Wie eine Pfarrscheune zum Treffpunkt im Stadtteil wird
Ein Haus für alle in Ehlhalten
Foto: Bistum Limburg/Anne Goerlich-Baumann
Eine Pfarrscheune ohne die Kretschmers ist eigentlich nicht denkbar. Die beiden lieben das Organisieren im großen Team der Ehrenamtlichen. Egal, wer nach Ehlhalten kommt: Alle sind in der Pfarrscheune willkommen.
Lucia und Albert Kretschmer zu erreichen, ist gar nicht so einfach. Denn das Ehepaar im „Unruhestand“ ist gleich in mehreren Ehrenämtern aktiv. Ihr größtes Projekt: der Kirchort St. Michael Ehlhalten in der Pfarrei St. Elisabeth Hofheim-Kriftel-Eppstein, wo sie zu Hause sind – und die dortige Kirche und Pfarrscheune. Seit rund 30 Jahren ist das große Fachwerkhaus unweit der Kirche ein wichtiger Treffpunkt des 1300-Seelen-Stadtteils von Eppstein. Die Kretschmers waren von Anfangan dabei und sind heute die ersten Ansprechpartner, wenn es um die Kirche und das Gemeindehaus geht.
Die Ende der 90er-Jahre noch selbstständige Kirchengemeinde Ehlhalten hatte eine alte Scheune zu einem schmucken Gemeindehaus restauriert. Schon damals wollte sich die Gemeinde nicht abkapseln und das Haus für alle öffnen. So wird es heute von allen Mitbürgern gerne genutzt, unabhängig von Konfession und Weltanschauung, solange den christlichen Grundwerten zugestimmt wird. „Offen für alle zu sein, ist unser Erfolgsrezept“, sagt Albert Kretschmer. Der 72-Jährige sieht das nicht als Einbahnstraße: „Bei anderen Gruppen wie der Freiwilligen Feuerwehr, dem Turnverein oder der Kerb unterstützen auch umgekehrt die Katholiken andere Gruppen ganz selbstverständlich. Die Leute hier wissen, dass sie sich auf uns verlassen können.“
Katholisch sein, sagen die Kretschmers, habe ihnen immer Freude gemacht. „Es liegt wohl daran, dass wir schon jung erfahren durften, dass wir etwas beitragen können“, sagt Albert Kretschmer, der ein „waschechter“ Ehlhaltener ist und früher als Elektriker gearbeitet hat. In seiner Kindheit war er Messdiener und später mit 17 Jahren Lagerleiter eines Zeltlagers für 150 Kindern. „Sowas geht natürlich nicht allein“, sagt Kretschmer. Auch aus dieser Haltung heraus habe er sich nie etwas eingebildet. Darauf, dass er eben Lagerleiter war oder später im Pfarrgemeinderat, Organisator für Großveranstaltungen bei den Maltesern und Verwaltungsratsmitglied. „Titel und Mittel sind nix“, stellt Kretschmer trocken fest, „es geht nur gemeinsam.“
Großes ehrenamtliches Netzwerk
Das erleben er und seine Frau tagtäglich, wenn sie als „Team Kretschmer“ helfen, das „Team Ehlhalten“ stark zu machen. Man könne nicht immer darauf warten, dass die Großpfarrei etwas bereitstellt, sondern packe in einem kleinen Kirchort wie ihrem einfach selbst mit an, findet Albert Kretschmer. So machen sie in der Pfarrscheune mit weiteren Ehrenamtlichen eine Fülle von Angeboten möglich: Vorträge, Feste und Ausstellungen für alle Generationen. In der Pfarrscheune proben Musikgruppen, die hauseigene Kinder- und Jugendbibliothek bietet Lesungen an. Es treffen sich Senioren und Kindergruppen. Ein Herzensanliegen von Lucia Kretschmer ist die Krippenausstellung, die im vergangenen Jahr auf großes Interesse stieß und bald in die zweite Runde geht.
In kürzester Zeit finden sie immer genug helfende Hände. Wie im August beim Sommerfest rund um die Pfarrscheune. Insgesamt 60 Ehrenamtliche konnten sie nun zum Helferfest einladen. „Das ist uns sehr wichtig, da Anerkennung zu zeigen“, betonen die Kretsch-mers. „Ich sage immer: Ein Angestellter hat drei Monate Kündigungsfrist. Ein Ehrenamtlicher eine Sekunde.“ Darum tun sie alles dafür, „dass sich alle bei uns wohlfühlen“. Nicht selten ist es Lucia Kretschmer, die neue Aktive findet. „Sie hat einen unwahrscheinlichen Charme, Leute anzusprechen, und schafft es immer, Menschen zu motivieren“, sagt ihr Mann. Die 68-Jährige war im Berufsleben Arzthelferin, Organisation liegt ihr. Sich am Kirchort zu engagieren, hat für sie einen tiefen Sinn. „Ich war als junge Frau eine Weile schwer krank und habe in dieser Zeit im Glauben einen starken Halt gefunden“, sagt sie. Auch das sei für sie ein Grund, sich für die gute Sache einzubringen. Ihren Mann lernte sie bei der Katholischen Jugend kennen.
Kirchliches Engagement hält jung – weil man eine Verantwortung hat.
Jedes Jahr freut sich Albert Kretschmer auf die Führung durch die Kirche St. Michael, die er für die Kommunionkinder anbietet. „Sie dürfen dann auch mal die Schellen schütteln, auf der Orgel spielen und die Glocke läuten.“ Wenn er dann in begeisterte Kindergesichter schaut, erinnert er sich oft an seine eigene Kindheit, in der er selbst die Kirche entdecken durfte. „Es ist wichtig, die Kirche für Kinder erfahrbar zu machen, damit sie sich wohlfühlen und wiederkommen“, sagt er. Was er sich wünscht, ist, dass diese Kinder vielleicht einmal genauso lang ihrer Kirche und der Pfarrscheune verbunden bleiben wie er und seine Frau. Manchmal, sagt Albert Kretschmer schmunzelnd, spürten sie natürlich die Zipperlein des Alters. „Aber dann gehen wir doch wieder los. Ich organisiere das nächste Fest und meine Frau macht Abrechnungen im Pfarrbüro. Kirchliches Engagement hält jung – weil man eine Verantwortung hat.“ Bei aller Arbeit gebe es immer einen immateriellen Lohn, findet Albert Kretschmer: „Wenn ich nach einem Fest in die fröhlichen Gesichter blicke, Menschen sich bei uns bedanken und ich weiß: Hier hat Kirche wieder gezeigt, dass sie im Ort dazugehört.“
Zur Sache:
Die Pfarrscheune in Ehlhalten wurde 1631 erbaut. Aktuell werden Balken des Fachwerks ausgetauscht, außerdem erneuern Handwerker den Putz und bringen am Giebel eine Schieferverkleidung an, die das Dach vor Nässe schützt. Diese Arbeiten sollen noch in diesem Herbst abgeschlossen werden. Weitere Informationen unter taunus.bistumlimburg.de und sankt-elisabeth-maintaunus.de