Interview mit Altenseelsorger Christian Wiener

Kirchengemeinden können bei Einsamkeit helfen

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Ein gezeichnetes Boot vor grauem Hintergrund
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Foto: imago/Ikon images

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Einsame Menschen schämen sich oft, spüren Ärger und Wut. Von außen lässt sich nicht beurteilen, ob jemand einsam ist oder nicht.

Einsamkeit war das große Thema bei der vergangenen Diözesanversammlung im Bistum Limburg. Zu Gast war Christian Wiener, Altenseelsorger bei der Evangelischen Kirche Hessen-Nassau. Viele Menschen haben ihm von ihrer Not berichtet. Er sagt: Kirchengemeinden haben hier eine wichtige Aufgabe.

Was ist Einsamkeit?
Einsamkeit ist ein Gefühl, das immer negativ ist. Es ist etwas anderes als Allein-Sein. Letzteres ist ein Zustand, den manche auch mal genießen können. Ob jemand einsam ist oder nicht, lässt sich nicht von außen beurteilen und kann man nicht hinterfragen. 

Sie sagen, Einsamkeit nehme in der Gesellschaft zu. Warum?
Das Problem der Einsamkeit wurde in der Corona-Zeit akut. Seither finden immer mehr Bereiche unseres Lebens in der digitalen Welt statt, wie etwa das Einkaufen und Behördengänge. Dadurch gibt es immer weniger zwischenmenschlichen Kontakt. Soziale Verhältnisse führen zu Einsamkeit. Manch einer hat wenig Möglichkeiten, Orte zu besuchen, die zu sozialen Kontakten führen, wie ein Museum oder Kino. Das Gefühl von kultureller Fremdheit und wenig Akzeptanz von Andersartigkeit lassen die Gesellschaft weiter auseinanderdriften. Und die Zahl der alleinlebenden Menschen steigt. Dazu kommt ein Individualisierungsschub in der Gesellschaft.

Was meinen Sie damit?
Selbstverwirklichung und Autonomie sind Werte, die sehr hoch gehalten werden. Menschen, die nicht so selbstbestimmt leben können, wie sie sich das wünschen, fallen schnell hinten herunter. Ich denke an Kranke. Der Druck, stark sein zu müssen, ist groß. Ich höre häufig den Satz: „Ich möchte nicht abhängig sein.“ Dabei sind wir alle eigentlich abhängig voneinander – und von Gott.

Was sind die Folgen für die Menschen?
Die Menschen schämen sich. Oft spüren sie Ärger und Wut. Warum haben die anderen etwas, was ich nicht habe? Chronische Einsamkeit, der Stress, kann gesundheitliche Folgen haben, wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Depressionen. Fehlende Ansprache kann Demenz verstärken. Auch Substanz-Missbrauch kann die Folge sein.

Pfarrer Christian Wiener ist Supervisor und Referent für Altenseelsorge im Zentrum für Seelsorge und Beratung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau
Foto: EKHN

Was ist chronische Einsamkeit?
Einsamkeitsepisoden kennt jeder von uns, vielleicht nach einem Umzug, einer Trennung oder wenn ein Angehöriger stirbt. Das hat meist keine negativen Folgen für uns. Normalerweise lässt diese Phase nach etwa zwei Jahren nach. Wenn sie weiter anhält, spricht man von chronischer Einsamkeit.

Wie können Kirchengemeinden helfen? Viele sagen: „Zu den Angeboten kommen ja doch immer nur die gleichen?“
Das stimmt. Es geht darum, Räume für Begegnungen zu öffnen, im konkreten und im übertragenen Sinne. Kirchliche Räume sind oft binnenkirchlich ausgerichtet. Das ist häufig mein Eindruck. Es ist ja auch nicht nur negativ, dass sich feste Gruppen bilden, die sich treffen. Es ist dann manchmal sehr schwierig, jemanden Neuen in Strukturen zu integrieren, die seit vielen Jahren bestehen. Ich würde raten, sich ökumenisch oder mit kommunalen Vertretern zu vernetzen und offene, unverbindliche Angebote zu gestalten. Es geht nicht darum, neue Mitglieder zu werben, sondern sich als Kirche aktiv in der Gesellschaft oder vor Ort einzubringen. Ich denke an eine Gemeinschaftsaktion, an der teilnehmen kann, wer das gerne möchte, und bei der es keine Rolle spielt, ob jemand einsam ist oder nicht. Wer möchte mithelfen, den Pfarrgarten zu verschönern? Oder Gemeinden können sich bei Straßen- oder Stadtteilfesten einbringen. Oder sie können eine Plauderbank aufstellen, die es schon auf Friedhöfen gibt.

Was können Gläubige innerhalb ihrer Gemeinden gegen Einsamkeit tun?
Das Wichtigste ist, achtsam zu sein. Wer kommt nicht mehr in den Gottesdienst? Wer hat einen Todesfall zu beklagen? Besuchsdienste, die es vielerorts schon gibt, sollten aufmerksam sein. Wer braucht besonders Hilfe? Gibt es jemanden in der Nachbarschaft, der alleine ist? Hauptamtliche sollten sie bei dieser Aufgabe unterstützen. Es gilt, in kleinen Schritten auf die Menschen zuzugehen. Manch einer kommt gut damit klar, allein zu sein, ein anderer fühlt sich in der gleichen Situation einsam. Damit er oder sie das überhaupt äußern kann, braucht derjenige persönliche Kontakte.

Theresa Breinlich

Diözesanversammlung: Gemeinden sensibilisieren

Bei der vergangenen Diözesanversammlung des Bistums Limburg in Wiesbaden stand die gesellschaftliche Dimension von Einsamkeit im Mittelpunkt. „Es passt zu dem Aufgabenbereich, zu gesellschaftlichen wie auch kirchlichen Themen Stellung zu beziehen – Einsamkeit hat in beiden Bereichen aktuell einen hohen Stellenwert“, erklären Daniela Erdmann und Gerhard Glas, Präsidentin und Präsident der Diözesanversammlung. Sonja Sailer-Pfister, Referentin in der  Altenpflegepastoral, betonte, dass das Thema Einsamkeit seit der Corona-Pandemie Menschen aller Generationen und Lebenswelten zunehmend betreffe. Im Bistum wolle man sich dieser Entwicklung entgegenstellen.

Die Erläuterung bei der Sitzung, dass viele jungen Menschen unter Einsamkeit leiden, machte Erdmann und Glas betroffen. „Auch der dargestellte Unterschied zwischen Einsamkeit und Alleinsein hat uns zum Nachdenken angeregt, so etwa können auch Verheiratete in ihrer Ehe einsam sein“, sagen sie. Gerne würden der Präsident und die Präsidentin das Thema in die Breite des Bistums streuen und Netzwerkarbeit zwischen Akteuren auf kommunaler und ökumenischer Ebene leisten. In einem ersten Schritt sollten Gemeinden für Einsamkeit sensibilisiert werden. „Es gibt dort Menschen, die sich engagieren wollen. Hieraus können offene Angebote geschaffen werden, die etwa dazu beitragen können, dass Menschen sich weniger einsam fühlen, ohne dabei als einsam ‚etikettiert‘ zu werden“, sagen sie. „Des Weiteren war es uns wichtig, dass jene engagierten Gemeinden mit in die bistumsweit geplante Kampagne gegen Einsamkeit mit einbezogen werden.“

Die Diözesanversammlung begann mit einer Schweigeminute im Gedenken an den verstorbenen Walter Steffan, der zwischen 1976 und 1984 Vizepräsident und von 1984 bis 1996 Präsident der Diözesanversammlung war. Im weiteren Verlauf begrüßten Erdmann und Glas die neue Bischöfliche Beauftragte für den Synodalen Bereich, Dewi Maria Suharjanto, in der Runde. (km/thb)