Ausstellung zeigt Gesichter und Geschichten des Missbrauchs
„Handelt endlich!“
Foto: Angela von Brill
Auch Karl Hauke ist eines der Gesichter der Ausstellung und bietet Führungen an.
Es sind bohrende Blicke. Traurig, leer, verstört. Aber auch anklagend, mahnend, kämpferisch. 50 Gesichter in überlebensgroßen Schwarz-Weiß-Porträts blicken die Besucher der Ausstellung „Shame – European Stories“ an – schlicht, und doch so eindringlich. Männer und Frauen, ältere und jüngere Menschen aus verschiedenen Ländern und Kulturen. Was sie eint: Alle Porträtierten wurden in ihrer Kindheit Opfer meist sexueller Gewalt. Ihre Botschaft: Schaut hin! Fangt endlich an, Kindern zuzuhören, ihre Rechte zu stärken, Machtstrukturen zu verändern! Kinder senden Signale. Glaubt ihnen und schützt sie!
Die Bilder sind Werke des italienischen Fotografen Simone Padovani. 25 000 Kilometer reiste er im Auftrag der Guido Fluri Stiftung durch Europa, um Missbrauchsopfer aufzusuchen, zu interviewen, zu porträtieren. Mit seinen auch technisch hochwertigen Bildern möchte er Öffentlichkeit schaffen, das Thema aus der Tabuzone holen. Denn sexualisierte Gewalt passiert überall – in der Kirche, der Familie, der Schule, im Verein, im Krieg, bei Zwangsadoptionen, Entführung oder klinischen Studien.
50 der über 200 Bilder der Porträtserie waren jetzt in Osnabrück im Kunstraum Hase29 zu sehen. Ganz bewusst zeigt die Ausstellung nur die Sichtweise der Betroffenen – und will den Betrachter so mit in die Verantwortung nehmen. „Das sind keine exotischen Fälle, das passiert unter uns“, betont Elisabeth Lumme, Vorsitzende des Kunstraums. Sie hat die Bilder nach Osnabrück geholt. Aufklärung ist ihr ein wichtiges Anliegen: „Wer nichts weiß, kann nicht schützen“, sagt sie. „Die Auseinandersetzung mit den Folgen und Bedingungen gehört in die Mitte der Gesellschaft.“ Oder wie es ein Betroffener der Ausstellung formuliert: „Hört endlich auf zu reden! Handelt endlich! Jetzt.“
Zu den Gesichtern gehören Geschichten. Geschichten des Missbrauchs. Kurz und eindringlich stehen sie unter jedem Bild. Sie schildern den erlebten Missbrauch und das Leiden danach – und stellen Forderungen. Statistisch hat jeder siebte Erwachsene in seiner Kindheit sexuelle Gewalt erlebt, klärt Karl Hauke die Besucher auf. Auch er ist Betroffener, auch sein Gesicht Teil der Ausstellung. In seinen Führungen erklärt der 75-Jährige eindringlich Hintergründe, gesundheitliche und seelische Folgen, benennt Narrative und Erklärungsmuster der Täter, kritisiert Machtstrukturen und systemimmanente Einflüsse – insbesondere bei der Kirche, die sein Leid verursacht hat. „Wir werden niemals aufgeben“, sagt er mit Blick auf die Bilder. Viel zu viele Menschen und Institutionen verschließen immer noch die Augen vor sexuellem Missbrauch, übernehmen keine Verantwortung: „Sie wollen sich schützen vor diesem fürchterlichen Bild“, so Hauke. Vor diesem Hintergrund kann der Ausstellungstitel „Shame“ als Spiegel und als Weckruf verstanden werden: als Hinweis auf das Schamgefühl der Betroffenen oder als Anklage gegen eine Gesellschaft, die das Leid dieser Menschen nicht wahrnimmt und es versäumt, weiteres Unrecht zu verhindern.
Das Bistum Osnabrück unterstützt die weitere Verbreitung der Ausstellung „Shame“, vermittelt Kontakte und Expertise. Gemeinden und Initiativen, die interessiert sind, die Bilder bei sich auszustellen, können sich wenden an Ombudsmann Simon Kampe, Telefon 05 41/318 389; E-Mail: s.kampe@bistum-os.de