Gedenktag der Lübecker Märtyrer

Sie sind Vorbilder

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Eine Frau sitzt am Schreibtisch und schaut auf einen Bildschirm
Nachweis

Foto: Matthias Petersen

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Urszula Ornat (50) hat Politikwissenschaften und Geschichte studiert und arbeitet heute im Diözesanmuseum Osnabrück. Ihre Großmutter war Zwangsarbeiterin.

Sie stammt aus Polen und hat früher nie etwas von den vier „Lübecker Märtyrern“ gehört. Erst durch ein Praktikum im Archiv des Bistums Osnabrück wurde Urszula Ornat auf die Umstände aufmerksam. Und plötzlich kam ihre eigene Familiengeschichte neu in den Mittelpunkt. Stichwort: Zwangsarbeit.

Der Mensch gilt gemeinhin als Jäger und Sammler. Für Museumsmitarbeiter und Geschichtswissenschaftler wird das in besonderer Weise gelten. Wobei es ihnen nicht allein um das Sammeln an sich geht. Sie wollen genau wissen, was sie da in den Händen halten.

So ging es Urszula Ornat mit der Marienstatue, die Hermann Lange zugeschrieben wird, einem der Lübecker Märtyrer, deren Gedenktag die Kirche am 25. Juni begeht. Als das Osnabrücker Diözesanmuseum gebeten wurde, persönliche Erinnerungsstücke der drei Priester für eine Sonderausstellung in Lübeck zur Verfügung zu stellen, wollte es die Museumsmitarbeiterin genau wissen. Es reichte ihr nicht, dass alle immer sagten, sie habe dem 1943 von den Nationalsozialisten hingerichteten Kaplan gehört.

Zwei Buchstaben an der Unterseite brachten sie nach langer Suche im Internet zu einer Schnitzerwerkstatt in Oberammergau; der Chef der seit 250 Jahren bestehenden Firma konnte in seinen eigenen Unterlagen entdecken, wer sie geschnitzt und wer sie gekauft hatte. Dabei stieß Ornat auch noch auf eine Randnotiz: Die Tochter des Schnitzers arbeitete bis vor wenigen Jahren an der Hochschule in Osnabrück. So spannend – und so verbindend – kann Geschichte sein.

Der Vater war Kind von Zwangsarbeitern

Dass in Urszula Ornats Familie ein wesentliches Stück deutsch-polnischer Geschichte präsent ist, war ihr als Kind zwar klar, „aber wir haben uns nicht damit befasst“. Sie lebte mit ihren Eltern und zwei Schwestern in Polen nahe der Grenze zur Ukraine. Doch der Vater war in Leverkusen zur Welt gekommen. Warum? Weil seine Eltern, Ornats Großeltern, damals Zwangsarbeiter in Deutschland waren. In einem Lager in Leverkusen hatten sie sich kennengelernt. Nach dem Krieg war die Familie nach Polen zurückgekehrt. Der Vater war kein Aktivist gegen das kommunistische Regime, „aber er wollte uns Kindern beibringen, dass es nicht gut ist, wenn die Menschenrechte mit Füßen getreten werden“. Und weil er sich nicht parteipolitisch für die Kommunisten einsetzen wollte, wurde er eben nicht befördert.

Urszula Ornat war 14 Jahre alt, als die Mauer fiel. Nach der Schule begann sie in ihrer Heimatstadt ein Studium, konnte es aber bald nicht mehr finanzieren, weil es keine Möglichkeit gab, nebenbei zu arbeiten. Es existierten schlicht keine Jobs, und die Inflation hatte die Ersparnisse der Familie vernichtet. Also folgte sie im Jahr 2000 ihrer Schwester und zog nach Osnabrück, um hier Politikwissenschaften und Geschichte zu studieren. Den Plan, anschließend in die Heimat zurückzukehren, machte die Liebe zunichte: Ornat ist schon lange verheiratet.

2011 wurden die drei Priester seliggesprochen

2007 dann der erste Kontakt zu den Lübecker Märtyrern. Drei Priester des Bistums Osnabrück sowie ein evangelischer Pastor, die 1943 zum Tode verurteilt und hingerichtet wurden; 2011 wurden die drei Priester seliggesprochen. Während eines Praktikums im Bistumsarchiv hatte Ornat mit deren Akten zu tun. „Ich bin sehr angetan von der Wirkungskraft dieser Männer“, sagt sie. „Sie haben sich in einer Zeit, als das sehr gefährlich war, sehr heldenhaft gezeigt.“ Den Begriff „Märtyrer“ vermeide sie allerdings, „für mich sind das moderne Helden, die für ihren Glauben eingestanden, die ein Risiko eingegangen sind“.

Urszula Ornat empfindet es als „nach wie vor sehr einfach, wenn wir uns heute für Glauben, für Demokratie, für Menschenrechte einsetzen“. Die vier Männer hätten diese bequeme Situation nicht gehabt. „Sie wussten, dass sie sich einer Gefahr aussetzten. Und sie haben es trotzdem getan.“ So könnten sie Vorbilder in der heutigen Zeit sein, in der die rechten Parteien immer mehr an Popularität gewinnen. „Als Enkelin von Zwangsarbeitern ist das Thema für mich persönlich wichtig. Ich habe unmittelbar erlebt, wohin die Gesinnung der Rechten schon mal geführt hat.“

Bei der Stimmabgabe möchte sie nicht fehlen

Noch einmal nimmt sie die Begriffe Menschenwürde und Menschenrechte zur Hand, für die sie sich als Christin ebenso einsetzt wie als Kulturwissenschaftlerin. „Ich bin mir bewusst, dass wir unsere Werte, unsere Haltung insgesamt, gut vertreten und vermitteln müssen.“ Vermittlung auch dadurch, vom Wahlrecht Gebrauch zu machen: „Deshalb habe ich inzwischen die deutsche Staatsangehörigkeit, damit ich meine Stimme abgeben kann. Und beeinflussen kann, welche Politik in dem Land gemacht wird, in dem ich lebe.“

Urszula Ornat ist in ihrem Leben schon über viele Grenzen gegangen und hat dabei erlebt, dass es sich für sie lohnt, ein Risiko einzugehen – wie es auch die Lübecker Märtyrer gemacht haben. „Bisher sind alle Sachen, in die ich viel Engagement gesteckt habe, erfolgreicher verlaufen.“ Das habe sich auch bei dem Kontakt zu einer früheren polnischen Zwangsarbeiterin gezeigt, den sie auf Bitten von Bischof Franz-Josef Bode geknüpft hatte. Das Schicksal der Frau, die in Osnabrück im Marienhospital eingesetzt war, war bekannt geworden. Ornat besuchte sie und sprach mit ihr, stieß aber zunächst auf Ablehnung. Niemand hätte ihr übel genommen, hätte sie den Kontakt nicht weiter intensiviert. Zwar stellte sie sich die Frage, ob sie der Frau noch einmal nahekommen dürfte, die doch Schlimmes hatte durchmachen müssen. Doch sie entschied sich, die Grenze zu überwinden. So entwickelte sich eine fast freundschaftliche Beziehung. „Das war gut für die Frau – und auch für mich.“

Matthias Petersen