Bistum verkauft Kommende Lage in Rieste

Schluss auf Lage

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Viele Menschen sitzen in einer Kirche
Nachweis

Foto: Anton Kensbock

Nach mehr als 25 Jahren Kloster ist Schluss auf Lage: Das Bistum verkauft die sanierungsbedürftige Kommende, die Franziskanerbrüder müssen ausziehen. Die Gemeinde trauert um den Verlust des jungen Konvents, insbesondere um Bruder Bernhardin.

Selbst der größte Raum im Pfarrhaus auf Lage ist zu klein für die Menschenmenge, die an diesem Dienstagabend gekommen ist. Eingeladen wurde vier Tage zuvor zu einer „offenen Informationsveranstaltung“, doch der Andrang ist riesig, so dass Pfarrer Jan Witte beschließt, in die Pfarrkirche umzuziehen.

„Wenn die aus Osnabrück kommen, ist was im Busch“, sagt eine Frau auf dem kurzen Weg zwischen Pfarrhaus und Johanneskirche. Sie wird recht behalten. In der Kirche angekommen, tuscheln die Teilnehmer untereinander, während Pfarrer Witte vor der ersten Bankenreihe nervös hin und her läuft und wartet, bis die Uhr sechs schlägt. Wenn er gerade nicht herumläuft, tapst er mit seinem Schuh rhythmisch auf den Steinboden. Für ihn gibt es sicher schönere Termine als diesen. 

Generalvikar Ulrich Beckwermert steht in einer Kirche und hält ein Mikrofon
Generalvikar Ulrich Beckwermert berichtet über die Situation auf Lage. Foto: Anton Kensbock

Dann eröffnet Generalvikar Ulrich Beckwermert die Veranstaltung: „Die erheblichen Aufwände können wir als Bistum nicht mehr tragen.“ Das heißt: Die Kommende ist so schimmelbefallen, dass das Bistum die Sanierung nicht finanzieren möchte. Auf ungefähr zehn Millionen Euro werden die Kosten geschätzt. Unmittelbar neben der Kommende fließt die Hase und sorgt für konstante Feuchtigkeit. Die Franziskaner haben sich schon aus einigen Gebäudeteilen zurückgezogen, um keiner Gesundheitsgefahr ausgesetzt zu sein. Nun soll die Kommende verkauft werden. Kein Raunen geht nach diesen Worten durch die Menge, doch dann zitiert Beckwermert die Franziskaner-Minoriten: „Wenn diese Immobilie veräußert wird, dann führt das dazu, dass wir diesen Ort verlassen.“ Jetzt raunt die Menge doch. Beckwermert beschwichtigt die sichtlich bewegten Menschen: Das Bistum möchte ein pastorales Team schicken, um die Wallfahrt und die Seelsorge weiter zu betreuen. Doch: Das Priesterseminar ist leer, es gibt keinen einzigen Priester als Kandidaten.

Auch Franziskanerbruder Maximilian M. Bauer war „sprachlos“, als er von Bischof Dominicus informiert wurde, dass das Bistum die Kommende nicht halten kann. Doch einfach ins Pfarrhaus umziehen möchten die Franziskaner nicht: „Wir sind keine Pfarrhausgemeinschaft. Ein Pfarrhaus genügt für ein konventuales Leben nicht“, sagt Bruder Maximilian. Schon der Einzug 2021 war stark mit der Immobilie verbunden.  Und wenn die Franziskaner keine Kommende bekommen können, bekommt die Kommende auch keine Franziskaner.

Vor allem der Verlust von Bruder Bernhardin Seither bewegt die Gemeinde. Alfred Haakmann, Gemeindemitglied, bedauert den Weggang sehr. „Rein menschlich ist er einmalig“, sagt Haakmann, und: „Ich garantiere, dass die Kirche statt voll nur noch halb voll ist, wenn der nicht mehr da ist“. Er fügt hinzu: „Das Gemeindeleben ist dann kaputt.“

Menschen sprechen mit Finanzleiterin Astrid Kreil-Sauer und Generalvikar.
Nach der Versammlung haben sich noch Gespräche im kleineren Rahmen ergeben. Hier: Finanzdirektorin Astrid Kreil-Sauer (ganz links) und Generalvikar Ulrich Beckwermert (Mitte). Foto: Anton Kensbock

Gemeindemitglied Sonja Revermann ist sich sicher, dass „die jungen Leute den Weg zur Kirche nicht wiederfinden werden“. Hätte es Bruder Bernhardin nicht gegeben, ihre Söhne wären nicht zur Kommunion gegangen, sagt sie. Sie wird die Ansprechpartner „in allen Lebenslagen“ vermissen und sagt, dass das „Gemeindeleben hier ganz schwierig wird, wenn die gehen“.

Der ehrenamtliche Bürgermeister Christian Scholüke und der erste Vorsitzende des Förderverein Kloster Lage e. V., Sebastian Hüdepohl, bieten beide ihre Unterstützung an, die Kommende „in gute Hände“ zu geben, so Hüdepohl. Auch die Finanzdirektorin des Bistums, Astrid Kreil-Sauer, betont, dass das Bistum die denkmalgeschützte Kommende nur an „verträgliche“ Investoren verkauft. Damit meint sie: keine kirchenfeindliche Nutzung. Ein Maklerbüro ist schon beauftragt und Kreil-Sauer meint, dass es einen Markt für solche Immobilien gebe. Die Ausschreibung soll noch in dieser Woche veröffentlicht werden. Generalvikar Beckwermert ist optimistisch gestimmt: „Investoren sind auch Menschen. Vielleicht gibt es da einen, der sagt: ‚Ich bin katholisch, das bedeutet mir etwas.‘“

Doch auch nach einstündiger Veranstaltung ist noch nicht alles gesagt: Viele Menschen unterhalten sich – auf dem Weg zum Parkplatz oder während sie ihre Fahrräder aufschließen. Sie sprechen über die Zukunft der Kommende – den Ort, der ihnen so nah am Herzen liegt.

Anton Kensbock

Schon 1245 war die Kommende Lage eine Niederlassung des Johanniter- und Malteserordens. 1384 griff der Osnabrücker Fürstbischof Dietrich von Horne die Johanniter an, weil sie sich weigerten, Steuern zu zahlen – von denen sie eigentlich befreit waren. 

Das Gebäude wurde unbewohnbar; die Johanniter vertrieben, bis der Bischof 1395 den Johannitern die Kommende zurückgab und den Schaden erstattete. 

Im Dreißigjährigen Krieg von 1618–1848 wurde das Kloster geplündert und erneut schwer beschädigt. 

1660 neu erbaut, wurde die Kommende 1811 endgültig aufgegeben und fiel in den Besitz der Klosterkammer Hannover, einer Behörde, die Kirchengebäude verwaltet.  

1964 an eine Privatperson veräußert, zog ein Hotel mit Restaurant in die historischen Mauern, bis das Bistum zur Jahrtausendwende die Kommende kaufte.

Dominikanerinnen zogen ein und zwei Jahrzehnte später wieder aus. 
Nun müssen auch die Franziskaner-Minoriten nach fünf Jahren aus ihrem neuen Konvent wieder ausziehen.