Impuls zur Sonntagslesung am 19. Juli 2026
Gleichnisse über das Reich Gottes: Verstehen oder missverstehen
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Geschichten erzählen: Im Orient hat das eine lange Tradition.
Herr Professor Häfner, warum spricht Jesus eigentlich so gerne und so oft in Gleichnissen?
Er spricht so, um Dinge klarzumachen, die ohne bildhafte Rede nicht so leicht verständlich sind. In der Botschaft Jesu geht es um die konkrete Frage, wie man vom Reich Gottes sprechen kann.
Jesus selbst sagt, dass er in Gleichnissen spricht, weil die Menge es sonst nicht verstehen könnte. Gleichzeitig heißt es, die Verkündigung in Gleichnissen führe dazu, dass Jesu Botschaft nicht verstanden wird. Wie passt das zusammen?
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Ja, da ist eine Spannung. Aber die Passage, die vom Unverständnis handelt, die sogenannte Parabeltheorie im vierten Kapitel des Markusevangeliums, ist ein Text, der nach meinem Eindruck nicht auf das Wirken Jesu zurückgeht, sondern aus späterer Sicht die Probleme und Missverständnisse in der Verkündigung deutet. Da war vielleicht die Frage aufgekommen: Warum kommt unsere Botschaft nicht an? Das verlangte nach einer Erklärung. Und die wird unter anderem dadurch unternommen, dass man den Doppelsinn des griechischen Begriffs für Gleichnis, also parabolē, ins Spiel bringt: Er kann auch „Rätselrede“ bedeuten. Wer die Botschaft Jesu ablehnt, dem oder der ist sie zum unverständlichen Rätsel geworden.
Man sagt: Alle Vergleiche hinken. Da ist dann die Gefahr, dass etwas missverstanden wird, schon in den Bildern selbst gegeben, oder?
Ich denke, die Gleichnisse sind dazu da, etwas zu klären; nicht, um etwas zu verrätseln. Manche Bilder werden im Lauf der Zeit jedoch schwerer verständlich, wenn die ursprüngliche Gesprächssituation mit ihrer Ausgangsfrage nicht mehr da ist. Das zeigt sich in der Überlieferung von frühchristlicher Zeit an.
Die Jünger, die Jesus verstehen, oder die Volksmenge, die Nachhilfe braucht: Wo können wir uns wiederfinden?
Einerseits sollten sich die Glaubenden heute wohl eher in den Jüngern entdecken können als in den Außenstehenden. Aber andererseits brauchen auch Jünger eine Belehrung, und das Verstehen ist nicht immer gegeben. Aber das kann ja auch tröstlich sein, wenn wir solche Vergleiche anstellen und unseren Platz suchen.
Sämann, Senfkorn, Perle: Ist die Vielzahl der Reich-Gottes-Vergleiche nicht verwirrend? Warum gibt es nicht einen einzigen passenden Vergleich?
Ich glaube, dass ein Gleichniserzähler durch ein Bild immer nur einen Aspekt ausdrücken will. Deshalb halte ich es für schwierig, wenn man fast willkürlich sagt: Dieses Detail im Bild bedeutet genau das, jenes Detail bedeutet genau jenes und so weiter. Das muss man dann in der Wissenschaft schon sehr genau begründen, warum ein Bild oder ein Begriff so gedeutet wird. Etwa weil es schon in der jüdischen Tradition so verwendet wurde. Auch dort ist zum Beispiel das Bild des Vaters ein Bild für Gott. Oder der Weinberg kann als Sinnbild für Israel gelesen werden. Es geht aber immer darum, nicht bildliche Details auszudeuten, sondern die grundsätzliche Anlage eines Bildes, eines Gleichnisses zu verstehen.
Sehen Sie denn auch Gemeinsamkeiten in den verschiedenen Gleichnissen und Bildern?
Ich sehe zwei unterschiedliche Strategien in den Gleichnissen. Zum einen finden wir Gleichnisse aus dem Alltagserleben der Menschen damals: aus dem landwirtschaftlichen Bereich und Bilder aus der Natur. Das ist etwa beim Gleichnis vom Sämann oder vom Sauerteig oder beim Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen so. Die Leute damals kannten diese Situationen. Es gibt auf der anderen Seite aber auch Gleichnisse, die nicht Analogien zeigen wollen, sondern mit spannenden Geschichten eher aufrütteln. Das ist etwa in der Erzählung von den Arbeitern im Weinberg der Fall, wenn alle den gleichen Lohn bekommen – unabhängig von den Einsatzstunden, also ein ungewöhnliches Verhalten. Oder beim Gleichnis vom verlorenen Sohn. Da merkt man: Da wird nichts Gewöhnliches inszeniert, sondern das ruft Protest hervor – und bietet gerade so die Möglichkeit der Auseinandersetzung.
Wenn heute solche Bilder nicht mehr im Alltag verständlich sind, passen sie dann noch?
Ich glaube schon, dass Bilder aus der Natur oder etwa vom Sauerteig heute noch gut verstanden werden. Wer ein Brot in der Hand hält oder selbst backt, wird wissen, wie ein Sauerteig funktioniert. Eine Übersetzung der Bilder für heute ist außerdem eher Aufgabe der Predigt als der Exegese. Diese wird dabei als Grundlage dienen, um zu verstehen, was grundsätzlich ausgesagt werden soll.
Können wir heute Gleichnisse finden, die besser in unsere Welt passen?
Vielleicht sind Naturbilder dauerhafter verständlich als aktuelle technische Vergleiche. Eine Fortschreibung funktioniert vielleicht eher bei dem zweiten genannten Typus der Gleichnisse, wenn es um menschliche Interaktion geht und das Verstehen von Zusammenhängen und Verhaltensweisen im Blick auf das Reich Gottes. Es bleibt dabei immer auch ein kreatives Potenzial in der Deutung und des Neu-Verstehens dieser Bilder, vor allem natürlich in der persönlichen Bibellektüre. Da ist viel Freiraum aus der jeweils eigenen Erfahrungswelt.
Zur Person
Gerd Häfner (66) ist Professor für Biblische Einleitungswissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München.