Schon 2010 stellte der Kirchenbote eine wichtige Frage zur "Christusgemeinschaft"
Wird hier Macht missbraucht?
Foto: Archiv Kirchenbote
In diesem Haus in Lage-Rieste trafen sich früher die Mitglieder der "Christusgemeinschaft".
Manche Vorwürfe bestehen schon lange: Die „Christusgemeinschaft“ mache ihre Mitglieder unfrei, bestimme über ihren Alltag und ihre Freizeit. Sie berufe sich zwar auf die katholische Kirche, sei in Teilen von einem guten Verständnis von Katholizismus aber weit entfernt. Die „CG“ baue eine Mauer des Schweigens um sich – so wird in vielen betroffenen Gemeinden des Bistums geredet. Immer wieder wird dabei eine Person genannt: U. B., die früher Thuiner Ordensschwester war. 2004 wurde sie wegen Ungehorsams aus dem Orden entlassen.
Wer sich mit ihr über die „CG“ unterhalten will, braucht einen langen Atem. Das erlebte die Redaktion schon 1992: Drei Gesprächstermine waren ausgemacht, dreimal sagte die Schwester ab. Anfang dieser Woche ließ sie zwar über einen Sprecher der Gemeinschaft ihre Gesprächsbereitschaft erklären, meldete sich aber bis Redaktionsschluss am Dienstag dieser Woche dann doch nicht. Selbst Bischof Franz-Josef Bode musste 2005 erfahren, dass U.B. ausgemachte Termine nicht einhielt.
Kibo-Interview als Chance für einen Schlussstrich
Gesprochen hat dafür in der vergangenen Woche V.C. – allerdings will sie ihren richtigen Namen nicht nennen. Mehrere Jahre war sie „CG“-Mitglied – das Interview mit dem Kirchenboten sieht sie als Chance, endlich einen Schlussstrich ziehen zu können. Mitte der 90er Jahre fand sie zur „CG“ – zunächst ohne zu wissen, dass es sich um die „Christusgemeinschaft“ handelt, zu deren Treffen sie mit ihrem Mann fuhr. „Das wurde nie thematisiert. Erst nach mehreren Monaten wurde uns klar, worum es geht.“ C. erlebte eine Zeit, „in der wir den Glauben und die Kirche lieben gelernt haben“. Kritik an der „CG“ kam auch ihr zu Ohren. „Wir haben bald gemerkt, dass das die Gruppe ist, gegen die viele im Bistum etwas haben.“
C. verteidigte die „CG“ gegen Kritik von außen, wurde mit der Zeit aber hellhörig. „Ich wollte nicht alles mitmachen, was inhaltlich passierte, deshalb passten wir nicht ins Schema.“ Sie begann, sich unabhängige Informationen zu besorgen – und stieß dabei auf Ungereimtheiten. Ein Kindergarten, den die „CG“ eingerichtet hatte, musste auf Anordnung der Bistumsleitung geschlossen werden. „Uns wurde gesagt, der Heilige Geist habe gezeigt, dass die Zeit dafür reif ist.“ So habe die Leitung der „CG“ zwar nicht gelogen, aber eben nur die halbe Wahrheit gesagt.
Die „CG“ möchte die Gespräche neu beginnen
M.H. ist Sprecher der „CG“ und seit den Anfangsjahren dabei. Er betont ausdrücklich die Dialogbereitschaft, die auch 2010 gegeben sei. Seit 2008 ist das Gespräch unterbrochen, nachdem der damalige Regens Martin Schomaker, bis zu diesem Zeitpunkt vom Bischof mit dem Dialog beauftragt, nach Bremen wechselte. Gerne würde die Gemeinschaft die Gespräche wieder aufnehmen, so H., der als Pastoralreferent in S. arbeitet. Er selbst hat aber noch keinen Kontakt aufgenommen.
Ein wichtiger Schritt war eine Erklärung, die das Bistum und die Gemeinschaft 2005 gemeinsam unterzeichneten. Darin entschuldigt sich die „CG“, wie oft gefordert, „wenn sich Menschen zu sehr vereinnahmt und in der persönlichen Freiheit ihres Lebens- und Glaubensweges verletzt gefühlt haben“. V.C. nennt die Erklärung aus Sicht der Gemeinschaft „nur halbherzig“. Sie habe damals den Eindruck gehabt, dass die „CG“-Leitung nicht hinter den Aussagen gestanden habe. Stattdessen sei argumentiert worden, etwaiges Fehlverhalten sei gebeichtet worden und damit aus der Welt. H. sagt dagegen, es habe eine Entwicklung hin zu der Erklärung gegeben. „Aber wir haben sie unterschrieben, und wir stehen auch heute dazu.“
Zum engsten Kreis um U.B. gehört auch der bisherige Pfarrer von S., gegen den die Staatsanwaltschaft seit März 2010 ermittelt. Er soll sich des sexuellen Missbrauchs schuldig gemacht haben. Geschockt von den Vorwürfen waren offenbar nicht nur die „CG“-Mitglieder, sondern auch die der Kirchengemeinde. „Er konnte Leute mobilisieren“, sagt der Pfarrgemeinderatsvorsitzende, dem bekannt war, dass der Geistliche zur „Christusgemeinschaft“ gehört. Der Vorsitzende stört sich an der „Geheimniskrämerei“, wie er es nennt. Manchmal habe der Pfarrer einen zusätzlichen Gottesdienst in der Gemeinde – etwa für ein Ehejubiläum – abgelehnt, habe aber am selben Tag bei der „CG“ doch die Messe gefeiert. Angesprochen auf Spannungen mit der Bistumsleitung sei er oft ausgewichen: „Er sagte, er wolle kein Öl ins Feuer gießen.“ Gebetsabende in der Kirche, von der „CG“ gestaltet, seien nicht für jedermann offen gewesen.
Sie bestimmt, wer mit wem in den Urlaub fährt
Familie C. gehört der Gemeinschaft seit einigen Jahren nicht mehr an. „CG“-Mitglieder suchen keinen Kontakt mehr. „Das hat mich sehr verletzt. Denn ich hatte gedacht, dass Freundschaften entstanden sind“, sagt V.C. Möglicherweise ist es aber ein gezieltes Vorgehen, eine Art „Liebesentzug“. Denn Kritiker werfen der Gemeinschaft vor, jene schlecht zu behandeln, die sich nicht dem Diktat der U.B. unterwerfen. Sie bestimme sogar, wer mit wem und wohin in den Urlaub fahren dürfe.
In der Gemeinschaft wird sie weiter „Schwester“ genannt
Der früheren Ordensfrau, die in Kreisen der Gemeinschaft weiterhin „Schwester“ genannt wird, wirft nicht nur V.C. vor, sich zu sehr in den Mittelpunkt zu stellen und damit für eine Schieflage zu sorgen. „Gab es Diskussionen innerhalb der Gemeinschaft, kamen Argumente besser an, die man mit einem ,Schwester hat gesagt, dass …‘ einleitete“, so C. Andere sagen, B. lasse sich nie korrigieren, werde sogar in eine unfehlbare Rolle gedrängt – dabei seien ihre Ratschläge längst nicht immer in der Realität einsetzbar. Gegenüber dem Priesterrat erklärten „CG“-Vertreter 2005, U.B. sei die „authentische Interpretatorin des Zweiten Vatikanischen Konzils“. Eine solche Überhöhung, so heißt es aus Priesterkreisen, mache jede weitere Diskussion über ihre Person unmöglich.