Bischöfe aus Osnabrück und Münster reagieren auf Studie
Geistlicher Missbrauch soll strafbar werden
Foto: Matthias Petersen
Die Auftraggeber der Studie „Macht durch Charisma. Geistlicher Missbrauch in Geistlichen Gemeinschaften“ der Universität Münster haben in einer Pressekonferenz erste Schlüsse aus der Untersuchung vorgestellt.
Der Osnabrücker Bischof Dominicus Meier dankte den Betroffenen, die ihre Erlebnisse für die Studie geschildert haben, und sprach ihnen angesichts des erlittenen Leids seine Anteilnahme aus. Mit insgesamt 69 Personen habe der weit überwiegende Teil der Studienteilnehmer seine Geschichte im Zusammenhang mit der „Christusgemeinschaft“ (CG) erlebt.
„Schon diese Zahl zeigt, wie verheerend diese Gruppe vor allem auf dem Gebiet des Bistums Osnabrück über Jahrzehnte gewirkt hat“, sagte der Bischof. Die Studie habe gezeigt, dass kein Zweifel mehr daran bestehen kann, dass das Phänomen geistlicher Missbrauch existiere und Beachtung verdiene. „Ein Phänomen, für das es lange – auch in unserem Bistum – keinen Begriff, kein wirkliches Verständnis gab.“
Er selbst lehne als Bischof von Osnabrück ein Wirken im Geiste der „CG“ deutlich ab, sagte er: „Allen Gläubigen auf der Suche nach spiritueller Gemeinschaft und geistlicher Begleitung in unserem Bistum lege ich ans Herz, sich bei Unsicherheiten und Fragen an eine unserer qualifizierten Stellen zu wenden.“
Sechs Handlungsfelder erkannt
Das Bistum Osnabrück habe in einer ersten Auswertung des Forschungsberichts sechs Felder erkannt, die in den kommenden Monaten in diözesanen Arbeitsgruppen vertieft geprüft werden sollen. Dazu gehört die Weiterentwicklung bestehender Angebote für Betroffene geistlichen Missbrauchs im diözesanen Schutzprozess. Ausgebaut werde auch der Bereich der Prävention. Ebenso sollen die Verfahren zur Qualifizierung und Zulassung von geistlichen Begleitern sowie für entsprechende Inhalte der Aus- und Fortbildung von Priestern, Diakonen und anderem pastoralem Personal überprüft und weiterentwickelt werden.
Eine weitere Arbeitsgruppe solle die künftige Begleitung geistlicher Gemeinschaften auf dem Gebiet des Bistums Osnabrück prüfen, insbesondere vor dem Hintergrund der Frage, wie Gefahren von geistlichem Missbrauch rechtzeitig erkannt und ihnen vorgebeugt werden könne. Auch systemische und pastoraltheologische Fragen, die die Studie aufwirft, sollen in den Blick genommen werden: „Die Studie zeigt eindrücklich, dass einige Aspekte unseres christlichen Glaubens und der kirchlichen Lehre auch das Potenzial haben, missbräuchlich gegen Menschen auf der Suche nach spiritueller Orientierung verwandt zu werden“, so Bischof Dominicus Meier.
Weiter wolle er sich ebenfalls in Rom dafür einsetzen, dass geistlicher Missbrauch im Kirchenrecht als Straftatbestand verankert werde, betonte er. „Für das Bistum werden wir prüfen, inwiefern das bislang als Teil der Ordnung für den Schutzprozess gegen sexualisierte Gewalt geregelte Verfahren gegen geistlichen Missbrauch in eine eigene Ordnung zu überführen ist.“
Ich möchte für die weitreichenden Versäumnisse aufrichtig um Verzeihung bitten.
Auch die Generaloberin der Thuiner Franziskanerinnen, Schwester Maria Cordis Reiker, äußerte sich: „Es bleiben Beschämung und Erschütterung darüber, dass eine damalige Schwester unserer Kongregation solch ein Ausmaß an Verwirrung, an Verletzungen, an zerstörerischen Eingriffen in Personen und teilweise vernichtenden Glaubensüberzeugungen in das Leben junger Menschen gebracht hat, an deren Folgen viele weiterhin leiden“, sagte sie.
Die damaligen Generaloberinnen, vor allem in der Zeit von 1984 bis 1998, hätten trotz ernstzunehmender Hinweise von Missständen zu lange gewartet, die betreffende Schwester aus der Begleitung junger Menschen herauszunehmen. Diese Schwester dann mit der Formation der Schwestern im Juniorat zu beauftragen, sei ebenso falsch gewesen. „Aus meinem jetzigen Amt als Generaloberin der Thuiner Franziskanerinnen heraus möchte ich für diese weitreichenden Versäumnisse aufrichtig um Verzeihung bitten.
Seit Mitte der 1990er Jahre habe sich der Orden mit externer Begleitung intensiv um die Integration der von Schwester S. geprägten Schwestern bemüht. Insofern sei der Austritt von über 70 Schwestern in den Jahren 2004 und 2005 bei allem Schmerz „für uns eine Klärung“ gewesen. „Noch im selben Jahr haben wir begonnen, zunächst inhaltliche Verwirrungen aufzuarbeiten mit Hilfe eines Theologen, der auch therapeutisch fortgebildet ist und parallel für Gespräche zur Verfügung stand. Daneben gab es externe psychotherapeutische Hilfe.“
Eine große, bestimmende Ordensgemeinschaft zu sein, entspricht nicht unserer Wahrnehmung.
Mittlerweile gebe es auch regelmäßige Seminartage zu verschiedenen Themen im Bereich Nähe – Distanz. Und: „Es gibt keine der CG nahestehenden Priester, die bei uns Exerzitien halten – um einige Schritte zu nennen, mit denen wir uns der Herausforderung gestellt haben.“
Schwestern, die besonders schwer von geistlichem Missbrauch betroffen waren, machten und machen auch stationäre Therapien. Eine große, bestimmende Ordensgemeinschaft zu sein, betonte Schwester Maria Cordis Reiker, „entspricht nicht unserer Wahrnehmung. Wir versuchen, franziskanisch zu leben, nach unseren Möglichkeiten apostolisch tätig zu sein sowie Geist und Erbe unserer Gründerin ins Heute zu übertragen“. Ende Oktober plant die Gemeinschaft ein internes Treffen, um sich über die Studie auszutauschen und die Empfehlungen für die Prävention zu reflektieren. (bpo/kb)
Einen ausführlichen Bericht zur Studie „Macht durch Charisma. Geistlicher Missbrauch in Geistlichen Gemeinschaften“ lesen Sie im nächsten Kibo-Magazin, das in dieser Woche erscheint.