Bedeutung und Infos zu Ritualen und Geschichte
Reliquien - faszinierend und ambivalent
Foto: imago/epd
Reliquienkammer im Limburger Bischofshaus
Vor 13 Jahren machten Reliquien Schlagzeilen im Bistum Limburg. Dem damaligen Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst wird beim Bau seines Bischofshauses Verschwendungssucht vorgeworfen. Dabei gerät auch eine Reliquienkammer unter seiner Privatkapelle in den Blick. Noch immer sind Bilder davon im Internet zu finden. Abgebildet ist ein Raum im schlichten, aber noblen Design mit modern ausgeleuchteten Wandnischen, in denen Kästchen aus Holz stehen.
Dominik Müller, der heutige Limburger Diözesankonservator und zuständig für Reliquien im Bistum, sieht die damaligen Vorwürfe speziell zur Reliquienkammer gelassen. „Es war zu der Zeit sowieso angedacht, im Bistum einen Ort für eine geordnete Aufbewahrung von Reliquien zu schaffen, so wie ihn andere Bistümer auch haben“, sagt er und betont: „Es ging nicht um eine Privatsammlung des Bischofs.“ Allerdings, ergänzt er, sei Bischof Tebartz-van Elst dem Thema sehr zugewandt gewesen. Die Reliquienkammer in der Unterkirche des Bischofshauses existiert immer noch und wird genutzt. Dort lagern sogenannte Altarreliquien. Wenn Kirchen profaniert werden, kommen die Reliquien aus den Altären wieder zurück zum Bischof, „dem sie gehören“, sagt der Bistumsmitarbeiter.
Während die Reliquien im Limburger Bischofshaus ohne Schmuck sind, gibt es auch diejenigen, die in kostbaren Schaugefäßen (Reliquiaren) aufbewahrt werden, beispielsweise im Limburger Diözesanmuseum. Dort befindet sich ein besonderer Schatz: die Limburger Staurothek. Eine Staurothek bezeichnet einen Behälter, in dem Teile vom Kreuz Christi aufbewahrt werden. Das mittelalterliche Reliquiar kann im Limburger Diözesanmuseum nicht nur bestaunt, sondern auch verehrt werden, erzählt Müller. „Die Filzkissen für die Sitzbank an den Wänden können auch zum Knien verwendet werden. Vor allem orthodoxe Christen kommen gezielt hierher, um die Kreuzreliquie zu besuchen.“ Manche, erzählt er, legten sich sogar davor lang auf den Boden, um sie zu verehren.
Auswüchse führten mit zur Reformation
Foto: Bischöfliches Dom- und Diözesanmuseum Mainz/ Marcel Schawe
Die Geschichte der Reliquienverehrung ist lang. Ihr Höhepunkt lag im Spätmittelalter. Auswüchse, darunter Handel, Diebstahl und Betrug, führten mit zur Reformation. Der Kirchenhistoriker Arnold Angenendt (1934–2021), zu seiner Zeit Professor an der Universität Münster, veröffentlichte dazu mit „Heilige und Reliquien“ eine umfassende Publikation. Nach Angenendt gehen die Ursprünge der Reliquienverehrung vor allem auf die Verehrung der Märtyrer im frühen Christentum zurück. Hintergrund ist der Glaube an die Auferstehung des Leibes, und zwar in seiner Ganzheit. „Für das jenseitige Weiterleben ist der Erhalt des Körpers, zumindest in seinen Gebeinteilen, die Voraussetzung“, schreibt der Kirchenhistoriker über das frühe Christentum. Zugrunde lag eine allgemeine Vorstellung von den Knochen als Sitz des Lebens. Ganzheit und Unversehrtheit des Körpers im Tod spielten eine besondere Rolle. In der Bibel, etwa im Neuen Testament, ist dieses Motiv zum Beispiel bei Jesu Tod zu finden: Die Soldaten zerbrachen kein Gebein Jesu (Johannes 19,33).
Um der Märtyrer zu gedenken, wurden über ihren Gräbern Kirchen gebaut. Auch Menschen, die im Ruf der Heiligkeit standen, galten als verehrungswürdig. Geschahen an ihren Gräbern Wunder, wurden die Toten aus dem Grab herausgehoben und näher an einem Altar bestattet. So entwickelte sich das Verfahren der Heiligsprechung: „Erhoben zur Ehre der Altäre“. Mit der Zeit kehrte sich der Brauch, über Gräbern Kirchen zu errichten, um: Ein schon bestehender Altar erhielt eine Reliquie. Die Gebeine von Heiligen wurden mobil. Das Grab kam zur Kirche – auch in Form von Gebeinpartikeln. So entstanden die Altarreliquien.
Wie Angenendt ausführlich darstellt, waren die Menschen auf Erden mit den Heiligen im Himmel durch die sterblichen Überreste verbunden. Mehr noch: In ihren Gebeinen sah man ihre besondere Kraft oder Tugend gegenwärtig. Nicht nur Knochen und Körperteile zählten zu den Reliquien, sondern auch Kleidungsstücke oder Gegenstände, die Heilige berührt hatten. Durch ihre innewohnende Kraft und ihre Funktion als Vermittlung zu Gott wurde der Besitz von Reliquien im Mittelalter jedoch zum Machtfaktor. An sich wertlose Gegenstände wie Stoffreste, Knochen, Holzsplitter wurden zu Objekten der Begierde. Könige, Bischöfe, Adlige legten sich Reliquiensammlungen zu. Eine der größten Sammlungen hatte der Mainzer Erzbischof Albrecht von Brandenburg – Gegenspieler von Martin Luther. Letzterer wandte sich scharf gegen die Reliquienverehrung.
Angemessene Aufbewahrung von Reliquien
Heutzutage beschäftigen Reliquien nicht nur Historiker oder Konservatoren. Knochen von Heiligen können auch im kirchlichen Alltag auftauchen. Im Bistum Mainz obliegt dem Domdekan, im Auftrag von Bischof Kohlgraf, die Sorge um die Aufbewahrung und Weitergabe der Reliquien. Beim Gespräch mit Domdekan Henning Priesel zeigt er ein Päckchen, in dem sich eine in Stoff eingenähte Reliquie befindet. „Solche Fundstücke kommen ab und zu aus Pfarreien hier an, gerade wenn aktuell Pfarrhäuser abgegeben und die Pfarrarchive zentralisiert werden“, sagt er. „Durch die Zusammenlegung von Pfarreien und die Profanierung von Kirchen werden wir verstärkt Reliquien aus den Altären zurückbekommen.“
Daher richte das Bistum im Mainzer Dom den Raum über der Gotthard-Kapelle her, um dort die Reliquien angemessen aufzubewahren, bis sie bei Bedarf wieder für einen Altar verwendet werden. Mehr als 200 Reliquien sollen in der Kapelle ihren Platz finden. Priesel empfindet den Mainzer Dom als geeigneten Ort. „Der Dom ist eigentlich eine Bestattungskirche. Dort befinden sich bereits 1000 Gräber.“ Auch wenn die Verehrung von Reliquien für ihn selbst keine große Rolle spielt, sieht er sie als Möglichkeit, darin Halt und Geborgenheit zu finden. „Wir stellen uns damit auf die Basis unseres Glaubens, auf die Glaubenszeugnisse unserer Vorfahren, Glaubenszeugnisse von Menschen, die so gelebt haben, wie es Gott entspricht.“ Priesel ergänzt: „Reliquien zeigen: Im Glauben bin ich nicht allein, da ist jemand, der seinen Weg des Glaubens gegangen ist. Das ist ein mutmachendes und hoffnungsvolles Zeichen.“
Beim Blick in die Geschichte spiegelt der Umgang mit den sterblichen Überresten von Menschen die jeweiligen Vorstellungen von Tod und Jenseits wider, auch das Menschenbild. In einem Beitrag vom Januar in „Christ in der Gegenwart“ schreibt Bischof Peter Kohlgraf über das neue Bestattungsgesetz in Rheinland-Pfalz. Darin äußert er sich auch zu Reliquien: „Gerade die Reliquienverehrung wahrt und betont ja die Einmaligkeit und Unverwechselbarkeit eines Menschen. Im Falle eines Heiligen glaube ich an seine Gegenwart über den Tod hinaus. Und ich glaube, dass er ein Beleg dafür ist, dass unsere Toten nicht vergessen sind, sondern dass ihre Namen in Gottes Hände eingeschrieben sind.“
Vom Trikot bis zur Haarlocke
Foto: privat
Was bedeuten Reliquien heute in Theologie und Liturgie?
Anders als im Mittelalter haben Reliquien heute keine zentrale Bedeutung mehr. Sie sind Gegenstand kirchen-, kunst- und frömmigkeitsgeschichtlicher sowie religionssoziologischer Forschung. In den liturgischen Büchern der Kirche kommen sie nur am Rand vor. Manche Diözesen haben eigene Traditionen in Verbindung mit Gedenktagen im Kirchenjahr oder der Bistumsgeschichte bewahrt und sie für heute interpretiert. Bedeutsam können Reliquien beziehungsweise Reliquiare für die Frömmigkeit der Menschen sein: als Andachtsort oder Ziel einer Wallfahrt.
Welche Haltung ist angemessen?
Die Reliquie kann für die Frömmigkeit ein Anknüpfungspunkt sein: Der oder die Heilige wird um Unterstützung im Gebet zu Gott angerufen. Die über die „Vermittlung“ erbetene Hilfe wird nicht den Heiligen selbst oder gar ihren Überresten zugeschrieben; allein Gott ist Adressat des Gebets. Reliquien sollten nicht kirchenpolitisch oder effektheischend verzweckt werden.
Wie sollte mit Reliquienumgegangen werden?
Reliquien, deren Echtheit gewährleistet ist, werden aufbewahrt. Wenn sie in Reliquaren, Schreinen oder Monstranzen gefasst sind, können sie in Kirchen oder in Diözesanmuseen aufbewahrt oder präsentiert werden. Manche Formen wirken auf Menschen heute jedoch befremdlich, etwa die Glassärge mit Skeletten aus dem Barock oder die Zurschaustellung des 2006 verstorbenen und 2025 heiliggesprochenen Carlo Acutis.
Wann beginnt der Aberglaube?
Er beginnt, wenn Reliquien aus sich heraus magische Kräfte oder Wirkungen zugeschrieben werden, wie etwa bei einem Talisman oder Wundermittel.
Wie setzt sich die katholische Liturgie mit dem menschlichen Bedürfnis auseinander, Gott, Jesus Christus sowie christlichen Vorbildern nahe sein zu wollen?
Das menschliche Bedürfnis, den Glauben auch „buchstäblich“ zu begreifen, wurde in der Kirchengeschichte immer wieder deutlich, von der Kirche aufgenommen oder von den Gläubigen selbst im Brauchtum „in die Hand genommen“. In der modernen (Pop-)Kultur kommen immer wieder Reliquien vor, wenngleich man sie nicht mehr so nennt: Autogramme, Trikots, ein Stück Rasen des Lieblingsvereins, eine Haarlocke, Schmuck aus der Asche Verstorbener – in Rheinland-Pfalz ja seit Kurzem möglich.
Auch im Religiösen möchten Menschen heute sinnenhaft angesprochen werden oder den Glauben ausdrücken; in der Liturgie, indem zeichenhaft gefeiert wird und alle Sinne angesprochen werden. Jesus Christus ist das Bild des unsichtbaren Gottes (Kolosserbrief 1,15). Kirchenräume bieten einen Raum dafür; ihre künstlerische Ausgestaltung deutet und veranschaulicht, was in der Heiligen Schrift überliefert ist und im Gottesdienst immer wieder vergegenwärtigt wird. Hier können auch die Lebenszeugnisse von heiligen Frauen und Männern ihren Ort haben. Ihre Reliquien verweisen wiederum auf diese. Es wird so deutlich, dass wir im Glauben mit den Menschen früherer Generationen verbunden sind.