Impuls zur Sonntagslesung am 17. Mai 2026

Genau so ist Gott

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Christus-Ikone
Nachweis

Foto: kna/Corinne Simon
 

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Christus-Ikone in der Kirche Saint-Pierre in Charenton-le-Pont (Frankreich)

Gott ist ganz anders, hört man oft. Das stimmt vielleicht – aber doch nur zum Teil. Denn wir haben ihn zwar nie gesehen, aber dafür kennen wir Jesus. Und es ist nicht verwegen, von ihm auf seinen Vater zu schließen.

Es ist auf den ersten Blick eine etwas ungewöhnliche Wahl, dass an den letzten drei Sonntagen der Osterzeit aus den Abschiedsreden Jesu gelesen wird. Im Abendmahlssaal hat er sie, so erzählt es der Evangelist Johannes, gehalten. Also vor Ostern. Andererseits naht mit Riesenschritten der endgültige Abschied. 40 Tage nach Ostern enden die Erscheinungen des Auferstandenen: Jesus geht zum Vater. Da tut es gut, noch mal seine Abschiedsworte zu hören. „Ich lasse euch nicht als Waisen zurück“ zum Beispiel. Oder: „Ich gehe, um euch einen Platz vorzubereiten.“

In den Abschiedsreden des Johannesevangeliums wird auch noch einmal klar formuliert, wer Jesus ist. „Ich und der Vater sind eins“, steht dort zum Beispiel. „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen.“ Oder an diesem Sonntag: „Alles, was mein ist, ist dein, und was dein ist, ist mein.“ 

Warum wird hier, kurz vor dem Abschied, das alles nochmal so eingeschärft? Vielleicht, könnte man meinen, aus dogmatischen Gründen: um Irrtümer abzuwehren, die im jungen Christentum über Jesus im Umlauf waren. Vielleicht aber auch, um den Jüngerinnen und Jüngern aller Zeiten eine Hilfestellung zu geben. Um ihnen deutlich zu machen: „Meint nicht, ihr wisst nichts von Gott, nur weil ihr ihn nicht seht. Ihr habt doch Jesus erlebt oder zumindest gehört, wie er war, was er getan und gepredigt hat. Genau so ist Gott!“

Gott will das Heil der Menschen

Dass Jesus nur Gutes für jeden einzelnen Menschen will, zieht sich durch sein ganzes irdisches Leben. Von „Euch ist heute der Retter geboren“ auf den Feldern Betlehems bis „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein“ am Kreuz erzählen die Evangelien von dem einen großen Wunsch Jesu: Glück, Heil, gelingendes Leben für alle.

Das ist der Kern seiner Heilungen: wenn er macht, dass Blinde sehen, Lahme sich aufrichten und Aussätzige in die Gemeinschaft aufgenommen werden. Das ist der Kern seiner Predigt: wenn er sagt, dass der Sabbat für den Menschen da ist, nicht der Mensch für den Sabbat und dass die glücklich sind, die Frieden stiften und für Gerechtigkeit eintreten. Das ist der Kern seines Verhaltens: wenn er mit Zöllnern und Sündern isst, wenn er Brautleute vor Peinlichkeiten rettet oder Frauen vor der Steinigung.

Jesus will ganz offensichtlich das Heil und das Glück der Menschen. Und Gott will es auch.

Gott kommt es im Kern auf Nächstenliebe an

Jesus ist ein frommer Mann, ja. Er betet. Er geht in die Synagoge. Aber er steht auch in der Tradition der Propheten: „Was soll ich mit euren vielen Schlachtopfern?, spricht der Herr. Bringt mir nicht länger nutzlose Gaben, Räucheropfer, die mir ein Gräuel sind! Wenn ihr auch noch so viel betet, ich höre es nicht. Lernt erst, Gutes zu tun! Sucht das Recht! Schreitet ein gegen den Unterdrücker! Verschafft den Waisen Recht! Streitet für die Witwen!“ (Jesaja 1)

Auch Jesus kritisiert die vermeintlich Frommen. Den Priester und den Leviten zum Beispiel, die im Gleichnis an dem von Räubern Überfallenen vorübergehen, um nicht unrein zu werden. Oder die, die sich mit Fasten und Beten brüsten, aber den Armen nicht helfen. Am ausdrücklichsten formuliert ist dieser Gedanke aber in Jesu Rede vom Endgericht (Matthäus 25). Zu Gott kommen demnach jene, die Hungrige speisen, Nackte kleiden, Kranke besuchen, Obdachlose aufnehmen. Gebet und Gottesdienst sind von Jesus geschätzt und praktiziert. Aber dass sie ein Kriterium für das Himmelreich sind, ist mit keiner Silbe erwähnt. Noch nicht einmal gefragt werden die Menschen danach.

Für Jesus ist Glaube praktische Tat. Er will, dass wir unsere Nächsten, Übernächsten und sogar die Fremden lieben. Nicht nur theoretisch als frommer Spruch, sondern konkret und sichtbar im täglichen Leben. Und Gott will es auch.

Gott kann auch streng sein

Jesus ist kein sanfter Ist-doch-alles-egal-Typ. Er hat klare Prinzipien und streitet dafür. So schickt er die Ehebrecherin mit den Worten nach Hause: „Geh und sündige von nun an nicht mehr.“ Den begriffsstutzigen Petrus weist er hart zurecht: „Tritt hinter mich, du Satan.“ Die Händler und Geldwechsler prügelt er aus dem Tempel. Nett ist das nicht.

Zu Pharisäern und Schriftgelehrten, den Frommen seiner Zeit, ist Jesus besonders streng. Er beschimpft sie als „Heuchler“ und „blinde Narren“. „Weh euch“, sagt er. „Ihr werdet nicht ins Himmelreich kommen!“ Das 13. Kapitel bei Matthäus ist eine einzige öffentliche Schmährede.

Jesus ist auch nicht der Meinung, dass jeder machen kann, was er will. „Kein Jota“ des Gesetzes wolle er aufheben, sagt er. Im Gegenteil verschärft er es: „Jeder, der zu seinem Bruder sagt: Du Narr!, soll dem Feuer der Hölle verfallen sein.“ Männern, die Frauen hinterherschauen, rät er: „Wenn dich dein rechtes Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus und wirf es weg! Denn es ist besser für dich, dass eines deiner Glieder verloren geht, als dass dein ganzer Leib in die Hölle geworfen wird.“ 

Jesus ist fordernd. Und manchmal auch sehr streng. Er will, dass wir das Gute tun und die Gebote halten. Und Gott will das auch.

Gott vergibt dem, der Vergebung sucht

Strenge hin oder her: Jesus ist groß im Vergeben. So groß, dass seine Jünger ihn einmal skeptisch fragen: „Wie oft muss ich vegeben?“ Die Antwort Jesu ist ernüchternd: „Unendlich oft.“ Und Jesus geht mit gutem Beispiel voran. „Deine Sünden sind dir vergeben“, sagt er verschiedenen Menschen und zum Entsetzen der Frommen, die sagen: „Wer kann Sünden vergeben außer Gott allein?“

Jesus sagt aber auch: Vergebung gibt es nicht umsonst. „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“, heißt es im Vaterunser. Und „Wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, dann wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, dann wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.“ 

Jesus will vergeben. Denen, die darum bitten und selbst danach handeln. Und Gott will es auch.
 

Susanne Haverkamp