Katholizismus in Afrika
Ghanaer feierndie eigene Vielfalt
Foto: Matthias Schatz
Frauen bringen beim ghanaischen Gottesdienst die Kollekte, Hostien und Wein zum Altar.
Als erstes fällt die Pfeife auf, die Joyce zwischen ihre Zähne geklemmt hat. Tabakrauch steigt daraus freilich nicht auf, als sie in ihrem Gewand, dessen leuchtende Gelb- und Blautöne die Blicke anziehen, die Kirche St. Sophien in Hamburg-Barmbek betritt. Sie nutzt den hinteren Eingang, der vom Gemeindezentrum und dem angegliederten Dominikanerkloster zum Gotteshaus führt. Langsam schreitet sie von dort mit einem langen weißen Stock vor dem Altar zu einer der vorderen Reihen, wo sie Platz nimmt.
Dort sitzen viele Frauen, die wie Joyce ihr Haar mit einem golden glänzenden Kopftuch bedeckt haben. In vorderster Reihe freuen sich auch einige ebenfalls in farbenprächtige Gewänder gehüllte Mädchen, dass die Kulturmesse der ghanaischen Gemeinde gleich beginnt. Mit den Frauen und einigen Männern bilden sie einen stimmgewaltigen Chor, der deutlich die Trommelrhythmen und Klänge der elektrischen Orgel dominiert. Es sind bekannte christliche Lieder in dem westafrikanischen Land, die Gemeindemitglieder können ihre Texte auswendig.
Gesungen wird in den Sprachen Twi, ausgesprochen „Tschi“, Ewe, Ga und manchmal auch auf Englisch. Das zeigt: Ghana ist ein Vielvölkerstaat. Und das steht auch im Mittelpunkt der einmal jährlich im Hochsommer gefeierten Kulturmesse der Gemeinde: Ihre Mitglieder, lernen die Vielfalt ihres Ursprungslandes kennen und machen zudem ihre Kinder, von denen viele in Deutschland geboren sind, damit bekannt.
Gemeinde wächst dankvieler junger Menschen
„Wir führen hier die Kulturen Ghanas zusammen“, meint denn auch Joyce’ Sohn Tony in akzentfreiem Deutsch. Wie Tony schlössen sich viele jüngere Menschen der Gemeinde an, berichtet Pater Frederick Tettey. Dadurch wachse die Gemeinde weiter. In der Tat besuchen auffällig viele junge Menschen die Kulturmesse und das anschließende Fest. Viele Gemeindemitglieder seien auch auf der Suche nach einem besseren Leben für sich selbst und ihre Familienangehörigen in Ghana nach Deutschland gekommen, berichtet der Dominikaner weiter. „Noch andere kamen zum Studium und beschlossen später, hier zu bleiben und eine Familie zu gründen.“
Ghanas Vielfalt drückt sich auch in den Gewändern aus. Jede Volksgruppe hat einen eigenen Stil. Pater Frederick, seit neun Jahren Pastor der ghanaischen Gemeinde, hat sich über sein weißes Dominikaner-Gewand einen Talar aus Kente geworfen. Dabei handelt es sich um einen feinen Baumwollstoff, der ursprünglich nur von Königen der Akan, der größten Volksgruppe Ghanas, getragen werden durfte.
Die Muster der Kente stünden für weise Redensarten, erläutert der 42-Jährige, der Theologie in Ghana und Nigeria studiert hat und dem Dominikaner-Konvent in St. Sophien angehört, einer der vier Gemeinden der „Citypfarrei“ St. Ansgar (siehe Seite 27). Ein Tuch, das vor dem Altar über einen traditionellen ghanaischen Hocker gelegt wurde „symbolisiert Jesus, den König der Könige“, erklärt Pater Frederick Tettey. Joyce hingegen trägt einen Stoff der Nzema, einer Untergruppe der Akan, die im Südwesten Ghanas lebt. Dort sei es Tradition, alte Menschen zu verehren, was sie durch ihren Auftritt mit Gehstock und Pfeife tue. Tatsächlich ist sie längst nicht so gebrechlich, dass sie wirklich eine Gehhilfe bräuchte.
Die ghanaische Mission in Hamburg besteht seit 1982 und ist nach den Worten Tetteys die älteste in Deutschland. Sie zähle rund 500 Mitglieder. Etwa die Hälfte von ihnen besuche regelmäßig die Gottesdienste, die jeden Sonntag um 12.30 Uhr in St. Sophien gefeiert würden. Die Messe sei für sie „ein „Zuhause“, an dem die Liturgie in ihrer Muttersprache gefeiert werde. „Natürlich gibt es nach der Messe auch Gelegenheiten zum Netzwerken und für geselliges Beisammensein“, sagt Tettey. Das findet jedes Jahr auch bei einem Sommerfest im Stadtpark Hamburgs statt. Dort trifft sich die Gemeinde nicht nur zum Gottesdienst, sondern auch zu Sport, Spiel und Picknick.
Fest mit Süßkartoffeln,Tomaten und Teigbällchen
Zur Sprache kommen dabei ebenfalls Themen wie Aufenthaltserlaubnisse, Arbeitssuche und Deutschkurse, wie Teilnehmer vor ein paar Jahren berichteten. Dort wie auch beim Zusammensein nach der Kulturmesse gibt es natürlich ghanaische Gerichte. Etwa Jollof, das mit Süßkartoffeln und Tomaten zubereitet wird. Als Dessert werden auf dem Kirchhof von St. Sophien unter anderem kleine „dough balls“ angeboten. Die Bällchen werden aus einem Mehlteig geformt und in Öl frittiert.
Weiße Gesichter sind bei der Kulturmesse und dem anschließenden Fest nur vereinzelt zu sehen. Anastasia etwa, die der russisch-orthodoxen Kirche angehört, ist ihrem Freund zuliebe gekommen und meint: „Hier ist alles viel bunter.“ Das Verhältnis zur Gemeinde von St. Sophien sei „sehr gut und herzlich“, sagt Pater Frederick. Zum Sommerfest im Stadtpark ist sie übrigens stets eingeladen.