und in der Welt. Und doch möchte er sich nicht als reinen Optimisten bezeichnen. Das ist ihm zu einfach. Er sagt: „Ich bin Possibilist. Ich sehe immer die Möglichkeiten, die wir haben, und nicht die Unmöglichkeiten des Lebens.“

Kerstin Ostendorf