Auf ein Wort

Gott liebt das Kleine

Zwei Perspektiven auf eine Zahl: Sind sechs Männer in einem Konvent wenige - oder viele? Was können sie bewirken? Unser Autor hat erfahren: Die Anzahl sagt nichts über die Wirksamkeit aus.

Vor einigen Jahren hat ein Bischof einer ostdeutschen Diözese uns in Andechs besucht. Beim Abendessen fragte er mich, wie viele Mönche hier derzeit leben würden. Ich sagte: „Sechs“ und war etwas beschämt wegen der kleinen Zahl. Ganz überrascht antwortete der Bischof: „Was, so viele? Sie wären der größte Männerkonvent in meinem Bistum. Was können sechs Männer nicht alles bewirken …?“

Die Antwort des Bischofs hat mir seitdem schon öfter geholfen, gerade wenn es um das Kleinerwerden in unseren Gemeinden geht. Die Anzahl sagt nichts über die Wirksamkeit aus. Entsprechend ermutigt Jesus im heutigen Evangelium: „Fürchte Dich nicht, du kleine Herde! Denn euer Vater hat beschlossen, euch das Reich zu geben.“ Gott liebt offensichtlich das Kleine und nicht das Große, wenn er weder Ägypten noch Babylon erwählt, sondern das unscheinbare Volk Israel. Ja, es durchzieht die gesamte biblische Geschichte: Gott fängt immer wieder klein an.

Freilich ist es uns derzeit aufgegeben, das Wenigerwerden zu gestalten. Das ist häufig schmerzlich und macht viele traurig – und das ist nachvollziehbar. Aber die Zusage Jesu steht, dass der Vater uns sein Reich anvertraut hat, dass Gottes Wirklichkeit durch uns Raum bekommt in dieser Welt und unserer Zeit. Das allerdings weckt Neugierde bei mir, sensibel die Umbrüche zu beobachten, mit offenen Augen und gespitzten Ohren zu entdecken, wo und durch wen im Kleinen das Gute wächst, denn: „Selig die Knechte, die der Herr wach findet, wenn er kommt!“

Johannes Eckert