Ausstellung in der Gedenkstätte Esterwegen
Unbeschreibliches als Comic
Foto: Gedenkstätte Esterwegen, Anne Vähning
Jennifer Daniels Bilder erzählen von Lex van Weren, der im KZ Westerbork inhaftiert war und dort zur „Erbauung“ der Wachmannschaften Trompete spielen musste.
Erik de Graaf aus den Niederlanden gehört zu der Künstlergruppe, die „Das Unbeschreibliche zeichnen“ – wie die Ausstellung „Picturing the Unimaginable“ übersetzt heißt. Er erzählt in seinem Graphic Novel von dem Jungen Alphons 1942 im Lager Westerbork. Fast wie aus einem Kinderbuch wirken die Bilder und machen daher noch mal mehr betroffen. Denn Alphons geht es natürlich nicht gut im KZ. Er ist dort gefangen und weiß nicht, wo seine Eltern sind. Er kommt zwar frei und überlebt – aber Mutter und Vater sieht er nie wieder. Beide werden von den Nazis ermordet: in Auschwitz, in Mauthausen.
Wie auch bei den anderen Zeichnungen beruhen die Werke auf wahren Ereignissen und Biografien jener Zeit. Von Menschen, die den Nazi-Terror durchlitten haben und als Überlebende erst viel später davon erzählen konnten. Von bösartigen Mordkonzepten und Tätern. Entstanden ist die Wanderausstellung in einer internationalen Kooperation zwischen der Gedenkstätte Westerbork in den Niederlanden, der Kaserne Dossin in Belgien und der Gedenkstätte Neuengamme in Hamburg. Auf deren Bitten haben die zehn zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstler versucht, „ganz eigene visuelle Formen zu finden, um sich dem Unbeschreiblichen anzunähern“, wie der Kurator Bas Kortholt aus Westerbork sagt.
Direkte regionale Bezüge
Dass die Ausstellung nun in Esterwegen zu sehen ist, hat laut Gedenkstättenleiter Martin Koers mehrere Gründe. Schon länger will die Einrichtung Kunst und Zeitgeschichte miteinander verbinden, weil das die Besucherinnen und Besucher auf einer emotionalen Ebene ansprechen kann. „Das bringt eine andere Seite zum Schwingen“, sagt Koers. Zudem gibt es nach seinen Worten direkte regionale Bezüge: Das KZ Neuengamme hatte Außenlager im Emsland, in Versen und Dalum. Und in solche Außenlager von Neuengamme wurden viele Männer aus dem niederländischen Dorf Putten deportiert, das die Nazis als Vergeltungsaktion 1944 niedergebrannt haben. Auch von diesem Verbrechen erzählt einer der Comics in der Ausstellung.
Mal sind es realistisch anmutende Bilder, mal sehr expressive und fast abstrakte Zeichnungen, sowohl in Farbe als auch in Schwarz-Weiß. Es geht den Kunstschaffenden nicht um eine dokumentarische Darstellung der Geschichte. Weil Fotos, Filme, Dokumente, Berichte eben auch so unbeschreiblich grausam sind – so „unimaginable“, dass sie kaum vorstellbar bleiben. „Die Künstlergruppe hat es durch diesen anderen Zugang geschafft, das herunterzubrechen auf eine Form, die man verarbeiten kann“, findet Martin Koers. So machen die Werke einerseits verschiedene Aspekte der Verfolgung deutlich und rühren andererseits richtig an.
Wie bei „Befreit, aber nicht frei“, das die in Amsterdam aufgewachsene Comic-Zeichnerin Sterric geschaffen hat. Sie erzählt in erst sprachlos, dann wütend machenden Bildern von Karl Gorath. Wegen seiner Homosexualität wird er 1943 in die KZ nach Neuengamme und Auschwitz deportiert und mit dem „rosa Winkel“ gebrandmarkt. Er überlebt die Anfeindungen, den Hunger, das Grauen und Morden im Lager – wird aber nach 1946 erneut verhaftet und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Von demselben Richter wie in der Nazi-Zeit. Weil seine Identität und sexuelle Orientierung auch im Nachkriegsdeutschland noch als „strafbar“ gelten. Nach seiner Haft hat er laut den Ausstellungsmachern bis zu seinem Tod vergeblich versucht, als Opfer des Nationalsozialismus anerkannt zu werden. Wer soll das verstehen?
Wer die Ausstellung in Esterwegen besucht, steht aber nicht nur vor solchen Zeichnungen. Die Comics werden auf Rollwagen ergänzt durch eine multimediale Präsentation mit zehn Stationen. Da sind historische Fotos, Erinnerungsstücke und Dokumente zu sehen. Zeit nehmen sollte man sich für die Audio-Beiträge. Denn da erzählen Zeitzeugen und Experten in Interviews aus der Geschichte. Zudem geben die Künstlerinnen und Künstler Einblicke in den Entstehungsprozess ihrer Werke.
Bilder einer Begegnung
Jennifer Daniel aus Düsseldorf hat für ihre Illustration „Hofnarr“ düstere, zuweilen wie Scherenschnitte anmutende Bilder gewählt. „Hofnarr“ – das ist eine niederländische Zigarettenmarke, die der Holocaust-Überlebende Lex van Weren geraucht hat. Daniels Comic erzählt von der tatsächlichen Begegnung in den 1970er Jahren zwischen ihm und Albert Konrad Gemmeker – dem ehemaligen Kommandanten des Lagers Westerborks, in dem van Weren inhaftiert war. Nach dem Krieg kommt Gemmeker mit einer milden Strafe davon und arbeitet später in einem Tabakladen in Düsseldorf. Dort hält ihm van Weren als vermeintlicher Kunde seine Taten vor Augen. Die widerwillige Reaktion Gemmekers spricht Bände: „Es ist Vergangenheit und ich spüre auch kein Bedürfnis, mich damit zu beschäftigen.“ Aber genau das, sich zu erinnern und handelnd zu gedenken, ist heute wichtiger denn je.