Impuls zur Sonntagslesung am 30. August 2026
Gott lässt ihr keine Ruhe
Foto: Michael Kinnen
Anja Schmidt arbeitet heute im Erzbischöflichen Ordinariat und ist unter anderem für Kinder-, Jugend- und Familienseelsorge verantwortlich.
Wie es dazu kam, kann sie manchmal selbst nicht glauben, sagt sie: „Immer wenn ich dachte, es geht ohne Gott oder Kirche, kam irgendwie ein Zeichen“, sagt Anja Schmidt.
Das fing schon früh an: Aufgewachsen in einem atheistischen Elternhaus in der DDR, war sie als Kind bei den Jungpionieren und im Segelsportverein. „Sonntags war Training, aber ich ging lieber in die Christenlehre, weil meine Freundin da auch war“, sagt sie. Zwei Exotinnen. Ihre Eltern hatten dafür kein Verständnis; die hätten ihre Sportkarriere und überhaupt die persönliche Zukunft gefährdet gesehen.
In der Lesung sagt Jeremia: „Zum Gespött bin ich geworden, den ganzen Tag.“ Anja Schmidt findet sich da wieder; das hat sie selbst erlebt. „Dann kam die Wende, das war mein großes Glück“, sagt sie. Mit 14 Jahren, gerade religionsmündig, ließ sie sich evangelisch taufen und dann auch konfirmieren. „Du hast mich betört, o Herr, und ich ließ mich betören.“
Weil ihre Eltern das so wollten, hat sie eine Banklehre begonnen. Da habe sie dann den Bezug zur Kirche mehr und mehr verloren. „Die Bank war toll“, sagt sie. Mit Menschen reden, sie beraten, in Baufinanzierungen begleiten, das sei ihre Welt gewesen. Aber: „Gott ließ mir keine Ruhe.“ Vielleicht sei es auch so ein Zeichen gewesen, als sie an einem Novemberabend im Jahr 2000 bei einem Banküberfall in der Filiale in Berlin als Geisel genommen wurde. „Ich hatte an dem Tag keine Angst“, erzählt sie.
Und mehr noch: „Ich weiß nicht, wie es dazu kam, aber ich habe den Geiselnehmer unvermittelt gefragt, ob wir zusammen beten wollen.“ Was so packend und überwältigend klingt, empfindet sie heute noch so: „Wir haben tatsächlich zusammen das Vaterunser gebetet, er hat mir nichts weiter angetan und ich konnte ihm auch nicht böse sein.“
„Das ist eigentlich nicht mehr meine Welt“
Der Bankräuber wurde von der Polizei gestellt und für Anja Schmidt ging das Bankerinsein weiter. Sie machte Karriere, übernahm die Filialleitung, war für Höheres vorgesehen. An ein Beratungsgespräch in der Bank erinnert sie sich besonders gut: „Ich hatte eine junge Familie mit neugeborenen Zwillingen zur Beratung über Baufinanzierung zu Besuch. Wir haben uns weit über die geplante Zeit hinaus sehr gut unterhalten und kamen auch auf Fragen, die fast seelsorglich in der neuen Familiensituation wurden: Was trägt, was gibt Halt?“ Als ihr Chef sie am selben Abend noch danach fragte, welche Abschlüsse für Bausparverträge oder Versicherungen sie mit der Familie erreicht habe, musste sie mit „keine“ antworten. „Da habe ich gemerkt: Das ist eigentlich nicht mehr meine Welt.“
Mittlerweile war sie selbst dreifache Mutter und mit einem katholischen Mann verheiratet. Als die Älteste zur Kommunion kam, wirkte sie in der Vorbereitung als Katechetin mit, damals noch evangelisch. Darüber sei sie näher mit der katholischen Kirche in Berührung gekommen. „Am Tag vor der Kommunion unserer Tochter bin ich aus der evangelischen Kirche ausgetreten und danach zur katholischen übergetreten“, erzählt sie. Auch das sorgte nicht nur für Verständnis in ihrem Umfeld.
Im September 2013 ließ sie sich firmen. Ihre Eltern kamen nicht zur Feier. „Ja, so oft ich rede, muss ich schreien …“ Auch der Satz aus der Jeremia-Lesung kommt ihr in den Sinn, denn auch ihren Eltern gegenüber habe sie geschrien: „Wenn ich euch als Tochter wichtig bin, warum geht ihr meinen Weg nicht mit?“
Solidarisch mit Ausgegrenzten
Trotzdem ging sie weiter, auch gegen Widerstände und mit neuen Ideen. In der Personalabteilung des Erzbistums Berlin holte sie sich mit der Frage nach einer kirchlichen Berufsperspektive zunächst eine Absage, weil sie keine theologische Qualifikation hatte. Als sie enttäuscht und mit Tränen aus der bischöflichen Verwaltung kam, sei sie zufällig dem damaligen Berliner Erzbischof Rainer Maria Woelki in die Arme gelaufen. „Ich habe ihm von meiner Situation erzählt. Am nächsten Tag bekam ich einen Anruf, dass ich den Fernkurs in Theologie belegen kann.“
Das ebnete ihr den Weg in einen kirchlichen Beruf, und sie wurde nach der Kündigung in der Bank im Jahr 2022 vom jetzigen Erzbischof Heiner Koch als Gemeindereferentin gesandt. „Bleiben Sie im guten Sinn Brandstifterin“, habe der Erzbischof in der Predigt zu den neuen Mitarbeiterinnen gesagt. Auch da denkt sie heute an den Satz aus der Jeremia-Lesung: „So brannte in meinem Herzen ein Feuer.“
Jeremia 20,9: » So brannte in meinem Herzen ein Feuer. «
Heute ist Anja Schmidt nach einer Zeit in der Gemeinde selbst im Erzbischöflichen Ordinariat tätig und dort verantwortlich für die Kinder-, Jugend-, Familien- und Queerpastoral, für Seelsorge an Hochschulen, für Menschen mit Behinderungen und Touristen. Die betriebswirtschaftlichen Qualifikationen aus der Bank kommen ihr etwa in der Haushaltsplanung sehr zugute, sagt sie. Auch das Prophetische, das Jeremia als Auftrag erhalten hat, will sie in ihre kirchliche Verantwortungsposition einbringen, gelegen oder ungelegen.
Beim Gottesdienst vor dem Christopher-Street-Day in der evangelischen Marienkirche war sie im Auftrag des Erzbistums dabei und zeigte Solidarität mit queeren Menschen angesichts von deren Ausgrenzung, auch in der Kirche: „Ja, sooft ich rede, muss ich schreien, ‚Gewalt und Unterdrückung‘ muss ich rufen.“ Man merkt ihr an: Es brennt in ihrem Herzen ein Feuer für Gott und die Menschen. Und: Es bleibt noch viel zu tun, mit Gottvertrauen, gepackt und überwältigt, weil Gott ihr keine Ruhe lässt.