Möglicher Verkauf einer Innenstadtkirche

Neue Möglichkeiten schaffen

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Die Türme der Herz-Jesu-Kirche Osnabrück
Nachweis

Foto: Katrin Kolkmeyer

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Einst als Entlastungskirche für den Dom gebaut, jetzt zu groß geworden: die Herz-Jesu-Kirche im Stadtkern von Osnabrück

 

Alle Bistümer leiden unter dem Druck, Gebäude finanzieren zu müssen, die von nur wenigen Gläubigen genutzt werden. Kreative Lösungen werden gesucht. In Osnabrück könnte eine Kirche ans Theater verkauft werden.

Die Herz-Jesu-Kirche in Osnabrück hatte bei ihrem Bau Anfang des 20. Jahrhunderts eine ganz bestimmte Rolle: Sie diente als Entlastungskirche. Weil im Dom zu viele Menschen Gottesdienst feiern wollten, entstand als Ausweichquartier wenige Minuten zu Fuß entfernt ein weiteres imposantes Kirchengebäude. Mehr als ein Jahrhundert lang traf sich hier eine Gemeinde, feierte die Messe, lebte den Glauben. Dann reichten die Besucherzahlen nicht mehr. Immer weniger Menschen versammelten sich. Die einstige Entlastungskirche wurde zu groß. Und sie ist es bis heute; zurzeit wird nach einer Nutzung für das leere Gebäude gesucht. Von Jugendkirche bis Diözesanbibliothek reichten schon die Gedankenspiele. Herz Jesu ist ein Beispiel, wie es in allen Bistümern vorkommt.

„Es kühlt aus und wird muffig“

Der Osnabrücker Generalvikar Ulrich Beckwermert lässt gerne Bilder sprechen. Nichts sei so schlimm wie ein ungenutztes Gebäude, sagt er. „Ein Gebäude, das nicht genutzt wird, riecht danach, dass es nicht genutzt wird. Es kühlt aus und wird muffig.“ Sicherlich wird es auch unansehnlich, aber da ist noch ein entscheidender Punkt: Ein ungenutztes Gebäude kostet Geld. Denn es muss weiterhin geheizt werden, Versicherungsprämien sind fällig, Reparaturen fallen an. „Ich möchte unbedingt vermeiden, dass wir hier Kirchen haben, die irgendwann durch einen Bauzaun abgesichert werden müssen, die zum verlorenen Ort, zum ,Lost Place’ werden“, sagt der Generalvikar. Deshalb wird im Bistum Osnabrück gerade geguckt, was vom Immobilienbestand auf jeden Fall erhalten werden muss, was noch finanzierbar ist, was aufgegeben werden sollte, damit Gebäude an anderen Stellen überleben können. Neben der Personalkonferenz etabliert sich gerade eine Gebäudekonferenz, in der alle an der Frage beteiligten Referate der Verwaltung zusammen am Tisch sitzen.

„Eine geniale Idee“

Mag es Zufall gewesen sein oder eine geniale Fügung – jedenfalls ergab sich in einem Gespräch zwischen Vertretern der Kirche und der Kommune eine Idee. Die Stadt könnte die Kirche und das Areal drumherum erwerben, könnte das kleine städtische Quartier weiterentwickeln und den Kirchenraum dem Stadttheater zur Verfügung stellen. Denn der Kulturbetrieb ist ohnehin gerade auf der Suche nach Räumlichkeiten. Und da wäre Herz Jesu eine gute Wahl. Ob es auch machbar ist, soll eine intensive Prüfung ergeben, die sich bis zum kommenden Sommer hinziehen könnte. Erste Reaktionen lassen vermuten, dass die breite Öffentlichkeit wohl einverstanden wäre mit einem Besitzerwechsel. „Eine geniale Idee“, urteilte ein Kolumnist der Neuen Osnabrücker Zeitung.

Kein Gewinn beim Verkauf

Kein Bistumsverantwortlicher, kein Gemeindemitglied freut sich darüber, wenn eine Kirche veräußert werden muss – aber es scheint ein Zug der Zeit zu sein, immerhin entstehen neue Möglichkeiten. Dann soll es aber wenigstens eine Nachnutzung sein, die den Interessen der Kirche nicht entgegensteht. Der Kulturbetrieb des Theaters könnte passen. Beckwermert umschreibt die Grenze des Machbaren zurückhaltend, macht aber auch deutlich: „Eine verkaufte Kirche kann nicht für Parteitage genutzt werden, hinter denen wir nicht stehen, wenn sie sich gegen Freiheit und Demokratie wenden.“ Und wie ist es mit dem Verkaufserlös? Hier bremst der Verwaltungschef von vornherein mögliche Erwartungen. Es reicht schon, wenigstens von den laufenden Kosten herunterzukommen.

Wird eine Kirche veräußert, muss Trauerarbeit geleistet werden. Viele wird der Abschied schmerzen, vor allem jene, die sich beim Bau oder bei der Unterhaltung finanziell engagiert haben. Damit es aber erst gar nicht zu Kirchenschließungen kommen muss, hat Generalvikar Beckwermert, der immer auch Seelsorger sein möchte, einen guten Rat: „Der allerbeste Weg, eine Kirche zu erhalten, ist, sie mit Leben zu füllen. Wenn man sie also selber besucht.“ Deshalb: „Herzliche Einladung.“

Matthias Petersen