Gunter Geiger leitet die Katholische Akademie im Bistum Fulda

Vom Jugendoffizier zum Akademiedirektor

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Gunter Geiger in der Kapelle der Akademie
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Foto: Elisabeth Friedgen

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Das Kreuzzeichen vor dem Essen, ein Besuch ab und an in der Kapelle der Katholischen Akademie – es sind kleine Glaubensrituale, die Gunter Geiger in seinen Alltag integriert und die ihm wichtig sind.

Seit über 20 Jahren ist Gunter Geiger der Direktor der Katholischen Akademie im Bistum Fulda. Zum ersten Mal besucht hat er sie als Jugendoffizier der Bundeswehr. Positive Erlebnisse in der Militärseelsorge führten dazu, dass er damals vom Soldat zum Referenten wurde.

Wie oft Gunter Geiger an einem Rednerpult gestanden hat, kann er vermutlich nicht mehr zählen. Nicht selten ist seine Wirkungsstätte eben dieses, denn als Akademiedirektor kann er in jedem Jahr tausende Menschen im Bonifatiushaus begrüßen. Sie kommen, um sich Vorträge und Podiumsdiskussionen anzuhören, vertiefen ein Thema in einem Bildungsurlaub oder vernetzen sich auf einer Tagung. Oberste Prämisse für Geiger: „Wir machen hier nicht einfach irgendein Programm, da steht schon ,katholisch‘ dran am Bonifatiushaus.“ Das bedeutet für ihn nicht, dass es in der Akademie nur theologische Angebote gäbe. „Aber wir arbeiten klar aus einer christlichen Haltung heraus.“

Gunter Geiger wuchs im Frankfurter Stadtteil Oberrad auf, direkt an der Grenze zum Bistum Mainz. Schon als Kind hat er Frankfurt als offen und spannend erlebt: Messe, Flughafen und Banken, sein liebster Fußballverein, die „Kickers Offenbach“, war nur eine Viertelstunde entfernt. Seine ersten prägenden Erfahrungen mit dem katholischen Glauben machte er als Kind bei den Jesuiten von St. Georgen: Das Elternhaus lag in derselben Straße wie die Philosophisch-Theologische Hochschule der Patres: „Ich war oft bei den Sommerfesten des Klosters.“ Er erinnert sich an eine gute und freundliche Nachbarschaft, einmal hat er sogar die Patres für den Religionsunterricht interviewt. Ansonsten spielte die Kirche zunächst keine große Rolle in seinem Leben. „Ich bin zwar katholisch getauft und war auch einige Jahre Pfadfinder, aber als Kind und Jugendlicher nicht tief im Glauben verwurzelt.“ Das änderte sich ausgerechnet, als er Soldat wurde.

Als Geiger 1988 seinen Grundwehrdienst antrat, merkte er schnell, dass er sich bei der Bundeswehr wohlfühlte. Ihn, der als Einzelkind aufwuchs, faszinierten die Kameradschaft und Gemeinschaft unter den Soldaten. Aber auch die Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen. Er verpflichtete sich gleich nach dem Wehrdienst für zwölf Jahre, war zunächst in Marburg, später in Wetzlar stationiert. Dort und an seinem Studienort Hamburg lernte er die Militärseelsorge kennen, kam über Soldatengottesdienste zur Gemeinschaft Katholischer Soldaten (GKS). Diese gibt es seit 1960, ihr Selbstverständnis gründet auf einer Aussage des Zweiten Vatikanums: „Wer als Soldat im Dienst des Vaterlandes steht, betrachte sich als Diener der Sicherheit und Freiheit der Völker. Indem er diese Aufgabe recht erfüllt, trägt er wahrhaft zur Festigung des Friedens bei.“

"Bei uns steht schon ,katholisch‘ dran."

Dieses Motto ist auch die Grundhaltung, die Geiger in seinem eigenen Leben als Soldat immer wichtiger wurde. Die katholische Militärseelsorge war in Geigers Soldatenzeit in den 1990er Jahren ein fester Anker in seinem Berufsalltag. So nutzte er auch viele ihrer Angebote – was ihn wiederum nach Fulda an die damalige Oberst-Korn-Akademie im Bonifatiushaus führte. Dort tagten und diskutierten Soldaten der Bundeswehr damals aktuelle militärische und ethische Fragen. Geiger, der inzwischen Jugendoffizier für drei Landkreise in Brandenburg war, kam gern dorthin. „Dann bin ich irgendwann gefragt worden, ob ich mir vorstellen könnte, in der Katholischen Akademie zu arbeiten.“

Das konnte er. Und so kam es, dass aus einem Soldaten ein katholischer Bildungsreferent wurde. 1998 sagte Geiger der Bundeswehr „Adieu“ und nahm seine Arbeit im Bonifatiushaus auf, wurde 2004 der Direktor der Akademie. Mit seiner Frau, eine gebürtige Fuldaerin, lebt er in Petersberg „mit Blick auf die Lioba-Kirche“. Sein Lieblingsgottesdienst in Fulda ist die Sonntagabend-Messe im Dom, „anschließend telefoniere ich oft mit meiner Mutter, die wissen möchte, wie die Predigt war“, berichtet Geiger. Seine beiden erwachsenen Kinder sind bereits „flügge“ und ausgezogen.

"Wir suchen den gesellschaftlichen Kitt."

Wer Gunter Geiger begegnet, würde wohl nicht vermuten, dass der 58-Jährige noch immer Oberstleutnant der Reserve ist. „Zusammenführen, Moderieren, Verbinden“ – das sind die Dinge, die ihm als Direktor wichtig sind. Damit entspricht er so gar nicht dem Klischee des strammen Soldaten, sein Ton hat nichts Militärisches und er scheint der Akademie als Direktor auch nicht wie ein unnahbarer Heeresführer vorzustehen. Gunter Geiger wirkt zugewandt, locker – und dankbar. Er betont im Gespräch oft, wie viel ihm die Möglichkeiten in der Akademie bedeuten. Der Anspruch, den er selbst an diese Arbeit hat: „Wir sind hier profiliert auf der Suche nach dem, was der gesellschaftliche Kitt ist“, sagt er.

In seiner Anfangszeit sei das Programm der Akademie noch „verschulter“ gewesen, auch breiter aufgestellt. In den vergangenen Jahren haben sich Schwerpunkte herausgebildet. Politisch-historische Bildung ist heute ein wichtiger Pfeiler der Akademiearbeit. So gibt es viele Veranstaltungen zu Erinnerungskultur und Nationalsozialismus, aber auch zu Themen wie Sicherheitspolitik oder Meinungsfreiheit. Das Bonifatiushaus ist für Gunter Geiger der Ort, wo katholische Kirche über ihren Tellerrand blicken kann und Menschen von überall – „wir fragen hier nicht nach der Konfession“ – fundierte Angebote mit „katholischer Handschrift“ kennenlernen können.

Auch wenn Gunter Geiger wohl nicht mehr zum Dienst an der Waffe eingezogen wird: Soldat ist er trotzdem auch in all den Jahren als Akademiedirektor geblieben: als Oberstleutnant der Reserve, anfangs als Kompaniechef, heute im Zentrum für Innere Führung als Referent für politische Bildung. Diese Aufgabe umfasst nur noch wenige Termine im Jahr, und doch ist sie Geiger sehr wichtig: Dass Kirche und Bundeswehr sich „beide in den Dienst des Nächsten“ stellen, wie er sagt, ist für ihn ein gemeinsamer Nenner.

Elisabeth Friedgen