Warum ist die KAB heute noch wichtig? Portrait eines Vorsitzenden

Für soziale Gerechtigkeit

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Ein Mann sitzt vor einer grünen Hecke und lächelt in die Kamera
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Foto: Maria Weißenberger

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Engelbert Kohl trat 1969 der KAB bei. „Am Puls der Zeit zu bleiben, ist für einen Verband wie die KAB unerlässlich.“

Seit 50 Jahren ist Engelbert Kohl Vorsitzender der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung in Flörsheim am Main. Mehr als die Hälfte seines Lebens. Warum ist ihm die KAB so wichtig? Und was denkt er über die aktuellen Reformpläne der Bundesregierung?

„Es grüßt Sie ein im 50. Amtsjahr ein bisschen müde gewordener Vorsitzender“, schreibt der 84-Jährige unter seinen Text zum 120-jährigen Bestehen des Flörsheimer Ortsvereins der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung (KAB). Von dieser Müdigkeit ist im Gespräch nichts zu spüren: Lebhaft und mit Leidenschaft für die christliche Arbeitnehmerorganisation erzählt Engelbert Kohl über sein Ehrenamt. „Am Puls der Zeit zu bleiben“, sei für einen Verband wie die KAB unerlässlich, betont er. „In den 1980er Jahren haben wir uns in einer Kampagne für die Mütterrente eingesetzt – da sind inzwischen wichtige Meilensteine erreicht. Auch bei Aktionen für den freien Sonntag haben wir uns engagiert. Ein Thema, das an Aktualität nicht verloren hat.“ Wie steht er zu den aktuellen Reformdebatten? Was hält er etwa von einer Abschaffung des Arbeitszeitgesetzes?

Nicht alle können länger arbeiten.

„Das lehne ich völlig ab“, sagt er. „Arbeitstage von zwölf oder mehr Stunden täglich gefährden nicht nur die Gesundheit, sondern bedeuten auch weniger gemeinsame Zeiten mit Familie und Freunden, außerdem weniger Zeit für gesellschaftliches Engagement.“ Kritisch sieht er auch die Ideen zu einer notwendigen Rentenreform. So geht für ihn ein Heraufsetzen der Regelaltersgrenze in die falsche Richtung: „Wer länger arbeiten will, sollte das dürfen. Aber nicht alle können das, es hängt unter anderem vom Beruf ab.“ Er erinnert daran, dass die KAB zusammen mit anderen Verbänden schon vor vielen Jahren ein Rentenmodell präsentiert hat, das der Altersarmut entgegenwirken würde und durchaus finanzierbar sei. Es sieht eine Kom- bination aus garantierter Sockelrente und einer von allen Erwerbstätigen solidarisch finanzierten Rentenversicherung vor, ergänzt durch betriebliche und private Altersvorsorge. „Passiert ist nichts dergleichen.“

Engelbert  Kohl  kam  Ende  der 1960er Jahre zur KAB. Von Kindheit an war er in die Kirche hineingewachsen. Für seine Familie gehörte es selbstverständlich zum Leben, regelmäßig an den Gottesdiensten und am Gemeindeleben teilzunehmen. Mit neun Jahren wurde er Messdiener, mit 14 Obermessdiener und Lektor, wirkte in der Jugendarbeit mit und wurde  Kommunionhelfer.  Er engagierte sich in der Öffentlichkeitsarbeit und im Pfarrgemeinderat. Vier Jahre lang war er Vorsitzender des Verwaltungsrats und übernahm beim Bau des Gemeindezentrums die Bauleitung.

Solange wir in engen religiösen Grenzen denken, werden wir viele nicht ansprechen.

Als junger Mann startete er nach einem Lehramtsstudium in Mathematik und Physik bei den Farbwerken Höchst seine berufliche Laufbahn als Programmierer. 1969 trat er der KAB bei. Ein Jahr später gehörte er dem Vorstand an, 1976 wurde er zum Vorsitzenden gewählt. Der Auftrag der KAB lag ihm am Herzen: „Mir war es immer wichtig, dass wir nicht nur geselliges Miteinander pflegen – auch das gehört dazu. Entscheidend ist, dass wir als Arbeitnehmerorganisation aktiv sind, dass wir uns für die Interessen der Arbeitnehmer und für soziale Gerechtigkeit einsetzen.“ Vielen sei bis heute nicht bekannt, dass die KAB ihre Mitglieder kostenlos in Arbeits- und Sozialgerichtsprozessen vertritt, sagt Kohl. Um Mitglieder vor Ort beraten zu können, war es ihm wichtig, sich entsprechende Kenntnisse anzueignen.

Mit dem neuen Vorsitzenden entwickelten sich auch neue Formen der Geselligkeit. Die KAB-Fastnachtssitzung ist bis heute ein Publikumsmagnet. Kohl freut sich über diesen Erfolg. Dutzende junger Leute agieren dabei mit Spaß und Elan auf, vor und hinter der Bühne. Anders sieht es in den Gremien zu aktuellen Fragen der Arbeiterschaft aus. Dafür setzt sich keines der Mitglieder mehr ein, bedauert Kohl. Gerade mal ein Dutzend sind zwischen 20 und 50 Jahre jung, viele sind im Rentenalter und über 70. „Nicht gerade typisch für eine Arbeitnehmer-Bewegung“, stellt er fest. Da wundert es kaum, dass die Rechtsberatung immer seltener in arbeitsrechtlichen Angelegenheiten in Anspruch genommen wird. „Meistens geht es um sozialrechtliche Fragen, etwa um die Pflegeversicherung.“

Braucht es heute noch die KAB?

Wie sieht er die Zukunft? Braucht es heute noch die KAB? „Ich bin überzeugt, dass es sie bräuchte. Aber als katholische Organisation hat sie in unserer gesellschaftlichen Situation keine Zukunft“, sagt Engelbert Kohl. Immer weniger Menschen fühlten sich der Kirche zugehörig. „Solange wir in engen religiösen Grenzen denken, werden wir viele nicht ansprechen. Bibelgespräche und Gottesdienste sind wichtig, aber auf Dauer reichen sie nicht aus“, betont er. Für die Flörsheimer KAB, die mit 150 Mitgliedern noch zu den größten Ortsvereinen im Bistum Limburg gehört, wünscht er sich, dass sie ihrer Verantwortung für die Arbeitnehmer weiter gerecht wird.

50 Jahre Vorsitzender – hatte er das angestrebt? „Auf keinen Fall – ich habe von Anfang an die Meinung vertreten, dass ein Wechsel nach ungefähr zehn Jahren gut täte.“ Trotz zahlreicher Versuche, dies in die Tat umzusetzen, hat sich jedoch niemand gefunden, der ihn ablösen wollte. „Ich wäre froh, wenn sich jemand findet, der mein Amt übernimmt“, sagt Engelbert Kohl. Und wenn nicht? „Dann mache ich weiter, solange der liebe Gott mich lässt.“

Maria Weißenberger

Als Berufsverband bietet die KAB Beratung in Arbeits- und Sozialrechtsfragen sowie Vertretung vor Gerichten und Hilfe bei der Lohn- und Einkommensteuererklärung. Im Ortsverein Flörsheim finden die Mitglieder darüber hinaus eine Glaubens- und Erlebnisgemeinschaft, mit Gottesdiensten, Besinnungstagen, Wallfahrten, Bildungsveranstaltungen und Brauchtumspflege.
Kontakt: ek-KAB@email.de, Telefon 06145 2501