Friedensforschung
Im Angesicht von Thomas von Aquin
Foto: Matthias Schatz
Christian Braun in der Instituts-Bibliothek. Sie befindet sich im zweiten Stock des Gebäudes der Katholischen Akademie Hamburg, die unter anderem auch einen Saal für größere Diskussionsveranstaltungen bietet.
„Ethische Elemente in Fragen von Krieg und Frieden sind in Deutschland weiterhin ein Randthema. Im Zentrum der öffentlichen Debatte stehen vielmehr wirtschaftliche und militärische Aspekte“, konstatiert Christian Braun. Das möchte er als neuer Leiter des Instituts für Theologie und Frieden (Ithf) sowie des Zentrums für ethische Bildung in den Streitkräften, kurz Zebis, in Hamburg ändern. Beide Einrichtungen soll und will der 38 Jahre alte promovierte Politikwissenschaftler fusionieren und unter neuem Namen zu einer katholischen Denkfabrik umgestalten. Räumlich ist das leicht zu bewerkstelligen, befindet sich das Zebis doch im gleichen Trakt wie das Ithf im zweiten Stock des Gebäudes der Katholischen Akademie in Hamburg am Herrengraben 4. „Wir werden aber die Büros durchmischen“, kündigt Braun an. Finanziell stünden für die Umgestaltung durch den Träger, die Katholische Militärseelsorge in Berlin, auch ausreichend Mittel zur Verfügung.
Die Voraussetzungen für eine derart bedeutende Umgestaltung bringt der gebürtige Saarländer vornehmlich aus dem Vereinigten Königreich mit. Dort hatte er zuletzt nicht nur eine Führungsposition am Defence Studies Department, also der Abteilung für Studien zur Verteidigung, des King’s College in London inne. Sicherheitspolitik spiele dort traditionell eine größere Rolle als in Deutschland, wie Christian Braun im Bibliotheksraum des Ithf ausführt. In Deutschland gibt es in der Tat nur wenige Experten, die sich überhaupt mit militärischen Themen tiefergehend auseinandergesetzt haben – zu erkennen an den Diskussionen über Russlands Überfall auf die Ukraine, wo nur ein kleiner Kreis an Personen Einsichten zu diesem Thema geben kann.
Diese Erfahrung musste Braun schon vor mehr als zehn Jahren machen. Nachdem er 2012 an der Universität Trier sein Lehramtsexamen in Politik und Englisch abgelegt hatte, erhielt er an der Universität von Portland im US-Bundesstaat Oregon eine Fulbright Scholarship. „Dort besuchte ich ein Seminar über die Ethik des Krieges. Das war besonders interessant, weil US-Präsident Barack Obama seinerzeit die Kriegsführung mit Drohnen gegen Terroristen ausgeweitet hatte“, erinnert sich Braun. Anschließend wollte er über ein Thema aus diesem Bereich promovieren. „Ich fand aber keinen Professor, der so eine Arbeit betreuen wollte. Das war in Deutschland ein zu delikates Thema.“ So schrieb Braun schließlich seine Dissertation über Aspekte des „gerechten Krieges“ an der Universität in Durham, das etwas südlich der englischen Stadt Newcastle liegt.
Die Debatte über den Begriff des gerechten Krieges gebe es schon sehr lange, sagt Christian Braun. Insbesondere Thomas von Aquin habe sie geprägt. Von dem Heiligen hängt daher auch ein Bild in der Bibliothek des Instituts. „Thomas von Aquin wollte damit eigentlich die Rechtfertigungen für einen Krieg einschränken“, sagt Braun. Historisch gesehen habe die „Lehre vom gerechten Krieg“ jedoch Krieg oftmals eher ermöglicht als eingeschränkt. „Der Krieg an sich ist immer ungerecht“, fährt Braun fort. Er möge den Begriff „gerechter Krieg“ auch nicht. „Man könnte vielleicht von einem rechtfertigbaren Krieg sprechen.“ Das sei so mit dem Verteidigungskrieg der Ukraine, da dort ganz klar Russland der Aggressor sei und die Ukraine angegriffen worden sei. „Der Begriff des ‘gerechten Krieges’ ist aber ein Widerspruch in sich, da der Krieg immer eine Niederlage für die Menschheit ist.“
Nach der Promotion war Braun eineinhalb Jahre an der britischen Militärakademie in Sandhurst tätig. „Das war eine wichtige Aufgabe. Ich diskutierte mit den Soldaten über die ethischen Probleme, die sie im Kampf bedrängten.“ In Sandhurst sollte er eigentlich bleiben, erzählt Braun weiter, aber auch im Vereinigten Königreich mahle die Bürokratie zuweilen langsam. Da nicht genau absehbar gewesen sei, wann seine Beschäftigung verlängert werde, wechselte er als Gastwissenschaftler (Fellow) an die Radboud Universität im niederländischen Nijmegen. „Dort war ich an der juristischen Fakultät tätig, was sehr viel aussagt über das Thema ‘gerechter Krieg’". Diese Zuordnung mache deutlich, dass das Thema theologische, philosophische und rechtliche Elemente umfasse.
Am King’s College, wo er danach tätig war, hat Braun besonders der internationale Austausch beeindruckt. Der sei ein hohes Gut. „Dort werden die besten Offiziere aus 56 Nationen zusammengebracht.“ So schwebt Braun auch vor, künftig Gastwissenschaftler an das neue Institut zu holen, durch die stärker Sichtweisen aus anderen Ländern diskutiert werden. Das neue Institut werde wie das Ithf weiter interdisziplinär arbeiten, wobei die Theologie natürlich der Grundpfeiler bleibe. Aber auch Historiker, Philosophen und Politikwissenschaftler würden ihre Erkenntnisse einbringen.
Grundsätzlich sollen nach Brauns Vorstellungen drei Bereiche abgedeckt werden: die Forschung, wie sie derzeit das Ithf betreibt, dazu die Beratung etwa politischer, militärischer und kirchlicher Verantwortlicher und die Ausbildung sowie Betreuung der Soldaten vor Ort. Hamburg eigne sich als Standort gut, weil die Bundeswehr dort eine Universität und eine Führungsakademie habe. Um sich stärker in die öffentliche Debatte einzubringen, sollen Dossiers zu aktuellen Fragen herausgegeben und Diskussionsrunden veranstaltet werden. Und die Öffentlichkeitsarbeit verstärkt werden. Zudem würden die Aufgaben der knapp 15 Mitarbeiter neu geordnet. Ein Stellenabbau ist laut Braun aber nicht vorgesehen. Viel zu tun also für den neuen Leiter. Anfang nächsten Jahres soll zumindest der neue Name des Instituts feststehen.