Wie die Caritas Kindern im Ukraine-Krieg hilft

„Ich würde am liebsten jeden Tag kommen“

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Caritas, Kinder, Ukraine
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Foto: Caritas Ukraine

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Sprechen können: Julija Roschtschukina mit Polina und Sofija

Im Caritas-Zentrum von Saporischschja können Kinder, Jugendliche und ihre Eltern zur Ruhe kommen. Hier können sie Freunde finden, kreativ werden – und sie bekommen Hilfe für ihren Alltag im Krieg.

Mitten im Gespräch stutzen die beiden Frauen. Sie schauen auf, horchen. „Das war die Flugabwehr“, sagt Julija Roschtschukina. Die Sozialarbeiterin ist gerade im Gespräch mit Julija, einer Mutter, die mit ihren beiden Töchtern Polina (13) und Sofija (9) regelmäßig ins Kindersozialzentrum der Caritas Saporischschja kommt. Alle vier wissen sofort, was zu tun ist: Sie lassen die Metalljalousien herunter und suchen Schutz in einem innenliegenden Zimmer. „Wir bringen auch den Kindern dieses Zwei-Wände-Konzept bei“, sagt Roschtschukina später in der Videokonferenz. Heißt: Bei russischen Luftangriffen sucht jeder, der nicht in einen Keller flüchten kann, Schutz in einem Raum mit mindestens zwei stabilen Wänden.

Doch im Caritas-Zentrum geht es nicht darum, die Kinder und Jugendlichen für Gefahren zu sensibilisieren. Vielmehr sollen sie wieder etwas mehr Freude und Leichtigkeit im Leben haben. Sie sollen lernen, besser mit Stress, Sorgen und Ängsten umzugehen. Julija Roschtschukina (50) koordiniert die Arbeit mit den 6- bis 17-Jährigen im Zentrum. Sie berät und schult die Eltern, aber vor allem kümmert sie sich um die Kinder: Sie plant Ausflüge zu Konzerten oder Theaterbesuche und organisiert Bastelprojekte und kreative Workshops. 440 Kinder und Erwachsene profitieren in diesem Jahr davon. Das Projekt wird über Caritas international mit Mitteln des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung finanziert.

Sofia
Kreativ sein: Sofija (9) liebt das Malen. Foto: Caritas Ukraine

Seit knapp drei Jahren kommen Polina, Sofija und ihre Mutter Julija regelmäßig hierher. Sie stammen aus der Stadt Huljapole, gut hundert Kilometer von Saporischschja entfernt. Julija arbeitete dort als Kreditberaterin in einer Bank, der Vater ist Polizist. Als in der Stadt die Gefechte begannen, versteckten sie sich im Keller ihres Hauses. „Es war beängstigend, zu sehen, wie die Kinder reagierten“, sagt Julija. Ihre jüngste Tochter entwickelte einen asthmatischen Husten, bekam kaum noch Luft. „Polina war überhaupt sehr gestresst. Am Anfang verfiel sie in eine Art Starre, später hatte sie schreckliche Wutanfälle.“ Nur mit dem Nötigsten im Rucksack floh die Familie nach Saporischschja.

» Die Kinder sind wie ausgerupfte Blümchen. «

„Leute, die unter diesen Umständen ihre Heimat verlassen müssen, sind wie entwurzelte Bäume, die Kinder wie ausgerupfte Blümchen“, sagt Sozialarbeiterin Roschtschukina. Freunde, Nachbarn, Tiere, Spielzeug – alles musste die Familie zurücklassen. Sie erinnert sich, wie orientierungslos sie damals, bei ihrem ersten Besuch im Zentrum, wirkten. „Aber Julija ist eine starke Frau. Sie wusste, was ihre Familie braucht, und sie hat sich Hilfe gesucht“, sagt sie. 

„Ich würde am liebsten jeden Tag hierherkommen“, sagt Polina heute. Sie sitzt mit ihrer Schwester Sofija an einem Tisch. Vor ihnen liegen Filzstifte und Papier. Sie zeichnen einen bunten Notenschlüssel, der aus vielen kleinen Menschen besteht. Genauso gerne malen sie mit Wasser-, Acryl- oder Ölfarben. Sie fertigen Mosaike oder arbeiten mit Filz. Sie basteln mit Moos und Kastanien oder modellieren Figuren aus Ton. „So etwas gibt es bei uns zu Hause nicht. Da kann ich nur im Internet surfen“, sagt Polina. Ihre jüngere Schwester Sofija stimmt ihr zu: „Ich finde hier Freunde, lerne neue Leute kennen.“

Polina
Sofijas große Schwester Polina (13). Foto: Caritas Ukraine

Genau das ist der Sozialarbeiterin wichtig. „Die Kinder in Saporischschja besuchen seit sechs Jahren keinen Kindergarten und keine Schule“, sagt sie. Erst die Corona-Pandemie, dann der russische Angriffskrieg. Mittlerweile steht die Front ungefähr 30 Kilometer vor der Stadt. Sie beobachtet, dass viele Kinder gar nicht wissen, wie sie mit anderen Kindern interagieren sollen. Hinzu kommt die ständige Angst. „Jeden Tag hören sie das Signal des Luftalarms, die Drohnen, Schüsse der Flugabwehr, laute Explosionen, Sirenen der Rettungsfahrzeuge“, sagt Roschtschukina. Die Kinder sehen zerstörte Häuser und Autos oder beobachten die Trauerzüge für die Getöteten. 

Die Kinder lernen, anderen zu vertrauen

Im Caritas-Zentrum finden sie einen Ort, um zur Ruhe zu kommen. „Sie haben hier die Möglichkeit, ihre Gefühle über das Kreative auszudrücken“, sagt Roschtschukina. Sie lernen, mit anderen Kindern zusammen zu sein, zu spielen, Kompromisse zu schließen. Und sie geben das Erlernte an ihre Eltern weiter. „Sofija und Polina haben zu meinem Mann gesagt: Papa, wenn du wütend wirst, dann male deine Gefühle auf ein Bild und zerreiße es. Oder schlage auf ein Kissen“, sagt Julija. Und sie haben gelernt, auf ihren Daumen zu pusten, wenn sie sich vor Angriffen in Sicherheit bringen müssen. „Diese Atemübung beruhigt sie“, sagt die Mutter.

Roschtschukina freut sich, wie Polina und Sofija aufblühen. Wie sie freier werden, sich öffnen, anderen wieder vertrauen, Talente entdecken und selbstbewusster werden. „Hier ist Zuhause“, heißt das Caritas-Zentrum auf Ukrainisch – und genau das ist es für Polina, Sofija und ihre Familie in den vergangenen Jahren geworden. Mutter Julija sagt: „Ich bin froh, dass meine Kinder wieder Kinder sein können. Dass sie nicht im Überlebensmodus bleiben müssen und dass sie einen Ort haben, an dem sie einfach spielen und sie selbst sein können.“

 

Kerstin Osterndorf