Piusbruderschaft: Konflikt mit Rom

Viel mehr als Latein

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Piusbrüder
Nachweis

Foto: kna/Jean-Matthieu Gautier

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Priesterweihe der Piusbruderschaft: 2019 wurden in Ecône sechs Seminaristen geweiht

Die Piusbrüder haben sich im Streit um das letzte Konzil von Rom getrennt. Seitdem suchen beide Seiten einen Ausweg aus dem Konflikt. Am 1. Juli will der Priesterorden nun Bischöfe weihen, um seinen Fortbestand zu sichern. Der Vatikan verbietet das und droht mit Exkommunikation. Aber was ist eigentlich das Problem mit der Bruderschaft?

„Ja, lasst sie halt die Messe auf Latein feiern!“ Das mag mancher denken, der vom eskalierenden Streit zwischen der Priesterbruderschaft Sankt Pius X. und dem Vatikan hört. Denn das auffälligste Merkmal der Traditionalisten ist die Messe: auf Latein, mit dem Rücken zum Volk.

Doch es geht nicht nur um Liturgie. Auch innerhalb der katholischen Kirche gibt es zahlreiche Anhänger der alten Messe. Wohl deshalb hat Papst Leo XIV. auf diesem Feld schon weitreichende Zugeständnisse gemacht. Sogar am Papstaltar im Petersdom durfte US-Kardinal Raymond Leo Burke mit Pilgern aus aller Welt tridentinisch feiern.

Dass die Großherzigkeit Leos keine Entspannung ins Verhältnis zu den Piusbrüdern gebracht hat, zeigt aber, dass die Messe nicht das Kernproblem ist. Sie ist nur ein Symptom für viel größere Verwerfungen. Und die betreffen vor allem das Kirchenbild, die Ökumene, die Religionsfreiheit und generell die Sicht auf die moderne Welt. Die katholische Kirche sei seit dem 2. Vatikanischen Konzil dem Zeitgeist erlegen, ist die traditionalistische Grundthese. Allein die Piusbruderschaft, die ihren Hauptsitz in Ecône in der Schweiz hat, sei die Hüterin der einzig wahren, ewigen Lehre.

Gegründet wurde die Bruderschaft 1970 aus genau diesem Grund: die Wahrheit zu bewahren. Rom sei nicht mehr „Hüterin des katholischen Glaubens“, schrieb ihr Gründer, Erzbischof Marcel Lefebvre, 1974 in seinem „Manifest“, sondern „ein Rom der neomodernistischen und neoprotestantischen Tendenz“; die katholische Kirche „entstelle sich selbst“.

Handtuchhalter
Handtücher, die für ein Kirchenbild stehen: eines für den Priester vor der Messe, eines für alle anderen. Foto: kna/Jean-Matthieu Gautier

Lefebvre gehörte zur Minderheit an Konzilsvätern, die wesentliche Beschlüsse der Versammlung (1962–1965) ablehnten und in zahlreichen Punkten einen Bruch mit der Tradition und dem Glauben der Kirche feststellten. Tradition ist für ihn demnach etwas Statisches, das keine Veränderung verträgt. An einigen Punkten macht Lefebvre das fest:

Religionsfreiheit: Das Konzil hat eine eigene Erklärung über die Religionsfreiheit verabschiedet. Darin stellt es fest, dass jeder Mensch das Recht auf religiöse Freiheit hat. Lefebvre hingegen betrachtet alles, was nicht katholisch ist, als Irrtum und sagt: „Ihm Freiheit zuzugestehen, heißt, ihm Rechte zu geben, die der Irrtum nie beanspruchen kann. Allein die Wahrheit hat Rechte.“  Das Dokument war für ihn unannehmbar. Dass die Priesterbruderschaft das bis heute so sieht, ist ein wesentlicher Konfliktpunkt.

Ökumene: Auch der Protestantismus ist für Lefebvre und die Traditionalisten ein Irrtum. Er schreibt: „Was ist der Ökumenismus anders als ein Verrat an der Wahrheit, ein Verrat an unserem Herrn Jesus Christus? Ökumenismus ist Wahrheit, die sich mit dem Irrtum vermengt.“ Er verwehrt sich gegen den Begriff „getrennte Brüder“ und lehnt gemeinsame Gebete und Gottesdienste kategorisch ab. Dem Konzilsdekret verweigerte er seine Zustimmung; die Bruderschaft lehnt es ebenfalls ab.

Kirchenbild: Für Lefebvre gründet sich die Kirche auf das Amt und die Heiligkeit der Priester, die die Herde führen und leiten. Deshalb richtete er eigene Priesterseminare ein, und deshalb ist die Weihe von Bischöfen so wichtig: Nur durch gültig geweihte Bischöfe können gültig Priester geweiht werden, die die Sakramente – und damit das Heil – verwalten.

Eine fundamentale Gleichheit aller Getauften lehnt der Traditionalismus ab. Schon das gemeinsame Entscheiden von Bischöfen – den Begriff Synodalität gab es damals noch nicht – gilt als falsch. „Kollegialität ist die Vernichtung der persönlichen Autorität, die Demokratie ist die Zerstörung der Autorität Gottes, der Autorität des Papstes und der Autorität der Bischöfe“, schrieb Lefebvre.

Ausdruck dieses Kirchenbildes ist die Liturgie – und damit ist sie mehr als eine Frage von Ästhetik. „Die neue Messe ist ein Ausdruck eines neuen Glaubens“, sagte Lefebvre. Er lehnte die aktive Teilnahme der Gläubigen am Gottesdienst – ein wesentliches Moment der Liturgiereform – ab, weil sie vom Kern des Geschehens ablenkt, dem Opfer. Die Reform tendiere dazu, „die Auffassung der heiligen Messe als Opfer durch die eines Mahles zu ersetzen“. Was wiederum dazu führe, „das Priestertum in seinem Kern in Mitleidenschaft zu ziehen“.

Die Welt von heute: Das Grundproblem des Konzils, sagen die Traditionalisten, war sein Anliegen, Kirche in der Welt von heute zu sein. „Aggiornamento“ wurde das genannt, Verheutigung. Eine „liberale Minderheit unter den Konzilsvätern“ habe „leichtes Spiel gehabt“, sagte Lefebvre. Kirchliche Schuld einzugestehen, Triumphalismus abzulegen, Reichtum zu begrenzen, in Räten zu entscheiden und der Welt und ihrer Kultur grundsätzlich positiv zu begegnen – das alles sei „reinster Liberalismus“ und mithin abzulehnen.

Die Priesterbruderschaft Sankt Pius X. will eine andere, vormoderne Kirche, weil das nach ihrer Ansicht der Wille Christi ist. Sie will eine Kirche ohne Mitbestimmung, ohne Freiheitsrechte, Frauenrechte, Minderheitenrechte. Eine Kirche, die ewige Wahrheiten hütet und sich ins 19. Jahrhundert, das angeblich goldene katholische Zeitalter, zurückkatapultiert. Die Liturgie ist da nur ein Nebenschauplatz.

Susanne Haverkamp