Wie Ordensfrauen im Internet Tausende begeistern
"Plötzlich berühmt"
Foto: imago-images/ Instagram-screenshot
"Guck mal, die tanzen"
„Die Leute sagen: Voll cool, dass wir das machen“
Sie tanzt. Im Habit. Und das wird millionenfach geklickt. Schwester Maria, 62 Jahre alt, ist so etwas wie eine Internetberühmtheit. Zumindest für all jene, die sich in den Sozialen Medien für das Ordensleben interessieren. Und das sind erstaunlich viele. Denn: Nonnen funktionieren im Netz. Vor allem auf Instagram und TikTok. Mehrere Millionen Aufrufe verzeichnen Videos, in denen sie gemeinsam mit zwei Mitschwestern tanzt. Die Ordensfrauen aus Österreich, genauer aus der Steiermark, gehören zu denen, die den Trend im deutschsprachigen Raum angestoßen haben.
Dass das Tanzen im Internet derart durch die Decke gehen würde, damit hat Schwester Maria nicht gerechnet. Seit vierzig Jahren lebt sie im Kloster, ist Religionslehrerin und Pastoralreferentin. Als das erste Video viral ging, erinnert sie sich, habe sie sich das kaum vorstellen können. Schließlich sei es „ja nur ein kurzer Clip, ein kurzer Tanz“ gewesen. „Aber ich bin dann sehr, sehr oft angesprochen worden“, sagt sie. Auf der Straße, in der Schule, beim Einkaufen. „Dass das voll cool ist, dass wir das machen“, hätten die Leute gesagt.
Warum sie sich auf Social Media zeigt? „Ich glaube, es ist so, dass oft ein verstaubtes oder altmodisches Bild von Schwestern in den Köpfen der Menschen ist.“ Umso schöner sei es dann für viele, „wenn Schwestern doch tanzen und sich normal geben“. Aber: In ihren Videos tanzt sie nicht nur. Sie klärt auch auf. Etwa darüber, dass sie ein Leben führt wie viele andere auch – nur eben in einem Kloster. Dass sie einem regulären Beruf nachgeht. Oder dass sie manchmal einfach auf dem Sofa sitzt, Serien auf Netflix schaut, Musik auf Spotify hört.
Schwester Maria will zeigen, dass „wir normal sind und dass Glaube und Leben durch uns spürbar werden. Dass unser Leben nicht etwas ist, was hinter Klostermauern stattfindet und verborgen ist. Sondern, dass wir mitten unter den Leuten sind.“ Für sie gehören Leben und Glauben untrennbar zusammen. „Gott ist immer bei mir, er geht alle Wege mit mir mit“, sagt Schwester Maria. Für sie ist klar: „Glauben kann man auch in den Sozialen Medien bezeugen.“
Sie tanzen zu Liedern von Mariah Carey oder aus dem Film „Sister Act“
Wie passt das zusammen: Internetbekanntheit und Klosterleben? Kloster – das klingt nach Rückzug, Bescheidenheit, Stille. Einen Widerspruch sieht Schwester Maria nicht. „Ja“, sagt sie, „die Kraft aus dem Glauben kommt aus der Stille.“ Die gebe es zwar, doch ihre Tage seien meist gar nicht still. Auch ohne Social Media. Schließlich unterrichtet sie Religion an der Klosterschule und arbeitet in der Seelsorge. Wenn es doch mal einen ruhigen Moment gibt, nimmt sie sich den gerne. Dann tanzt sie mit ihren Mitschwestern zu Liedern von Mariah Carey oder aus dem Film „Sister Act“ und lacht in die Kamera des Smartphones, das vor ihr in einem Stativ steckt. Sie drehe diese Videos gerne, sagt sie. Nicht, weil sie berühmt sein wolle: „Einfach, weil es mir Freude macht. Und das sieht man auch auf den Videos.“
Wie oft ihre Tanzvideos aufgerufen werden, beschäftigt sie kaum. Auch nicht, dass sie nun ein bisschen berühmt ist. Schwester Maria sagt: „Das hat keinen Einfluss auf meinen Alltag.“ Wenn ein Clip besonders viral geht, erfährt sie davon über Anja Asel. Die Pastoralreferentin arbeitet eng mit den Schwestern zusammen und hat den Account gegründet. „pov.jesus“ heißt er und ist ein Projekt der Katholischen Kirche Steiermark.
„Wir spüren hier Gott. Warum solltedas also was Schlechtes sein?“
Asel kümmert sich um Kommentare und Nachrichten: „Um die Schwestern zu schützen.“ Denn das Internet sei nicht immer wohlwollend. Unter einem Video kommentierte jemand: „Gut, dass die Nonnen geworden sind, denn tanzen können sie nicht.“ Doch beleidigende Kommentare seien selten, sagt Asel. Manchmal findet sich auch ernst gemeinte Kritik in den Kommentarspalten der Videos. Zum Beispiel, als die Schwestern sich beim Tanzen in einer Kirche filmten. „Da haben sich einige Menschen dran gestört“, sagt Schwester Maria. „Aber uns macht es Freude, wir spüren hier Gott. Warum sollte das also was Schlechtes sein?“
Nicht nur im Netz, auch innerhalb der Klostermauern habe es kritische Stimmen gegeben, erzählt sie. Nicht alle waren Fans der Idee, das private Leben ins Netz zu stellen und sich so zu zeigen. Doch andere Meinungen gehörten dazu. Schwester Maria sagt: „Es kann ja nicht jeder alles gleich gut oder schlecht finden. Das ist okay.“ Außerdem gebe es viel mehr Lob als Kritik.
#Lisa Discher
„Das Nonne-Sein wirkt für die jungen Menschen wie etwas völlig Neues“
„Wir waren völlig erstaunt über den Erfolg und haben überhaupt nicht mit dieser großen Menge von Klickzahlen gerechnet“, sagt Schwester Josefine von den Benediktinerinnen Osnabrück. „Vor allem nicht mit den vielen positiven Kommentaren.“ Innerhalb von drei Tagen hätten sich mehr als eine Million Menschen das erste Video angesehen.
Dieses Video ist vor etwa einem Jahr auf dem TikTok-Account des Bistums Osnabrück veröffentlicht worden. Es zeigt Schwester Maria, wie sie direkt in die Kamera schaut und sagt: „Ich bin Nonne, natürlich arbeite ich nur im Stillen“ – dann sieht man, wie sie mit Lärmschutzkopfhörern an einer Maschine steht, aus der Oblaten über ein Fließband ruckeln. Oder wie sie verschmitzt lächelnd sagt: „Ich bin Nonne, natürlich lese ich nur in der Bibel“ – während die Zuschauer an den Smartphones sehen: Was sie da liest, das ist keine Bibel. Das ist Harry Potter.
Die Menschen reagierten mit vielen Fragen in den Kommentarspalten: Wann müsst ihr Ordenskleidung tragen? Geht ihr damit auch ins Fitnessstudio? Ich habe noch nie eine Nonne am Strand gesehen, fahrt ihr auch in den Urlaub? Oder: Was passiert, wenn eine Nonne stirbt?
„Wenn das Interesse so groß ist, können wir das nicht im Sande verlaufen lassen“
Schwester Josefine sagte damals: „Okay, wenn das Interesse so groß ist und die Offenheit dafür da ist, dann können wir das nicht einfach im Sande verlaufen lassen.“ Also klärte sie vor der Kamera auf: Nicht immer müsse die Ordenskleidung, der Habit, getragen werden. Beim Sportmachen könne er hinderlich sein. Ja, auch Ordensschwestern hätten Freizeit, in Form von Exerzitien. Zu der Frage sagte sie: „Wenn eine Schwester verstirbt, dann sagen wir, sie geht heim. Wenn die Schwester ihren letzten Atemzug getan hat, wird eine Glocke geläutet.“ So werde den Mitschwestern im Kloster Bescheid gegeben; sie kämen dann, um gemeinsam für die Verstorbene zu beten. Anschließend werde sie gewaschen und neu eingekleidet, dann würden Arzt und Bestatter benachrichtigt.
Inzwischen erreichen die Videos der Osnabrücker Benediktinerinnen regelmäßig bis zu einer halben Million Menschen. Die meisten Zuschauer seien Frauen unter 25, sagt Schwester Josefine, selbst 38 Jahre alt. Die Faszination erklärt sie sich damit, dass es bei den jungen Menschen heute – anders als früher – keine Vorurteile gegenüber Nonnen mehr gebe, sondern Unwissen. Schwester Josefine sagt: „Dieses Nonne-Sein, das wirkt für die jungen Menschen wie etwas völlig Neues und so können sie uns wirklich offen begegnen.“
„Wir schaffen uns einen Raum, in demwir unseren Glauben leben können“
Außerdem beobachtet Schwester Josefine bei Menschen, die auf ihre Videos reagieren, eine Sehnsucht nach Geborgenheit und Sicherheit – und eine Abkehr von der Männerwelt. Sie erzählt von einem Video, das das Thema Klostereintritt behandelt: „Spaßeshalber habe ich am Anfang gefragt: Hast du genug von Männern?“ In den Kommentaren antworteten Frauen: „Ja, haben wir.“ Schwester Josefine vermutet, dass solche Frauen glauben, dass ein „Frauenkloster eine Art Safe Space ohne Männer“ sei. Ein Safe Space, also ein sicherer Raum, sei es tatsächlich, sagt sie. Aber nicht einer, der sich gegen Männer richtet: „Wir schaffen uns vielmehr einen Raum, in dem wir unseren Glauben leben können.“
Daran ändert sich auch durch die Social-Media-Präsenz der Osnabrücker Schwestern nichts. „Denn“, sagt Schwester Josefine, „ich bin in allererster Linie Ordensfrau und erst deutlich später jemand, der auf TikTok aktiv ist.“
Trotzdem: Die Resonanz hält bis heute an und beeinflusst den Alltag von Schwester Josefine. Nicht nur, weil sie im vergangenen Jahr von einem Fernsehteam des Norddeutschen Rundfunks begleitet wurde. Sondern auch, weil sie sich inzwischen selbst einen TikTok-Account erstellt hat. Sie schaut immer mal wieder, wie die Klickzahlen der Videos von ihr und ihren Mitschwestern gerade so aussehen. Sie beobachtet die aktuellen Trends auf der Plattform und verfolgt, was andere Orden dort veröffentlichen.
Auch außerhalb der Klostermauern wird Schwester Josefine als Internetberühmtheit erkannt. Das könne anstrengend sein, sagt sie, doch meistens sei es schön und führe zu interessanten Gesprächen.
#Lisa Discher
„Ich habe das Handy immer in der Tasche, falls was Lustiges passiert“
Es war ihr letzter Tag als Novizin, kurz darauf feierte Schwester Clarita ihre erste Profess. Zu diesem Anlass postete sie ein Video: kurze Schnipsel aus dem Alltag einer Novizin im Kloster Arenberg bei Koblenz. Der Titel: „Warum ich keinen Tag meines Noviziats bereue“.
Die Antworten huschten über den Bildschirm: Schwester Clarita in Rom, Schwester Clarita mit Schafen auf dem Gelände des Klosters, Schwester Clarita an Karneval. „Plötzlich ist mein eigener Kanal total durch die Decke gegangen“, sagt sie. Über eine Million Menschen schauten sich vor einem Jahr ihr Video an.
Danach seien ihr „Massen von Menschen“ gefolgt. 15 000 Menschen schauen sich inzwischen ihre Videos an. Unregelmäßig lädt Schwester Clarita (28) Inhalte auf die Plattform. „Nur wenn ich Lust habe“, sagt sie. Mal gibt es Einblicke in eine Konferenz, mal was zum Schmunzeln. In einem Video schlittert sie über einen zugefrorenen Teich. Darüber steht: „Einmal wie Jesus übers Wasser gehen.“
Die Beiträge: persönlich, aber auch informativ. Warum Schwester Clarita das macht? „Weil ich mir als junge Frau, bevor ich ins Kloster gegangen bin, solche Einblicke gewünscht hätte“, sagt sie. Die habe es zwar gegeben, sie seien aber nie so persönlich gewesen. Darum entschied sie sich, Videos aus dem Alltag des Ordenslebens zu veröffentlichen. Obwohl sie anfangs „nur schöne Momente aus dem Kloster teilen wollte“, wurde daraus bald mehr. Ein Abbau von Klischees. „Es freut mich, wenn Leute Interesse daran haben“, sagt Schwester Clarita. Vor allem, weil die Rückmeldungen „größtenteils positiv“ seien. Menschen bedankten sich dafür, dass sie ihr Leben mit ihnen teilt: „Oder, dass sie durch mich einen neuen Zugang zum Glauben gefunden hätten.“
„Manchmal nervt es,weil Instagram so viel Zeit kostet“
Mit der Aufmerksamkeit kommen auch Herausforderungen. Wenn negative Kommentare auftauchen. „Was für ein verschwendetes Leben“, schrieb mal einer. Das lässt sie nicht kalt. Aber sie kann damit umgehen. Manchmal sagt sie sich: „Ich muss mir das auch gar nicht geben“ – und liest die Kommentare nicht.
Hinzu komme jene Herausforderung, die alle haben, die die Sozialen Medien nutzen, sagt Schwester Clarita: „Manchmal nervt es, weil Instagram so viel Zeit kostet.“ Dann mache sie Social-Media-Auszeiten. Dennoch beeinflusst Social Media ihren Alltag im Kloster: „Ich habe das Handy immer in der Tasche, falls was Lustiges passiert. Dann kann ich es filmen.“ Sie mag diese direkte Form der Kommunikation. Schließlich gehört sie als Dominikanerin zu einem Predigerorden. Manchmal denkt sie, Frauen können in der Kirche nicht predigen, „aber die 15 000 Menschen, die mir zuhören, die finden sich nicht sonntags in der Kirchenbank.“
Es sei wertvoll, als Frau diese Möglichkeit zu haben, Menschen über Soziale Medien zu erreichen, sagt Schwester Clarita: „Es bedeutet mir sehr viel, als Ordensfrau auf diesem Weg das Evangelium verkünden zu können.“