Abschiedsbriefe von Opfern der Nazi-Diktatur
„Jede Nacht sehe ich euch“
Foto: privat
Dokumente der Erinnerung: Der Abschiedsbrief von Mieczysław Kopyto.
Sein Großonkel Mieczysław Kopyto ist für Markus Szczypta nun kein Unbekannter mehr. Als er und seine Schwester den Personalausweis des Großonkels mit dem Passfoto in den Händen hielten, „war es um uns geschehen“, sagt er. Bis dahin hatte er kein Bild von ihm: „Ich habe immer versucht, mir einen 17-Jährigen vorzustellen.“ Nun sah er in das Gesicht eines jungen Mannes, der sein Leben vor sich hatte. „Da blieb kein Auge trocken.“
Die Last der Großmutter
Was genau Mieczysław Kopyto geschehen ist, blieb in seiner Familie lange unklar. „Ermordet circa 1943 in Bayern“, schrieb Szczypta in seinen Stammbaum. Das war die Erzählung seiner Großmutter, der älteren Schwester von Mieczysław Kopyto und der anderen Geschwister. „Die ganze Familie dachte, er wurde erschossen“, sagt Szczypta (41). Man erzählte sich, dass er wegen eines Mädchens festgenommen worden war.
Ende 1942 oder Anfang 1943 erhielt die Familie, die in der Nähe von Tschenstochau in Polen lebte, ein Paket aus Deutschland mit Kleidung und Schuhen von Mieczysław – damit wussten sie, dass er tot ist. Was nicht ankam, war sein Abschiedsbrief. Jahrzehnte vergingen. Szczypta erzählt, dass der Schmerz um ihren Bruder seine Großmutter lebenslang begleitet haben muss: „Sie war kein lustiger Mensch. Sie hat immer so eine Last in sich getragen.“ Er erinnert sich, dass sie am Fenster einen Gedenkort mit einer Kerze hatte. „Die brannte immer.“
Nach dem Tod der Großmutter im Jahr 2000 gab es kaum noch Menschen, die von dem Großonkel erzählen konnten. Im September 2025 meldete sich eine Mitarbeiterin der Arolsen Archive bei Szczypta und sagte ihm, dass sie in den Akten zu Hingerichteten im Nationalsozialismus Dokumente zu seinem Verwandten gefunden hätten. Darunter Gerichtsakten, den Personalausweis und einen Abschiedsbrief. Wie viele der letzten Grüße von Hingerichteten wurde auch dieser Brief in die Akte des Verurteilten gelegt und nie abgeschickt.
Im Projekt #lostwords versuchen die Arolsen Archive, Hinterbliebene von Hingerichteten aus dem Gefängnis München-Stadelheim zu finden. Szczypta erhielt zunächst viele digitalisierte Seiten, etwa Protokolle des Gerichtsprozesses seines Großonkels. Er hat die Informationen entziffert, übersetzt und chronologisch geordnet, um sich ein Bild seines unbekannten Verwandten machen zu können.
Die Dankbarkeit der Familie
Mieczysław Kopyto erzählt im Prozess wie auch in seinem späteren Gnadengesuch, warum er sich nach seiner Schulzeit von seinen Eltern und Geschwistern verabschiedet hat und als Landarbeiter nach Bayern gegangen ist. „Er wollte seinem Vater helfen. Er schickte seinen Verdienst seiner Familie in Polen“, sagt Szczypta.
Deren landwirtschaftlicher Ertrag reichte kaum zum Leben, zusätzlich mussten sie noch Teile der Ernte an die deutschen Besatzer abliefern. Mieczysław arbeitete ab Ende März 1941 auf einem Hof in Kirchdorf am Inn, bis ihn eine Magd im Juni 1942 bei der Polizei anzeigte. Sie warf ihm einen versuchten sexuellen Übergriff vor. Kopyto wurde verhaftet und im September 1942 zum Tod verurteilt.
Am 1. Oktober 1942 schrieb er seiner Familie einen Abschiedsbrief. Er teilte auf Polnisch mit, was passiert war, dass er im Gefängnis saß, dass das Gericht ihm keinen Glauben schenkte und dass ihn „heute oder morgen der Tod erwartet“. Er bat seine Eltern und Geschwister, für ihn zu beten und eine heilige Messe zu feiern, und schrieb: „Ich möchte noch zu euch zurückkehren, aber ich weiß nicht, wie es mit mir weitergehen wird, alle Hoffnung liegt in Gott, jede Nacht sehe ich euch.“ Am 2. November 1942 wurde er mit dem Fallbeil hingerichtet.
Mit seiner Schwester reiste Szczypta im November 2025 nach Bad Arolsen, wo ihm von den Archiven eine originalgetreue Kopie des Abschiedsbriefes überreicht wurde. Im März dieses Jahres hat er die Dokumente zu seiner Familie nach Polen gebracht. „Ich hatte das Gefühl, dass ich alte Wunden wieder aufreiße“, sagt er. „Am Ende waren alle sehr dankbar dafür.“
Seitdem forscht er weiter. Er fand heraus, dass der Prozess in den 1950er-Jahren noch einmal aufgerollt wurde. Auch das Grab des Großonkels in München hat er vermutlich finden können. Es ist nicht selbstverständlich, dass Hingerichtete bestattet wurden. „Normalerweise wurden die Leichname der Anatomie übergeben“, sagt Szczypta. „Wir fanden aber einen Grabstein mit seinem Namen, den über 80 Jahre lang niemand besucht hat.“
Er erzählt, dass er durch das Projekt einen Teil seiner Familie wiederentdeckt habe. Aber nicht nur das. Wie viele Polen sei seine Familie katholisch und glaube an das Leben nach dem Tod: „Daher glauben wir, dass Mieczysław dankbar ist, dass seine Worte gehört worden sind und dass er nicht in Vergessenheit geraten ist.“