Eine "übersehene Epidemie"

Millionen Deutsche fühlen sich einsam

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Senioren beim gemeinsamen Mittagstisch
Nachweis

Foto: Thomas Osterfeld

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Eine von vielen Aktionen gegen Einsamkeit: der gemeinsame Mittagstisch der Pfarrei St. Josph in Osnabrück-Lüstringen.

Es betrifft nicht nur Senioren. Auch viele Kinder, Jugendliche und Erwachsene fühlen sich einsam. Viele Kirchengemeinden haben bereits erkannt: Es ist höchste Zeit, gegenzusteuern. Denn chronische Einsamkeit kann nicht nur krank machen, sie ist auch Nährboden für rechtsextreme Ideologien.

Dass er ständig allein ist, fiel als Erstes seinem Hausarzt auf. Er gab Walter Imsande nach dem Tod seiner Frau einen gut gemeinten Rat: „Gehen Sie doch mal zum Senioren-Mittagstisch nach Lüstringen. Da haben Sie nette Gesellschaft.“ Der 92 Jahre alte Rentner schmunzelt, während er das erzählt. Denn sein Arzt hatte recht. „Ich komme gern“, sagt Imsande heute und blickt froh in die mittlerweile vertraute Runde von etwa zehn Seniorinnen und Senioren, mit denen er sich seit zwei Jahren einmal wöchentlich zum Mittagessen trifft. 

Seit über 20 Jahren gibt es dieses Angebot im katholischen Pfarrheim der Pfarrei St. Joseph im Osnabrücker Stadtteil Lüstringen. Erika Junge (83), die ebenfalls von ihrer Hausärztin den Rat bekam, „mal wieder unter Leute zu gehen“, ist an diesem Tag ganz neu dabei und erklärt direkt: „Das Essen ist hier gar nicht das Wichtigste. Sondern, dass man sich mal unterhalten kann.“ 

"Die Vereinzelung hat gravierende Ausmaße angenommen"

Diagnose Einsamkeit. Immer mehr Menschen leiden darunter. „Die Vereinzelung in der Gesellschaft hat gravierende Ausmaße angenommen“, meint Daniela Dohr, Projektreferentin der Caritaskonferenzen Deutschlands (CKD). Sie forscht zum Thema „Einsamkeit im Alter“, das die CKD als Bundesprojekt ausgerufen hat. Auf einem Forum der CKD im Bistum Osnabrück präsentiert sie Zahlen, die die Teilnehmer nachdenklich machen: Jeder vierte Erwachsene zwischen 18 und 69 Jahren in Deutschland fühlt sich einsam, bis zu 20 Prozent sogar chronisch. Auch immer mehr junge Menschen sind betroffen: So fehlt nach Umfrage-Ergebnissen 55 Prozent der Jugendlichen „manchmal oder immer“ Gesellschaft, 26 Prozent haben nicht das Gefühl, anderen Menschen nah zu sein. 

CKD-Forum Einsamkeit
Auf einem CKD-Forum zum Thema Einsamkeit informierten sich die Teilnehmer über Möglichkeiten der Hilfe. Foto: Astrid Fleute

Statistisch gesehen ereilt die Diagnose am ehesten Menschen in Übergangssituationen wie Studium, Beruf, Ausbildung oder Rente oder nach Schicksalsschlägen wie Tod oder Trennung. Man sieht ihnen jedoch nicht an, dass sie einsam sind. Sie leiden oft versteckt, verschämt, manchmal frustriert. 

Corona hat diese Entwicklung beschleunigt. „Die Balance zwischen Ich und Wir ist aus dem Gleichgewicht geraten“, erklärt Christoph Hutter, Leiter der Ehe-, Familien-, Lebens- und Erziehungsberatung im Bistum Osnabrück, und warnt vor gravierenden Folgen dieser „übersehenen Epidemie“: Denn Einsamkeit sei nicht nur subjektiv bedrohlich und könne krank machen, sondern sei auch ein Einfallstor für antidemokratische Positionen und rechtsextreme Ideologien, wie aktuelle und alarmierende Studien belegten. Demnach fördere sie abwertende und feindselige Einstellungen, in die Betroffene abdriften könnten.

"Die Menschen müssen sich verbunden fühlen" 

Aus medizinischer Sicht ist chronische Einsamkeit ein Schmerz, der als solcher sogar im Gehirn nachweisbar ist. Manche Hausärzte, die jeden Montag die Beschwerden von Menschen nach einsamen Wochenenden behandeln, verschreiben Schmerzmittel, so Hutter. Die unterdrücken zwar den Schmerz, heilen aber nicht die Seele. Denn die braucht Beziehungen und Zugehörigkeit, wie es der Hausarzt von Walter Imsande treffend erkannt hat. Dabei sei die Anzahl der Kontakte gar nicht entscheidend, sondern die Qualität, betont Daniela Dohr: „Die Menschen müssen sich verbunden fühlen.“ 

Aber wie findet man Menschen, die einsam sind? Wie lassen sie sich ansprechen? Das fragen sich auch die Teilnehmer des CKD-Forums, allesamt ehren- oder hauptamtlich in Besuchsdiensten oder anderen Formaten aktiv. Christoph Hutter berichtet ihnen aus dem Nachbarland Niederlande, wo Postboten beauftragt wurden, Menschen an der Haustür zu fragen, wie es ihnen gehe. Auch „Sprechkassen“ in Supermärkten oder Rikschas in Städten sollen dort Austausch und Kontaktaufnahme unkompliziert fördern. Völlig klar ist für ihn ohnehin: „Ohne Friseure wäre das Thema Einsamkeit gar nicht mehr zu bewältigen.“

"Ohne Friseure wäre das Thema gar nicht mehr zu bewältigen" 

Hutter rät, kreativ zu werden. Die Fragestellung müsse lauten: „Wo können wir im Weg herumstehen, wo wir nützlich sind?“ Und er spricht von Ermöglichungsstrukturen: „Offene Cafés“ jeglicher Art, eine Bank vor der Kirche, eine offene Gemeindewiese, liturgische Angebote, ein Skaterpark, ein Spielplatz, ein literarischer Abend, Nachbarschaftspflege. Darüber hinaus gehe es aber auch um alternative Wohn-, Arbeits- und Einkaufsstrukturen, die an vielen Orten dafür sorgen können, „dass wahrscheinlich Beziehung funktioniert.“ Endlich hätten auch die Politik und sogar die Wirtschaft das Thema entdeckt und entwickelten Strategien und Kompetenznetzwerke, um gegenzusteuern. Gleichzeitig warnt er aber auch vor zu hohen Erwartungen und sagt: „Wir können nicht alle therapieren.“ 

Mittagstisch Lüstringen
Einmal wöchentlich treffen sich die Senioren zum Mittagessen - und zum Reden. Foto: Astrid Fleute

Die Pfarrei St. Joseph in Osnabrück hat mit dem Mittagstisch bereits ein wichtiges Angebot geschaffen. Auch einen mobilen Einkaufswagen, einen Stand auf dem Wochenmarkt, Besuchsdienste, Spieleabende und Singletreffs gebe es unter anderem, sagt Gemeindereferent Stephan Schulte und räumt ein: „Für Jugendliche ist es schwerer, etwas anzubieten.“ 

Andere Teilnehmer berichten von Bike-Repair- oder Trauercafés, Besuchsdiensten in Krankenhäusern, Pfarrbriefverteilern, Vernetzungen mit Pflegediensten, Veranstaltungen mit Eventcharakter, Angeboten für Neuzugezogene. Inspiriert tauschen sie auch bereits neue Ideen aus: Nachbarn zum Äpfelpflücken einladen, einfach mal Menschen grüßen, die einem entgegenkommen, sich mit der Rikscha „in den Weg stellen“ oder sich „mit dem Strickzeug auf die Bank vor das Pfarrheim setzen und schauen, was passiert“. Manchmal kann es so einfach sein.

IDEENWETTBEWERB

Einsamkeit hat viele Gesichter und Facetten. In Kirchengemeinden, Verbänden und Kommunen gibt es bereits zahlreiche Projekte und Initiativen, um Menschen Wege aus der Einsamkeit zu eröffnen oder drohende Einsamkeit abzuwenden. Das Land Niedersachsen hat unter dem Motto „GEMEINSAM nicht einsam“ eine Öffentlichkeitskampagne und einen Ideenwettbewerb gestartet. Gesucht werden Projekte aus Niedersachsen, die geeignet sind, von Einsamkeit betroffenen Menschen zu helfen. Die Ausschreibung gibt es seit dem 2. Mai.

Weitere Informationen gibt es hier beim Sozialministerium Niedersachsen.

Astrid Fleute