Neue Ideen von Pfarreien
Raus aus der Kirchenbubble
Foto: Barbara Schmidt
Beliebter Treffpunkt: der Straßenkreuzer in Oberursel
"So könnte die Zukunft aussehen"
Die Mitgliedszahlen der katholischen Kirche sinken weiter. Wie kann Kirche in der Gesellschaft relevant bleiben? Pfarreien im Bistum Limburg probieren Neues – jenseits der Pfarrkirche und des Pfarrheims.
Es ist ein sonniger Nachmittag – wie gemacht für den Saisonstart des Straßenkreuzers. Pastoralreferentin Elke Peglow steuert das blaue Gefährt der Pfarrei St. Ursula in Oberursel in Richtung Spielplatz im Deschauer Park. An den Spielgeräten, auf Picknickdecken und Bänken tummeln sich Kinder und Erwachsene. Und nicht nur die zwei Helfer, auf deren Jacken „Straßenkreuzer“ steht, erwarten offenbar mit Spannung die Ankunft desselben. Als er auf den Spielplatz einbiegt, ruft ein kleines Mädchen: „Hallo – endlich mal der Kaffeewagen!“
Im Park und am Friedhof
Elke Peglow nimmt es mit einem Lächeln zur Kenntnis. „Das ist es, warum ich diesen Einsatz so liebe. Ich werde selten freudiger begrüßt, als wenn ich mit diesem Auto komme“, sagt sie. Im elften Jahr ist die Seelsorgerin mit dem Straßenkreuzer unterwegs. Die Saison reicht vom Frühlingsbeginn bis in den Spätherbst. Neben Spielplätzen werden etwa ein regelmäßig stattfindender Flohmarkt, ein Wochenmarkt, der Maasgrundweiher oder der Alte Friedhof von Oberursel angesteuert. Gerade am Friedhof habe man anfangs nicht gewusst, wie die Menschen reagieren, sagt Elke Peglow. Weil dort viele allein unterwegs seien, sei das Angebot, etwas zu trinken und dabei auch ins Gespräch kommen zu können, aber sehr gut angenommen worden.
Pastoralreferentin Peglow ist die Verantwortliche für die Aktion Straßenkreuzer, die bereits kurz nach der Gründung der Pfarrei neuen Typs in Oberursel und Steinbach aus der Taufe gehoben wurde. Sie kümmert sich unter anderem um die nötigen Genehmigungen. Rund 40 Ehrenamtliche machen das Projekt Jahr für Jahr aber erst möglich. Dazu zählen Dietrich vom Berge und Thomas Stierwald. Gerade haben sie routiniert mit Peglow und Pastoral-assistentin Laura Ursprung das Fahrzeug an einen Generator angeschlossen und dann alle nötigen Handgriffe gemacht, damit der Kaffee laufen kann.
Ihm gefalle am Straßenkreuzer, „dass wir nicht in der Kirche warten, sondern da sind, wo die Eltern sind“, sagt vom Berge. Ihm selbst mache es Spaß, hier „sozusagen der Barista“ zu sein, der die Siebträgermaschine bedient und den Kaffee aus einer Frankfurter Rösterei in edle italienische Porzellantassen füllt, sagt der professionelle Fotograf. „Viele realisieren gar nicht, dass das Projekt mit der Kirche zusammenhängt“, ist der Eindruck von Thomas Stierwald, der gerade Pause vom Spüldienst macht. Da er inzwischen Rentner sei, übernehme er gern die Werktagstermine auf dem Spielplatz.
Ehrenamtliche jeden Alters
Tatsächlich sei das Team vom Alter her bunt gemischt und habe – auch das nicht typisch in Pfarreien – sehr viele Männer dabei, sagt Elke Peglow. Die Resonanz auf das Angebot sei durchweg positiv, kann sie zudem sagen. Das ist auch an diesem Frühlingstag so. „Ich freu mich immer, wenn das Kaffeemobil da ist“, sagt Elisabeth Zehnder, Mutter von zwei Kindern. Viele gäben eine Spende, aber grundsätzlich koste das Ausgeschenkte nichts, bestätigt Elke Peglow. „Wir wollen einfach, dass alle ihren Kaffee haben können.“
Pastoralassistentin Laura Ursprung sagt: „Es ist ein Projekt, das zeigt, wie die Kirche der Zukunft aussehen könnte.“ Deshalb will sie ihre Abschlussarbeit am Ende ihrer Ausbildungszeit in St. Ursula über den Straßenkreuzer schreiben. Sie erlebt ihn als „Chance, dass Kirche ein positives Bild abgibt“. Das deckt sich mit Elke Peglows Erfahrung, die oft gesagt bekommen hat: „Ich find das so klasse, was ihr das macht.“
Barbara Schmidt
"Hier soll ein guter Ort entstehen"
Foto: Theresa Breinlich
Ein wachsender Stadtteil mit bald 12 000 Einwohnern ohne kirchliche Strukturen. Wie kann Kirche im Lyoner Quartier in Frankfurt-Niederrad präsent und für die Menschen da sein? Das fragten sich Verantwortliche der Pfarrei St. Jakobus, zu dessen Bereich der Stadtteil gehört. Ein Neubau einer Kirche? Zu teuer und wahrscheinlich zu groß. Ein Büro anmieten? Kostet viel. So entstand die Idee der Tiny Church. Das Projekt wurde zusammen mit der evangelischen Kirche gestartet. „Alles andere macht heute keinen Sinn. Wir müssen hier als Kirche gemeinsam auftreten“, sagt der Soziologe George Kurumthottikal, der das Projekt leitet.
Die Tiny Church steht auf einem angemieteten Parkplatz zwischen Bürogebäuden und Wohnkomplexen. Sie ist ein Mini-Veranstaltungsgebäude mit 17 Quadratmetern. Der Innenraum kann für Meditationen, Andachten oder Seelsorgegespräche genutzt werden. Vor allem in den Sommermonaten finden rundherum kulturelle Veranstaltungen statt. Falls es regnet, stellen sie Zelte auf. Es gibt eine kleine Küche. Der Caritas-Kindergarten in der Nachbarschaft hilft mit Geschirr aus. Gefertigt wurde das Häuschen von einem Unternehmen, das auf Tiny-Häuser spezialisiert ist. Die Kosten betrugen 122 000 Euro.
Gewünscht ist ein Treffpunkt
„Das Spannende bei diesem Projekt ist, dass wir raus zu den Menschen gehen und nicht erwarten, dass sie zu uns kommen“, erklärt Kurumthottikal. „Das ist anders als in einer fest gebauten Kirche. Für uns ist die Herausforderung, dass wir uns hier nicht wohnlich machen.“ Entsprechend ist es auch symbolisch zu verstehen, dass das kleine Gebäude auf seinem Anhänger stehen bleibt, mit dem es theoretisch auch bewegt werden kann. Anhand des Namens und der Bilder mit christlichen Motiven können Besucher und Besucherinnen erkennen, dass es sich um eine Einrichtung der Kirchen handelt.
Die Mieten sind in dem Viertel eher gehoben. Es gibt Studentenwohnheime und am Rand eine Flüchtlingsunterkunft. Die Menschen sind zum Arbeiten hergezogen und haben wenige soziale Kontakte außerhalb ihres Berufs. Die wenigsten sind katholisch. Viele sind aus der Kirche ausgetreten. „Wir haben Bedarfsanalysen erstellt und bei der Eröffnung die Menschen gefragt, was sie sich für ihr Viertel wünschen. Für eine neue Grundschule können wir nicht sorgen. Aber weit oben bei den Wünschen stehen Treffpunkte. Wir können einen Raum bieten, an dem sich die Menschen austauschen und kennenlernen können. Gruppierungen, die sich bereits gebildet haben, haben sich bei mir gemeldet“, erklärt Kurumthottikal. Kirche könne hier ihre „unique selling points“, ihre Alleinstellungsmerkmale, einbringen: Gut Zuhören, Gemeinschaft schaffen und vernetzen. „Kirche anders, finde ich nicht passend. Wir sind Kirche wie sie ist und immer schon war, nur an einem anderen Ort“, sagt er.
Fahrradcheck und Poetry Slam
Das Tiny-Church-Team möchte an Themen anknüpfen, die im Viertel relevant sind. Eines davon sind Fahrräder. So hat das Team eine Fahrrad-Reparatur-Werkstatt organisiert, bevor das Häuschen überhaupt stand. Im Sommer bieten sie einen Sicherheitscheck mit dem Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFS) an. Im Advent fand ein gemeinschaftliches Singen statt. Ein Poetry-Slam gibt es am 24. Juli zum zweiten Mal. Sie wollen am „Tag der Vielfalt“ die Menschen aus der Flüchtlingsunterkunft einladen, für die Menschen, die im Viertel arbeiten mittags zu kochen.
Bei der Eröffnung kamen um die 200 Besucher und Besucherinnen. „Wir hatten viele gute Gespräche. Das ist mir wichtig. Es muss nicht immer das große Event sein. Ich wünsche mir, das hier ein guter Ort entsteht, an dem sich die Menschen wohlfühlen“, sagt der Projektleiter.
Theresa Breinlich/km