Ein Pfarrer erzählt, warum er Hunde und Katzen so liebt

Schwerpunkt: "Ein Tier ist wie ein Engel"

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Rainer Maria Schießlern mit Hündin Pia
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Foto: Birgit Zimmermann

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Innige Beziehung: Rainer Maria Schießler und Pia schauen sich in die Augen. 

Pfarrer Rainer Maria Schießler hat schon lange Hunde und Katzen und liebt sie sehr. Im Interview erzählt er, welche berührenden Momente er mit ihnen erlebt hat, was eine Schildkröte in seinem Gottesdienst macht – und was wir Menschen von Tieren fürs Leben lernen können.


Was genau meinen Sie, wenn Sie schreiben: „Tiere sind Engel auf vier Pfoten“?

Ich erkläre das mal am Beispiel von Pia – dem Hund, den ich jetzt seit sieben Jahren habe. 

Gern!

Zu Pia habe ich eine ganz intensive Beziehung. Vor ihr hatten wir Phil, einen French Bulldog. Er musste wegen eines inoperablen Tumors eingeschläfert werden. Phil war mein erster Hund und ich war erstaunt, was für eine Leere in mir entstanden ist, als er tot war. 

Wie haben Sie diese Leere gespürt?

Ich habe es nur drei Wochen ausgehalten, dann bin ich auf die Suche nach einem neuen Hund gegangen. Beim Surfen im Internet bin ich auf eine Gruppe gestoßen, die Hunde rettet. Dort hat man mir Pia angeboten, ein Bild von ihr geschickt und die Geschichte dazu.

Hund Phil
Phil war Rainer Maria Schießlers erster Hund. Foto: privat

Was war das für eine Geschichte?

Pia hat vier Jahre lang in einem Käfig in der Slowakei gelebt, in furchtbaren Zuständen. Sie musste nur werfen und ihre Welpen sind dann illegal aus dem Kofferraum heraus verkauft worden. Irgendwann wurde sie von Tierschützern befreit und kam zu einer Pflegestelle in Pforzheim. Also bin ich da hingefahren – und der erste Augenkontakt mit ihr war gleich ein besonderer Moment. 

Inwiefern?

Wer so einem Tier in die Augen schaut, blickt ganz tief in seine Seele, mitten in die Schöpfung rein. Pia sah nicht aus wie der Hund auf dem Bild. Sie war abgemagert, rattig, schlecht ernährt. Meine Begleitung hat gesagt: „Mei, die ist aber nicht schön.“ Und ich: „Das ist mir wurscht. Ich fahre nicht ohne den Hund heim.“ Dann haben wir sie mitgenommen. Sie hat ein Jahr lang gebraucht, bis sie zum ersten Mal leise gebellt hat. 

Oha. Warum?

Das wusste ich auch nicht. Ich hatte große Angst, man könnte ihr in der Qualzucht die Stimmbänder durchgeschnitten haben, damit sie nicht so viel bellt. Und ich war schon kurz davor, sie untersuchen zu lassen. Da hat sie auf einmal gebellt. Aus purer Freude. Weil sie zum ersten Mal Schnee erlebt hat. Mir sind die Tränen gekommen. Dieses Bellen war, als wollte sie sagen: „Ich bin jetzt da. Macht euch keine Sorgen. Ich werde euch nicht verlassen.“

Sie lieben Pia sehr, oder?

Ja. So ein Tier ist für mich wie ein Engel. Darum der Titel meines Buches. 

In diesem Buch erzählen Sie, schon als kleiner Junge wäre es für Sie die größte Erfüllung gewesen, einen Hund zu haben, aber Ihre Eltern hätten nicht gewollt. Woran lag das?

Es wäre einfach nicht gegangen. Wir waren vier Leute in einer Dreizimmerwohnung mit 56 Quadratmetern, dritter Stock ohne Lift, in der Stadt – und das in den 60er-, 70er-Jahren. Damals haben nur Begüterte mit mehr Platz ein Haustier gehabt. In unserer Siedlung in München hatte niemand einen Hund. 

Statt eines Hundes haben Ihre Eltern Ihnen, als Sie zehn Jahre alt waren, zumindest ein Buch über Hunde geschenkt.

Es war von Joseph Maria Lutz und hieß „Die mein Leben begleiteten“. Dieses Buch war für mich das Allerhöchste. Ich habe es drei-, vier-, fünfhundert Mal gelesen, in einem durch. Es hat mich hineinversetzt in eine Welt, in der ich selbst einen Hund habe. Es hat mich so bestätigt darin, dass ich in meiner Liebe zu Hunden nicht vom anderen Stern bin. Heute denke ich: Meine Eltern haben mir dieses Buch nicht als Ersatz für einen Hund geschenkt, sondern als Bestärkung in meiner Sehnsucht.

"Viecherlmesse"
Gelebte Nähe: Tiere sind in den Gottesdiensten von Rainer Maria Schießler immer willkommen. Foto: imago/Michael Westermann

Sie schreiben, dass Sie in jedem Sommer drei Wochen bei Verwandten im Bayerischen Wald Urlaub gemacht und da ganz viel mit Tieren erlebt haben. Erzählen Sie mal!

Wir sind mit unserem VW Käfer von München in den Bayerischen Wald gefahren – und ich bin da in eine neue Welt eingetaucht. In eine Welt, die mir als Stadtkind völlig unbekannt war: Landwirtschaft, Tiere, Stallgeruch. Natur zum Anfassen. Ich habe diese Welt geliebt. Man hätte mir die Fidschi-Inseln bieten können, und ich hätte trotzdem den Bayerischen Wald gewählt. Diese Wochen auf dem Land, die haben mich den Tieren so richtig nähergebracht. 

Inwiefern?

Ich habe erlebt, wie mein Onkel jedes Tier im Stall mit Namen angesprochen hat: „Milli, mach einen Schritt auf die Seite!“ Dann ging dieses Tier einen Schritt auf die Seite. Und ich stand da und dachte mir: „Wow, was für ein Vertrauensverhältnis!“ 

Sie haben dann in der Bücherei ein Buch über Hunderassen entdeckt, das Sie sehr fasziniert hat.

Ja, denn ich habe es natürlich als erzieherischen Gewaltakt empfunden, dass ich keinen Hund kriege. Da habe ich gedacht: Jetzt räche ich mich. Und ich habe mir in der Pfarrbücherei dieses Buch ausgeliehen und alle Hunderassen auswendig gelernt. Es hat mir gefallen, damit anzugeben: „Schaut’s her, ich erkenne sogar einen koreanischen Mischling!“ Damit habe ich meine Eltern gepiesackt.

Wie haben sie reagiert?

Irgendwann haben sie gesagt: „Jetzt ist mal gut.“ Aber eigentlich waren sie froh, dass ich freiwillig ein Buch in die Hand genommen habe. Wenn die heute wüssten, dass ich selbst viele Bücher geschrieben habe, würden sie sich an den Kopf fassen.

Bei einem Besuch bei Freunden in Pfaffenhofen haben Sie dann den Pudel Topsi kennengelernt.

Ja, und da hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, ich hätte einen eigenen Hund. Beim ersten Besuch ist er sofort zu mir gelaufen – und gar nicht mehr weggegangen. Was das für eine Einigkeit und Innigkeit war! Als würden wir uns auf magische Art verstehen. 

Und dann plötzlich dieser furchtbare Moment …

… als meine Mama am Herd stand und weinte. Ich fragte: „Was ist denn los?“ Sie sagte: „Der Topsi ist tot.“ Und erzählte, dass unsere Freunde angerufen hatten. Sie hatten Kirschen gepflückt, und Topsi sprang aufgeregt unter dem Baum herum. Bei einem Sprung überschlug er sich in der Luft, fiel auf eine Steinmauer und brach sich das Genick. Da ist für mich eine Welt zusammengebrochen. 

Hund Topsi
Hund Topsi. Foto: privat

Das kann ich mir vorstellen.

Topsi hat mich zum ersten Mal mit dem Tod in Berührung gebracht. Das war schlimm für mich. 

Wie haben Sie die Trauer verarbeitet?

Meine Mama hat versucht, mich zu trösten, aber es gab keinen Trost. Nur Verzweiflung. Ich bin lange Zeit nicht mehr mitgefahren nach Pfaffenhofen, weil ich Angst davor hatte, das Haus und den Garten ohne diesen Hund zu sehen. Topsis Tod war meine erste wirklich schwere Prüfung im Leben – aber zugleich auch eine Vorbereitung auf das, was noch kam. Wenige Jahre danach, als ich 19 war, ist meine Mama gestorben. Das Abschiednehmen und der Schmerz waren mir nicht mehr fremd. Ich danke Gott dafür, dass ich das über dieses Tier lernen durfte.

Topsi ist bis heute in Ihrem Herzen, oder?

Ja, und ich habe immer noch ein Bild von ihm über meinem Bett hängen. Sogar jetzt, als ich für mein Buch das Kapitel über ihn geschrieben habe, habe ich noch geweint. Mir ist alles wieder hochgekommen, was damals passiert ist. Das Kapitel über ihn ist mit Sicherheit das emotionalste Kapitel im Buch – weil es von einer Kinderseele erzählt ist. Ich möchte den Menschen damit Mut machen. Ich möchte ihnen sagen: Ihr müsst euch nicht schämen, wenn ihr trauert, weil euer Tier stirbt.

Erzählen Sie Menschen, deren Tier gestorben ist, die Geschichte von Topsi? 

Immer! Ich habe durch meine Hunde wahnsinnig viel für meine Seelsorge gelernt. Vor allem, wie wichtig es ist, Menschen nach dem Verlust ihres Tieres zu begleiten und ihre Trauer ernst zu nehmen. Wenn ein Tier geht, ist das ein Schmerz, der fast nicht zu beschreiben ist. 

Wann haben Sie das in der Seelsorge mal erlebt?

Vor Jahren hatte ich abends eine Kirchenverwaltungssitzung. Als ich in den Besprechungsraum kam, stand die Frau Schimpfhauser am Fenster – eine Kindergartenleiterin, eine gewiefte Frau. Ich sagte: „Grüß Gott!“ Und hörte nur ein Schniefen. Ich fragte: „Frau Schimpfhauser, was ist los?“ Sie sagte: „Meine Katze ist gestorben. Aber sagen Sie es niemandem.“ Da habe ich gesagt: „Sie dürfen doch um Ihre Katze trauern! Und Sie gehen jetzt heim, weil Sie heute bei der Sitzung nichts verloren haben. Sie haben Ihre Gedanken ganz woanders.“ 

Sollte die Kirche sich mehr um Tiere kümmern?

Mir ist es ganz wichtig, dass wir uns als Kirche um die Schöpfung kümmern – also auch um die Tiere und um die Menschen, die mit diesen Tieren leben. Papst Franziskus hat die wunderbare Enzyklika Laudato si geschrieben. Aber in der Praxis müsste sich noch viel mehr tun. Die Kirche sollte sich zum Beispiel mit dem Thema Fleischkonsum mehr auseinandersetzen. 

Wie?

Ein engagierter Tierarzt hat mir bei der Viecherlmesse in unserer Gemeinde mal gesagt: „Wir segnen hier jetzt die Haustiere, dann gehen wir rüber ins Wirtshaus und essen ein Nutztier. Aus dieser Spannung kommen wir nicht raus. Die ist einfach da.“ 

Ist das nicht tatsächlich ein Widerspruch: dass wir einerseits Haustiere verwöhnen und vermenschlichen und andererseits Nutztiere essen? 

Klar ist das ein Widerspruch. Aber das Leben ist voller Widersprüche, es ist nie nur gut und böse, richtig und falsch. Mir ist wichtig, dass Menschen Respekt vor dem Nutztier haben, das für sie gestorben ist. Darum ein großes Lob an alle, die heute in der Landwirtschaft ein Tier nicht einfach nur als Ware sehen, sondern diesen Respekt zeigen – durch kürzeste Wege zum Schlachten, ohne Stress und ohne Panik. Wenn wir diesen Weg gehen, kann ich mit diesem Widerspruch leben.

Auch als Christ?

Ja. Christen sollten selbstverständlich sagen: „Für uns gibt’s kein Billigfleisch. Wir sind bereit, Fleisch als etwas Kostbares zu sehen, dafür den Preis zu zahlen und vielleicht nur einmal die Woche Fleisch zu essen – so wie früher.“ Die Kirche und alle Christen sollten sich dafür einsetzen, dass nicht nur die Bauern gut leben können, sondern auch ihre Tiere. Es kann doch nicht angehen, dass ein Pfund Schweinefleisch billiger ist als eine Flasche Wasser im Lokal. Ich finde wirklich: Die Schöpfung ist ein Geschenk, das Gott uns gegeben hat. Und bei der Bewahrung dieser Schöpfung müssen wir Vorreiter sein. Dafür genügt es nicht, dass wir in der Osternacht den Schöpfungsbericht vorlesen.

Was wäre noch nötig?

Ein Sieben-Punkte-Programm – ein Punkt für jeden Tag, an dem Gott die Schöpfung gemacht hat. Jeder Punkt müsste zeigen, wie wir Christen Tag für Tag eingreifen, wenn die Schöpfung mit Füßen getreten wird. Wenn irgendwo ein Wald abgeholzt werden soll, hat die Kirche vor Ort zu sein. Und wenn wir von quälenden Tiertransporten hören, müssen wir die Stimme erheben. 

Katze Lizzy
Die Katze Lizzy. Foto: privat

Ihnen scheinen Tiere wirklich sehr am Herzen zu liegen. In Ihrem Buch erzählen Sie auch von Ihrer Katze Lizzy, die mehrmals operiert werden musste. Wie viel Geld würden Sie für ein krankes Tier ausgeben? 

Ich habe vor einem Jahr für Pia eine OP-Versicherung abgeschlossen. Diese Versicherung ist mir wichtig, denn ich möchte nie, dass die Frage „Kann ich mir die OP leisten oder nicht?“ darüber entscheidet, ob das Tier weiterleben kann oder nicht. Einschläfern ist der schlimmste Weg. Du hast danach das Gefühl, du bist ein Mörder. Bei einem Tier wie der Lizzy hätte ich mir das schon gar nicht vorstellen können.

Wie meinen Sie das?

Die Lizzy war unglaublich. Wir hatten sie aus dem Tierheim – und sie ist die Seele meiner Wohnung geworden. Wenn ich reingekommen bin, hat sie mich an der Tür abgeholt. Morgens ist sie zu mir ins Bett gehüpft und hat mich aufgeweckt. Und sie war eine Meisterin darin, Stimmungen wahrzunehmen.

Wann zum Beispiel?

Beim Oktoberfest. Ich habe da ja 2006 als Bedienung angefangen. 16 Tage lang war ich 12 Stunden am Tag einer Dauerbeschallung ausgesetzt: Musik, Gerede, Geschrei, Lärm. Wenn ich um elf Uhr abends nach Hause gekommen bin, haben mir die Ohren gedröhnt. Und Lizzy hat mich gerettet. Als ich mich hingelegt habe, hat sie sich ganz nah an meine Ohren gelegt und geschnurrt, was das Zeug hält – wie, wenn ich ihr erklärt hätte, was los ist. Durch dieses Schnurren gingen all die Geräusche, die in meinem Hirn drin waren, wieder raus. Ich bin sofort eingeschlafen – und hatte am nächsten Tag die Kraft, um sieben Uhr wieder im Bierzelt auf der Matte zu stehen.

Sie feiern seit 2010 einmal im Jahr in Ihrer Gemeinde eine Viecherlmesse, in der Menschen ihre Haustiere segnen lassen können. Warum? 

Bei uns ist es, anders als in den meisten Kirchen, schon immer erlaubt, Hunde zum Gottesdienst mitzubringen. 

Gibt es keine Menschen, die das stört?

Nein, gar nicht. Im Gegenteil: Gerade die Seniorinnen haben ihre helle Freude daran, dass sie den Tieren Leckerli geben dürfen. Und wie sollte man auch auf die Idee kommen, dass ein Hund das Heilige stört? Ich kann mir nicht vorstellen, dass bei den Tischgesellschaften, die Jesus mit den Menschen hatte, Tiere ausgeschlossen waren. Schon bei seiner Geburt standen Ochs und Esel dabei. 

Da ist was dran.

Außerdem sind wir eben eine Großstadtpfarrei, in der niemand ein eigenes Haus mit Garten hat. Da können die Leute nicht einfach ihren Hund während der Messe allein zu Hause lassen. Der hat vielleicht Angst, fängt an zu bellen – und schon gibt’s Ärger mit dem Vermieter. Also dürfen die Hunde mitkommen. Irgendwann kam aus der Gemeinde dann die Anfrage, ob wir mal einen Gottesdienst für Kinder zusammen mit ihrem Haustier machen könnten. Da war die Viecherlmesse geboren. 

Wie läuft sie ab?

Die meisten Tiere, die kommen, sind Hunde. Auf die stellen wir uns ein. Heißt: keine laute Orgelmusik, sondern leise Querflöten- oder Panflötenmusik. Und keine übertriebenen Bewegungen. Weil die Tiere ganz anders empfinden als wir Menschen. 

Welche Momente in den Viecherlmessen finden Sie besonders schön?

Berührend ist es vor allem, wenn wir für unsere verstorbenen Haustiere beten und alle Menschen und Tiere einen Moment in der Stille verharren. Oder wenn ich die Urnen von Tieren segne, die im vergangenen Jahr verstorben sind. Einmal kam ein ganz lieber Mann in die Messe, der ist Maler. Und er kam mit einem Gemälde. Darauf war sein Hund zu sehen, den er in dem Jahr hatte einschläfern lassen müssen. Er hat es selbst gemalt und er hat dieses Gemälde segnen lassen. Das fand ich toll.

Pfarrer Schießler mit Schildkröte
Zu den Viecherlmessen in seiner Gemeinde begrüßt Rainer Maria Schießler immer viele Tiere, darunter die Schildkröte Susi. Foto: imago/Michael Westermann

Ich fand in Ihrem Buch besonders süß, dass auch immer eine Schildkröte bei der Viecherlmesse dabei ist.

Ja, die Susi! Ihr Besitzer und seine Frau kommen immer extra aus Baden-Württemberg mit ihr zum Gottesdienst, jedes Jahr. Und wenn sie es mal nicht zur Viecherlmesse schaffen, kommen sie an einem anderen Sonntag. Sie sagen: „Wir brauchen ja den Jahressegen für unsere Susi.“ Bei der Begrüßung sage ich immer: „Mein Gott, Susi, jetzt wirst du aber alt!“ 

Wie alt ist sie denn?

So alt wie ich. Früher habe ich immer gedacht: Was willst du mit einer Schildkröte? Gibt keinen Ton von sich. Frisst nur Löwenzahnblätter. Ist etwa so spannend wie ein Dreizehen-Faultier, das sich die Krallen schneidet. Seit ich Susi kenne, denke ich das nicht mehr. Ich weiß jetzt so viel. Dass man Schildkröten zum Winterschlaf in den Kühlschrank legt zum Beispiel. Dass die Susi ein ganz normales Haustier ist, das zu Hause überall herumläuft. Und dass ihr Besitzer eine sehr persönliche Bindung zu diesem Tier hat. Kein Wunder: Er hat sie zu seiner Geburt gekriegt. Seitdem begleitet ihn dieses Tier.

Was haben Sie von Tieren fürs Leben gelernt?

Liebe und Zuneigung auf höchstem Level. Wenn ich nur fünf Minuten im Keller war, begrüßt Pia mich, als wenn ich fünf Jahre weg gewesen wäre. Da ist keine Fassade, da ist alles echt. 

Was haben Sie noch gelernt?

Unglaubliches Vertrauen. Mein Tier wird nie sagen: „Ich weiß nicht, ob ich mich auf dich verlassen kann.“ Als wir mit Pia das Zertifikat als Therapiehund für Demenzkranke gemacht haben, hat die Trainerin zu uns gesagt: „Dieser Hund würde mit Ihnen auch durch die Hölle gehen.“ Wenn ich Menschen klarmachen will, dass es sich lohnt, auf die Güte und die Liebe Gottes zu vertrauen, dann erzähle ich gerne von meinem Hund.

Können Sie sich ein Leben ohne Haustier überhaupt noch vorstellen?

Ja, aber nur, wenn ich nicht mehr die Verantwortung für das Tier übernehmen kann. Pia zum Beispiel muss um zehn, elf Uhr abends noch mal raus. Das heißt: aus dem fünften Stock runter und in den Garten oder auf die Straße. Und wenn sie noch älter ist und nicht mehr laufen kann, werde ich sie vielleicht tragen müssen. Wenn ich das körperlich nicht mehr schaffe, dann könnte es sein, dass ich sage: „Nein, es geht nicht.“ 

Das wäre traurig, oder?

Ja, auf jeden Fall. Solange es geht, werde ich ein Tier haben. Das steht fest.

Interview: Andreas Lesch

Buch SchießlerZur Person

Pfarrer Rainer Maria Schießler (65) stammt aus dem Münchner Stadtteil Laim und ist seit über 30 Jahren Pfarrer in St. Maximilian im Glockenbachviertel. In seinen zahlreichen Büchern versucht er, Menschen durch persönliche und lebensnahe Gedanken aus dem Glauben heraus Kraft zu schenken. Zuletzt erschienen von ihm „Liebe – notwendiger denn je!“, „Hoffnung – gerade jetzt!“ und „Engel auf vier Pfoten“.

Foto: bene!