Wissenschaftlerinnen über Marienverehrung

Wer ist Maria?

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Marienstatue
Nachweis

Foto: istockphoto/GltoTrevisan

Viele Gläubige sind von Maria fasziniert. Andere tun sich mit der Marienverehrung schwerer.  Zwei Wissenschaftlerinnen aus Mainz und Kassel erklären, warum es so unterschiedliche Vorstellungen von der Gottesmutter gibt.

„Maria ist ein vielschichtiges Phänomen – kulturell, theologisch und psychologisch“, sagt Christiane Schäfer. Die promovierte Literaturwissenschaftlerin ist im Gesangbucharchiv der Johannes Gutenberg-Universität Mainz tätig. 2014 brachte sie zusammen mit dem Mainzer Germanistikprofessor Hermann Kurzke das Buch „Mythos Maria“ heraus – eine Untersuchung zu bekannten Marienliedern. „Die Gottesmutter ist weniger eine greifbare Person als vielmehr ein Mythos, der über Jahrhunderte gewachsen ist. In ihm spiegeln sich religiöse Sehnsüchte, gesellschaftliche Normen und kulturelle Inhalte wider“, erklärt Schäfer. „Literatur, Kunst, Musik und Volksfrömmigkeit haben ihr Bild immer wieder neu geprägt.“ Maria sei als Projektionsfläche möglich geworden, weil die wenigen biblischen Aussagen über sie viel Freiraum lassen.

Was aber sagt das Neue Testament über die Mutter Jesu? Mirja Kutzer, systematische Theologin an der Universität Kassel, betont, dass das Neue Testament nicht als historisches Zeugnis gelesen werden darf. Vielmehr gehe es um theologische Überlegungen, wer denn nun Jesus von Nazareth war. „Neuere Forschungen aus historisch-kritischer Sicht halten es für wahrscheinlich, dass Maria gemeinsam mit dem Herrenbruder Jakobus zu den Jüngerinnen und Jüngern Jesu gehört hat und nach den Ereignissen von Tod und Auferstehung Jesu Anschluss zur Gemeinde in Jerusalem fand“, sagt Mirja Kutzer. „Sehr ausgebaut und theologisch vielschichtig ist ihre Rolle zweifellos im Lukasevangelium“, erläutert die Theologin. „Maria ist hier gleichzeitig individuelle Glaubenszeugin sowie Glaubenszeugin des Volkes Israel und des einfachen, armen Volkes. Sie ist damit so etwas wie ein Vorbild für Menschen, die sich später zu Jesus bekennen.“

"Maria ist ein vielschichtiges Phänomen"

Kutzer weist darauf hin, dass Maria bei Lukas auch die Rolle einer Prophetin einnimmt, da sie das Magnificat singt, angelehnt an den Gesang der Hanna, der Mutter Samuels, im Alten Testament. Schon bevor sie das Kind erblickt, weiß sie, dass es etwas Besonderes ist. Bei Lukas wird Maria auch als eine sehr eigenständige Frau dargestellt, die selbst entscheidet, Ja zur Verkündigung des Engels zu sagen, nachdem sie Rückfragen gestellt hat (Lukas 1, 26–38). Hier zeigt sich ihre spirituelle Autonomie.

Auch wenn Maria in den Evangelien keine herausragende Rolle einnimmt, begann die Marienverehrung schon früh, in den ersten Jahrhunderten. Maria gewann an Bedeutung, als die Frage geklärt wurde: Wer ist denn eigentlich Jesus? Wenn er wahrer Mensch und wahrer Gott ist, wer sind dann seine Eltern? „Jesus wird ja als jemand vorgestellt, der von einer menschlichen Mutter geboren worden ist, aber gleichzeitig eben keinen menschlichen Vater hat. An die Stelle des menschlichen Vaters tritt Gott“, erklärt Kutzer. Maria ist somit eine Frau wie jede andere auch. Gleichzeitig hat sie zu Jesus Christus als seine Mutter eine besonders enge Beziehung.

Christiane Schäfer ist promovierte Literaturwissenschaftlerin und im Gesangbucharchiv der Johannes Gutenberg-Universität Mainz tätig. 
Foto: privat

Und die Jungfräulichkeit Mariens? Mutter und zugleich Jungfrau, dieses biologische Paradox provoziert. Die Kasseler Dogmatikerin erklärt: „Parthenos, das griechische Wort für Jungfräulichkeit, kann zunächst beides heißen: Jungfrau und junge Frau. Das Matthäus-Evangelium verweist damit auf eine Verheißung, die im Alten Testament beim Propheten Jesaja (Jesaja 7,14) steht und die auf Jesus hin gedeutet wird: ‚Siehe: die Jungfrau (parthenos) wird empfangen und einen Sohn gebären‘ (Matthäus 1,23). Man hat da tatsächlich einen Übersetzungsfehler markiert, weil bei Jesaja das hebräische Wort für ‚junge Frau‘ (almah) steht.“ In den Evangelien werde das Wort parthenos jedoch eindeutig im Sinne von Jungfrau verwendet, sagt sie. „Jesus wird als jemand vorgestellt, der von einer menschlichen Mutter geboren worden ist, aber gleichzeitig keinen menschlichen Vater hat. Die Jungfräulichkeit ist ein starkes Bild dafür, was später im Dogma ausformuliert wird: Dieser Jesus ist wahrer Gott und wahrer Mensch.“

Die Vorstellung von Maria als demütiger Mutter und Gott als mächtigem Vater hatte weitreichende Konsequenzen für Frauen in vielen Jahrhunderten. Mirja Kutzer erklärt dazu: „Vor allem feministische Theologinnen haben darauf hingewiesen, dass Maria über Jahrhunderte zu einer Figur geworden ist, anhand derer Frauen gesagt worden ist: Stellt euer Leben doch am besten ganz in den Dienst von Gott, von Männern, die Gott repräsentieren oder auch von Männern, die Gott nicht repräsentieren.“

Maria sei sehr schnell mit dem Askese-Ideal der ersten christlichen Jahrhunderte verbunden worden. „In der Welt, in der das Christentum groß geworden ist, galt es, alles Körperliche zu überwinden. Das heißt, der Körper galt als das Einfallstor der Sünde, insbesondere der sexuelle Körper, weil er einen im Irdischen festhält. Die Jungfrau galt daher als Ideal, da sie dem Körperlichen widersagte“, erklärt die Theologin.

Maria ist den Menschen nah und deshalb emotional zugänglich

Dass sich an der Figur der Muttergottes viele, ganz unterschiedliche Vorstellungen festgesetzt haben, betont auch Christiane Schäfer vom Gesangbucharchiv. „Wir haben festgestellt, dass sich diese Vorstellungen im Lauf der Frömmigkeitsgeschichte immer wieder an die jeweilige Zeit angepasst haben“. Die Figur der Maria, so Schäfer, habe dabei eine spezifische Funktion: Sie ist als Mensch den Menschen nahe und deshalb emotional zugänglich. „So mildert sie die Strenge eines göttlichen Christusbildes“. Ein Beispiel für die unterschiedlichen Eigenschaften der Gottesmutter findet sich imMarienlied „Wunderschön prächtige“: Schönheit, Macht, Milde, Jungfräulichkeit, Mütterlichkeit sowie Vertrautheit mit dem dreifaltigen Gott – als Tochter des Vaters, Mutter des Sohnes und Braut des Heiligen Geistes.

Zur Frage, warum Maria polarisiert, antwortet die Literaturwissenschaftlerin: „Der Mythos Maria ist ambivalent. Einerseits wird durch sie das Weibliche innerhalb des christlichen Heilsplans erhöht. Andererseits kann die Überbetonung des Mütterlichen ein spirituelles Erwachsenwerden verhindern und das Ideal von Reinheit und Gehorsam Menschen einengen.“ So könne Letzteres auf Frauen disziplinierend wirken, Ersteres ihrer Emanzipation dienen. Schäfer: „Die Bilder von Maria und ihre Zuschreibungen sagen mehr über die religiösen Mentalitäten der jeweiligen Epoche aus als über die historische Person der Mutter Jesu.“

Macht- und Gewaltstrukturen für Frauen fatal geworden

Mirja Kutzer ist seit 2016 Professorin für Systematische Theologie am Institut für Katholische Theologie an der Universität Kassel. 
Foto: Kutzer

Doch welche der vielen Deutungen Marias sind aus Sicht der Theologie schlüssig? Kutzer erklärt die Rolle Mariens als Gnadenmittlerin: „Vielleicht müssen wir ein bisschen breiter schauen. Wie erfahren wir Menschen die Zuwendung Gottes? In der Regel, indem ihnen diese Zuwendung Gottes vermittelt wird durch andere Menschen: durch Menschen, die uns nahestehen, Menschen, die Trost spenden, die Gerechtigkeit widerfahren lassen.“ Die Erlösung, die Gott uns zuspreche, sei immer etwas, das weiter vermittelt werden muss. „Maria steht hier für die Art und Weise, wie Menschen einander zu Gnadenmittlern oder zu Erlösungsmittlerinnen werden können“, erklärt Kutzer.

Die Dogmatikerin schränkt zugleich ein: „Gerade bei Maria bin ich immer vorsichtig zu sagen, dass alle Deutungen ihre Berechtigung haben. Denn an Maria haben sich so viele Macht- und auch Gewaltstrukturen angelagert, die für Frauen fatal geworden sind.“ Die berühmte Stelle: „Ich bin die Magd des Herrn“ aus dem Lukasevangelium habe eigentlich eine sehr befreiende Komponente. Da gehe es um eine Frau aus dem einfachen Volk, die darauf vertraut, dass Gott an der Seite der Armen und Entrechteten stehe und ihnen Recht verschaffe. „Geworden ist daraus aber: Ich bin die demütige Magd, ein Rollenmodell für Frauen, von denen man wiederum Demut eingefordert hat.“ Demut im Sinne eines Gehorsams, einer Fürsorge, die die Selbstfürsorge vergisst. Letztendlich habe diese Vorstellung eine patriarchale Gesellschaftsordnung gestützt.

„Da würde ich empfehlen, sich an die Texte zu halten und sie genauer zu lesen. Und trotzdem würde ich immer noch sagen: Der Symbolgehalt, der sich um Maria gebildet hat, ist auch ein Schatz. Was sich darin an Erfahrung, theologischer sowie kultureller Reflexion befindet, ist wertvoll“, sagt Mirja Kutzer und betont: „Man muss aber immer schauen, dass dieser Gehalt an eine Botschaft der Befreiung gebunden bleibt, so wie sie das Evangelium aussagt.“

Die Gottesmutter Maria kann mit dieser Botschaft nicht mehr polarisieren. Denn sie steht für das Leben in Fülle, das Christus allen schenken möchte, Männern und Frauen.

Anja Weiffen und Theresa Breinlich