Katholizismus in Hamburg
International und großzügig
Foto: Nicola Sauter-Wenzler
Der Kölner Architekt Heinrich Renard (1868-1928) passte die Kirche in schlichtem Historismus in die Villenbebauung des Stadtteils Harverstehude ein.
„Wenn schon, denn schon“, sagt Norbert F. Pötzl darauf angesprochen, dass die von ihm redaktionell verantwortete Festschrift zum 100. Kirchweihjubiläum von St. Elisabeth sehr tiefschürfend die Geschichte der Gemeinde darstellt. Die wohltuend nüchtern, sorgfältig recherchierte und ohne PR-Jargon verfasste Pfarrei-Chronik Pötzls macht dabei auch vom Umfang her den zentralen Teil der Publikation aus. Der ehemalige Spiegel-Redakteur und Autor mehrerer Sachbücher hat nach eigenen Worten bei seinen Recherchen unter anderem das Verkündbuch der Jahre 1932 bis 1942 von St. Elisabeth gefunden. Es floss in seine Darstellung der Gemeindegeschichte zur Zeit des Nazi-Regimes ein, die „bislang eine Leerstelle“ war, so Pötzl.
Die 148-seitige Schrift, deren zentraler Beitrag Pötzls Gemeinde-Chronik ist, wird erstmals am 19. September angeboten, wenn St. Elisabeth mit einem Sommerfest die Jubiläumsfeierlichkeiten beginnt, deren Programm unter https://heiliggeist.org/st-elisabeth/ zu finden ist. Ihre Veranstaltungen erstrecken sich bis zum 29. November, dem 1. Advent. Dann wird in der Kirche an der Hochallee ein Pontifikalamt mit Erzbischof Stefan Heße zelebriert. Im Vorlauf zu diesem Höhepunkt stellt sich unter anderem Generalvikar Pater Sascha-Philipp Geißler am 4. November den Fragen Pötzls bei einem Gesprächsabend. Ein Interview mit Geißler zur Lage der Gemeinden im Erzbistum findet sich bereits in der Festschrift.
Ein Spiegel katholischen Lebens in Hamburg
Die Festschrift gibt über das Gemeindeleben hinaus auch einen Eindruck der Geschichte des Katholizismus’ in Hamburg. So etwa von den Gründerjahren, in denen die Katholiken anders als die Protestanten die Grundstücke für Kirchen nicht kostenfrei bekamen und Bauvorhaben komplett privat finanzieren mussten. Auch das Lavieren der katholischen Kirche zwischen Anpassung und Widerstand im Dritten Reich fand seine Resonanz. Auf Anordnung des Osnabrücker Bischofs Wilhelm Berning wurde zu Adolf Hitlers 50. Geburtstag 1939 beispielsweise die Hakenkreuzfahne am Kirchturm gehisst. Berning wollte laut Pötzl vermeiden, dass sich der Konflikt zwischen NS-Regime und katholischer Kirche verschärft. Zugleich halfen Jesuiten im Viertel „Am Schlump“ Juden, die seinerzeit mit rund 15 Prozent der Bevölkerung dreimal so viele Bewohner wie die Katholiken auf dem Gemeindegebiet hatten, außer Landes zu kommen.
Und man erfährt auch: Das von Bernhard Dinkgrefe – ab 1901 Oberhirte aller Hamburger Katholiken und ab 1921 erster Pfarrer von St. Elisabeth – gegründete „Nachrichtenblatt“ für die Katholiken der Hansestadt, wurde auf Betreiben der Nazis 1937 mit dem Osnabrücker „Kirchenboten“ zwangsvereinigt. Es war ein Vorgänger der Neuen Kirchenzeitung, Ab August 1940 durfte der „Kirchenbote“ Soldaten an der Front nicht mehr zugeschickt werden und wurde 1941 schließlich verboten.
Norbert F. Pötzl hat zudem erstmals die Gemeindegeschichte nach 1965, also nach dem Ausscheiden von Dinkgrefes Nachfolger Georg Bram, eingehender aufbereitet. So beleuchtet er das Wirken von Henry Fischer näher, der den Aufbau der Katholischen Akademie mit initiierte. Anschließend heißt es zu Pfarrer Otto Scholz, er habe mit der von Papst Johannes XXIII. forcierten Öffnung der katholischen Kirche zur Welt „nichts anfangen“ können. Scholz’ Nachfolger Klaus Alefelder, bis 2010 letzter nur dieser Gemeinde zugeordneter Pfarrer, gibt im Anschluss an die Chronik einen eigenen Rückblick auf sein Wirken. Auf seine Initiative ist maßgeblich die bis heute andauernde Unterstützung der Benebikira-Schwestern, die in Ruanda Schulen betreiben, durch die Gemeinde zurückzuführen.
Mehr Kirchgänger unter den anderssprachigen Gemeinden
In der Internationalität von St. Elisabeth spiegelt sich bis heute ein zentraler Aspekte des Katholizismus in Hamburg. 40 Prozent der Gemeindemitglieder Ausländer vor allem der dort beheimateten englisch- und spanischsprachigen Missionen. Sie stellen auch die meisten Kirchgänger. Ihre Pastoren kommen in der Festschrift ebenso in eigenen Beiträgen zu Wort wie viele andere Gemeindemitglieder – vom Organisten Christian Westerkamp bis zur Leiterin der katholischen Schule Hochallee, Ulrike Wiring.
St. Elisabeth liegt in einem der wohlhabendsten Viertel Hamburgs. Aufgrund der nahen Universität und des benachbarten Norddeutschen Rundfunks wohnen dort zudem viele Professoren und Medienschaffende. Sie haben von Anfang an oft ihre Privatschatullen zugunsten des Gemeinde geöffnet. Seit 2006 unterstützt die St.-Elisabeth-Stiftung die Gemeinde und ermöglichte beispielsweise die Renovierung der Beckerath-Orgel. Auch die Jubiläumsfeierlichkeiten werden von Gemeindemitgliedern finanziell unterstützt.
Zur Person
Norbert F. Pötzl war bis 2013 Redakteur des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“, wo er unter anderem mitverantwortlich für die Reihe „Spiegel Geschichte“ war. Das Gemeindemitglied ist Autor und Herausgeber zahlreicher Sachbücher.