Junge Lingener gestalten Kunstinstallation auf Friedhof
Neues Leben für alte Kreuze
Fotos: Petra Diek-Münchow
Ein Kunstobjekt aus alten Kreuzen: Daran haben Marie Lehmeier ( v.l.), Jane und Dana Mock mit Schulpastor Gernot Wilke-Ewert mitgewirkt.
Zu finden ist diese auf dem neuen Friedhof in Lingen, direkt neben der Kapelle. Wer nach einer Trauerfeier nach draußen tritt, sieht gleich die fast schwebend scheinende Konstruktion aus Edelstahlseilen und Stahlträgern. In der Mitte ragt ein hohes Wegekreuz aus Eichenholz auf, das früher einmal auf einem Bauernhof stand. Und rechts und links davon hängen aufgereiht 160 verschiedene Kreuze: die meisten mit dem traditionellen Korpus des gemarterten Jesus, einige aus Messing oder Bronze, andere mit einem kleinen Weihwasserbecken und Aufschriften. Und an einem klemmt noch das vergilbte Buchsbaum-Sträußchen von einem vermutlich Jahre zurückliegenden Palmsonntag. Ein wenig nachdenklich schaut Gernot Wilke-Ewert darauf. „Das sind alles durchbetete Kreuze, die sicher viel Leid und Dank gehört haben“, sagt er. „Aber an diesem Ort werden sie zu etwas Neuem, womit Menschen auch ihr Leid und ihren Dank verbinden können.“
Ein Symbol für Leben und Auferstehung
Wilke-Ewert ist evangelischer Schulpastor an den Berufbildenden Schulen im emsländischen Lingen. Er hat das Projekt mit sechs jungen Erwachsenen aus der Fachrichtung Soziales entwickelt und mit zusätzlicher Hilfe einer Klasse aus dem Bereich Agrar umgesetzt. Im Vorfeld hatte er schon oft erlebt, dass bei Umzügen oder Umbauten jahrzehntealte Kreuze abgehängt, vielleicht dann irgendwo auf einem Dachboden einstauben und im besten Fall durch eine modernere Version ersetzt werden. „Die Frömmigkeit verändert sich, andere Formen des Kreuzes sind heute gefragter“, sagt er. Aber er möchte nicht, dass die oft lange gehüteten Kreuze einfach verschwinden. „Das müssen wir wertschätzen. Und sie bleiben ein Symbol für Leben und Auferstehung. Unser christlicher Glaube nimmt Leid und Tod ernst und zeigt das auch mit dem Kreuz.“
Warum also solche Kreuze nicht sammeln, ihnen einen neuen Ort geben und damit die vielen Erinnerungen bewahren? Bei den jungen Leuten aus dem Beruflichen Gymnasium kam diese Idee sofort gut an. „Es wäre doch schade und auch nicht richtig, wenn diese Kreuze weggeworfen und im schlimmsten Fall sogar im Müll landen. „Da hängen so viele Gedanken und Gebete daran“, sagt Dana Mock stellvertretend auch für ihre Schwestern Jane und ihre Mitschülerin Marie Lehmeier. Also starteten die jungen Leute mitten in den Abiturvorbereitungen über verschiedene Medien einen Aufruf – und über 250 Kreuze kamen zurück. Viele in großen Paketen per Post, andere direkt bei der Schule und manche haben die jungen Erwachsenen auch selbst abgeholt. Bei einigen Zusendungen lagen kurze Briefe mit berührenden Botschaften, die die Absender mit den jungen Leuten teilen wollten. Dass das Kreuz der verstorbenen Großmutter gehört hat, dass die Eltern das Kreuz zur Hochzeit bekommen haben – und sie froh sind über diese Art des Gedenkens. „Vielleicht konnten wir den Kreuzen auf diese Art ein neues Leben schenken“, sagt Jane Mock.
Ein bleibendes Werk
Viel Zeit haben die jungen Leute in dieses Projekt investiert – haben sich zwischen Pauken und Klausuren oft auch privat dafür nach dem Unterricht getroffen. Aber alle sagen, dass es sich gelohnt hat. Nicht nur, weil sie dabei viel über Organisation und die Suche nach Sponsoren gelernt haben. Sondern weil sie am Ende ihrer Schulzeit nun auf ein bleibendes Werk blicken, das zugleich ihren Blick für das Kreuz als wichtiges Symbol geschärft hat. „Es ist etwas, das vielen Menschen wirklich viel bedeutet.“ Bernd Pollmann von der Lingener Friedhofskommission, ein wichtiger Partner bei dem Projekt, zollt dem Team seinen Respekt. „Dass sie sich in diesem Alter und dann noch mitten im Abitur so intensiv mit diesem Thema auseinandersetzen, ist schon toll.“
Viele Gedanken haben sich die Schülerinnen und Schüler auch über die Gestaltung gemacht, haben mit einem Architekten und einer ausführenden Firma überlegt, wie die Kreuze „mit dem größtmöglichen Respekt“ am besten präsentiert werden können – ohne sie zu verändern oder zu bemalen. Die ausgewählte Konstruktion gleicht jetzt einer Brücke – die Leben und Tod, Himmel und Erde, Familien und Menschen verbindet. Die jungen Leute sehen darin noch etwas anderes: einen gemeinsamen Weg – eine Brücke aus Ideen, Zusammenarbeit, Hilfe, Veränderung, zu Zielen und neuen Ufern. Für sie ist das die schönste Botschaft: „Dass aus vielen einzelnen Geschichten, Erinnerungen und Menschen etwas Neues entstehen kann, wenn Menschen gemeinsam etwas tragen, gestalten und weiterdenken.“
Die Installation steht auf dem neuen Friedhof in Lingen (Am Neuen Friedhof 24) auf einer Fläche rechts neben der Kapelle. Hinten auf den Kreuzen gibt es Klammern für Notizzettel. Wer mag, kann dort einen Gedanken oder eine Botschaft hinterlassen.