Das Bildunghaus Ohrbeck wird 100 Jahre alt
Viel Energie für die Zukunft
Foto: Astrid Fleute
Hausleiterin Franziska Birke-Bugiel hat dafür gesorgt, dass Haus Ohrbeck eine Zukunft hat.
Wo sie das Gespräch beginnen soll, ist für Franziska Birke-Bugiel keine Frage: „Tatsächlich vor 100 Jahren“, betont die Leiterin von Haus Ohrbeck im Interview. Sie sagt dies nicht aus chronologischen Gründen, sondern aus inhaltlicher Überzeugung: Denn die Gastfreundschaft, die die Holzhauser Bürger damals den ersten Franziskanerbrüdern entgegenbrachten, ist heute noch ein ganz wichtiger Grundpfeiler in der Arbeit der Heimvolkshochschule, die in diesem Jahr ihr 100-jähriges Bestehen feiert.
Bildung für die ländliche Bevölkerung. Das ist damals der klare Auftrag des deutschen Franziskanerordens, der 1918 eine Handvoll Brüder ins südliche Osnabrücker Land entsendet. Noch bevor Kirche und Konvent stehen, wird 1926 auf einem Grundstück, das ein Bauer dem Orden schenkt, das erste Exerzitienhaus der Franziskaner eingeweiht – der Grundstein für das, was heute Haus Ohrbeck ist. Aus Dankbarkeit bauen die Holzhauser in nur sechs Monaten die Kapelle „Maria Waldrast“ auf dem Grundstück hinzu. Bis heute ist das Gotteshäuschen fester Bezugspunkt im Leben vieler Menschen.
„Ja, so ging es los“, erzählt Franziska Birke-Bugiel mit einem Lächeln. Sie ist dankbar für diese Wurzeln und beginnt ihre Hausführungen oft in der kleinen gelben Kapelle, in der immer Kerzen brennen und die für das gute Verhältnis zwischen der Einrichtung und der Gemeinde Holzhausen steht. Mittlerweile liefert die Küche des Bildungshauses das Essen für die Kindertagesstätten; die Kolping-Senioren kommen monatlich zum Mittagessen ins Haus, und einmal im Jahr laden die Franziskaner die Nachbarn zum Grillen ein. Viele Menschen kommen zum Spaziergang auf das Gelände, die Kita-Kinder spielen im Wald hinter den Gebäuden, die kleine Kapelle wird rege genutzt. Die Verwurzelung in Holzhausen ist den Verantwortlichen des Bildungshauses immer wichtig geblieben.
Als franziskanisch geprägte Bildungsstätte ist Haus Ohrbeck ein spiritueller Ort, aber auch ganz nüchtern ein Wirtschaftsunternehmen, das sich im Bildungssektor behaupten muss. Vom Exerzitienhaus entwickelt es sich im Laufe der Jahrzehnte zur Heimvolkshochschule des Landes Niedersachsen. Zu den Angeboten, die sich zunächst nur an die lokale Bevölkerung richteten, kommen seitdem Menschen aus Niedersachsen und aller Welt. In den Bereichen Beratung und Begleitung, Theologische Bildung, Berufs- und Handlungskompetenz sowie Lebenskunst bietet Haus Ohrbeck jährlich mittlerweile etwa 650 Seminare an.
Uns ist damals Gutes getan worden und wir wollen jetzt Gutes tun.
„Persönlich in der Begegnung und professionell in der Arbeit – das charakterisiert Haus Ohrbeck“, so heißt es auf der Homepage. Der Mensch stehe dabei im Mittelpunkt, betonen die Verantwortlichen. Vom Soldaten bis zur Erzieherin nehmen rund 12 000 Menschen die Angebote jedes Jahr wahr und leben, wohnen und arbeiten im Haus – manche einige Tage, andere eine ganze Woche oder auch länger. Kooperationspartner sind unter anderem Organisationen und Institutionen aus dem Gesundheits- und Sozialwesen, das Bistum Osnabrück, kirchliche Institutionen unterschiedlicher Konfession, Polizei- und Militärseelsorge sowie die Bundeswehr. Zusätzlich nutzen Gastgruppen das Haus für Seminare in eigener pädagogischer Verantwortung. Nach der Corona-Pandemie hat sich die Einrichtung gut erholt: „Wir haben keine Gruppe verloren. Die Nachfrage ist gut“, erzählt die Leiterin.
Auch viele Bauten und Umbauten wurden über die Jahrzehnte getätigt. Erweiterungen, Modernisierungen und Maßnahmen zur Nachhaltigkeit. Überall findet sich dabei auch der franziskanische Geist: So seien die Zimmer bewusst „gut, sauber, aber schlicht“, betont Franziska Birke-Bugiel. „Wir sind reduziert auf das Wesentliche, das schätzen viele Menschen sehr.“ Jede Gruppe hat einen Abendraum zum Austausch: „Das brauchen wir gesellschaftlich so dringend, hier ist Raum und Zeit dafür.“ Die Natur rund um das Bildungshaus lädt ein zum Auftanken, Ausruhen und zum Spaziergang.
Noch sieben Franziskanerbrüder leben heute in Holzhausen. Bruder Andreas Brands ist stellvertretender Leiter des Bildungshauses. Der Blick auf die Zukunft zeigt viele Herausforderungen und Pläne. Denn das Bistum Osnabrück werde seine Zuschüsse bis 2029 komplett streichen und auf Dauer aus der Trägerschaft ausscheiden, so Birke-Bugiel. Um die Einrichtung weiter abzusichern, wird sie in eine gemeinnützige GmbH umgewandelt – das ist eine Einrichtung für Unternehmen, die gemeinwohlorientierte Ziele verfolgen. Das ermöglicht schnellere und unabhängige Entscheidungen und „eine große Freiheit“, wie die Leiterin des Hauses sagt. Zusätzlich gründet der Franziskanerorden eine Stiftung mit dem Zweck, das Gelände und die Gebäude zu erhalten – „eine starke Entscheidung des Ordens. Er ermöglicht, dass es hier weitergeht“, sagt die Leiterin ganz klar.
Und hier kommt für Franziska Birke-Bugiel auch wieder die gute Verwurzelung und die Gastfreundschaft ins Spiel, die sie anfangs erwähnt. „Uns ist damals Gutes getan worden und wir wollen jetzt Gutes tun.“ Sie skizziert damit den Antrieb des Ordens, die Stiftung zu gründen und damit die Zukunft von Haus Ohrbeck zu sichern. Die 44 Mitarbeiter aller Qualifikationen wissen das sehr zu schätzen, haben Lust, mit Weitblick und Innovationskraft zu gestalten. Ideen eines „Bildungscampus am Boberg“, Quartierslösungen und Nachhaltigkeitsprojekte sind nur einige, die gerade diskutiert werden. Franziska Birke-Bugiel ist zuversichtlich, wenn sie feierlich sagt: „Wir haben viel Energie – für die nächsten 100 Jahre.“