Lenkpause: Seelsorge für Fernfahrer

„Wir sehen, wie ihr arbeitet“

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Fernfahrer auf Rasthof
Nachweis

Foto: Betriebsseelsorge EB Freiburg

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Sommerhitze auf dem Rasthof

Das Projekt „Lenkpause“ für Berufskraftfahrer versteht sich nicht als soziale Hilfsaktion. Vielmehr geht es Heike Gotzmann und Dorothee Dombrowsky um Wertschätzung für die Männer und Frauen, die bei niedrigen Löhnen oft monatelang von ihren Familien getrennt sind.

Zum Abschied wollte Heike Gotzmann dem Fahrer ein kleines Holzkreuz schenken. Sie zog es aus ihrer Tasche, hielt es ihm hin – doch der Mann winkte ab. „Er wollte das Kreuz nicht einfach so nehmen. Ich sollte es ihm umhängen. Und ich sollte ihn segnen“, sagt Gotzmann. Der Mann beugte sich vor, sie legte ihm das Band um und ihre Hände auf seine Schultern. „Für die weitere Fahrt wünschte ich ihm Gottes Segen.“ 

"Das ist moderne Sklaverei"

Gotzmann erinnert sich gut an die Begegnung mit dem älteren Mann aus Italien. „Er erzählte, dass er mit dem Lkw in ganz Europa unterwegs sei, dass er Kinder und Enkelkinder habe und dass er meist alle vier bis sechs Wochen für einige Tage zu Hause sei“, sagt sie. 

Gemeinsam mit ihrer Kollegin Dorothee Dombrowsky von der Betriebsseelsorge des Erzbistums Freiburg organisiert Gotzmann das Projekt „Lenkpause“. Mindestens zweimal im Jahr sind sie mit Ehrenamtlichen am Rastplatz Hegau West, beidseitig der A81, in der Nähe von Singen unterwegs. Sie klopfen an Fahrerkabinen, gehen auf die Lkw-Fahrer und -fahrerinnen zu, sprechen mit ihnen und verteilen kleine Geschenke. Sie sollen ein Dankeschön sein für die Fahrer, die häufig nur als Störfaktor im Straßenverkehr wahrgenommen werden. 

Freude über Holzkreuz
Freude über ein geschenktes Kreuz. Foto: Betriebsseelsorge EB Freiburg

„Wie oft sind wir genervt, wenn auf der Autobahn die rechte Spur blockiert ist? Oder ein Lkw ewig braucht, um einen anderen zu überholen?“, fragt Gotzmann. Dabei würden die meisten, die schimpfen, übersehen, unter welchen Bedingungen viele der Fahrer arbeiten müssen, damit bei uns Lebensmittel, Waren und Pakete ankommen. „Wir möchten mit der Lenkpause das Bewusstsein schärfen für die Berufskraftfahrer und ihre Arbeit“, sagt Gotzmann.

Vor einigen Monaten war ihre Kollegin Dorothee Dombrowsky mit einer Gruppe von Firmlingen auf dem Rastplatz. „Die Lenkpause ist keine Hilfsaktion. Uns geht es um Wertschätzung“, sagt sie. Den Jugendlichen wollte sie zeigen, was die Fahrer auf dem Rastplatz mit ihrem Leben zu tun haben. „Und den Fahrern wollten wir zeigen: Wir sehen, wie ihr arbeitet, was ihr für uns tut, und wir wollen uns erkenntlich zeigen.“ Die Firmlinge organisierten selbst eine Lenkpause: Sie sammelten Geld, packten kleine Beutel mit Duschgel und Rasierschaum und besorgten Dusch-Gutscheine. Denn jedes Duschen am Rastplatz kostet fünf Euro. „Das ist für die Fahrer viel Geld“, sagt Dombrowsky. 

Von finanziellen Sorgen hören sie immer wieder, wenn sie mit der Lenkpause unterwegs sind. Als die Lenkpause 2018 startete, sei das noch anders gewesen, sagt Gotzmann. Da sei ein italienischer Fahrer für eine italienische Spedition unterwegs gewesen, habe pünktlich seinen Lohn erhalten und regelmäßig freie Tage zu Hause gehabt. Genauso bei den polnischen Lkw. „Aber das ist heute nicht mehr so“, sagt sie. In den Kabinen sitzen jetzt Ukrainer, Russen, Menschen aus Kirgisistan. „Die Leute stammen immer weiter aus dem Osten, bis in den asiatischen Raum hinein, weil dort die Löhne günstiger sind.“ Viele arbeiteten für Subunternehmer irgendwo in Osteuropa. Vor zwei Jahren traf sie zum Beispiel auf südafrikanische Fahrer. „Sie erzählten, dass sie vier Jahre in Europa Lkw fahren wollen. Aber im ersten Jahr würden sie keinen Lohn erhalten, da sie ihr Flugticket abzahlen müssen“, sagt Gotzmann. „Es ist unglaublich, das ist moderne Sklaverei!“

"Ich bin ein Mittel zum Zweck"

Deshalb werden die Ehrenamtlichen von der Lenkpause oft von juristisch ausgebildeten Beraterinnen und Beratern der Fairen Mobilität begleitet, die beim Deutschen Gewerkschaftsbund angesiedelt sind und vom Ministerium für Arbeit und Soziales finanziert werden. Die Fachleute beraten dann zu arbeits- und sozialrechtlichen Themen. Gotzmann und Dombrowsky fragen die Fahrer dagegen, wie es ihnen geht, ob sie Familie haben, wann sie zum letzten Mal ihre Kinder gesehen haben. Sie decken die menschliche Seite ab. Dennoch bekommen sie vieles mit. Etwa, dass in dieser Branche Recht haben und Recht bekommen zwei unterschiedliche Paar Schuhe sind. Die Fahrer, sagt Dombrowsky, scheuten in der Regel davor zurück, bei Verstößen gegen Arbeitsbedingungen ihre Arbeitgeber zu melden oder gar zu verklagen: „Niemand will seinen Job verlieren. Sie sagen uns: Wenn ich nicht fahre, dann fährt morgen ein anderer.“

Gotzmann und die anderen von der Lenkpause werden meist sehr freundlich empfangen. Einmal hat ein Fahrer sie gebeten, ihre Begegnung mit dem Smartphone aufzuzeichnen. „Er meinte, sonst würde seine Familie ihm das nicht glauben“, sagt Gotzmann. Ein anderer erzählte, dass er in 30 Jahren als Lkw-Fahrer so etwas noch nie erlebt habe. „Er sagte: Ich bin der Unsichtbare, ich bin ein Mittel zum Zweck.“ Niemand habe sich bisher für seine Lebens- und Arbeitssituation interessiert. Wieder ein anderer habe berichtet, dass der Disponent seiner Spedition ihn nie mit Namen anspreche, sondern nur mit der Nummer des Fahrzeugs. 

Solche Gespräche erschüttern Dombrowsky und Gotzmann. Mit den Schoko-Nikoläusen im Dezember, Gutscheinen oder einem großen Sommerfest möchten sie den Fahrern zeigen, wie wertvoll sie und ihre Arbeit sind. Und sie möchten andere dafür sensibilisieren. Gotzmann sagt: „Die Lenkpause ist für mich und unsere vielen Ehrenamtlichen wirklich ein Herzensprojekt.“

Kerstin Ostendorf