Kinder und das Bußsakrament
Zu jung, um zu beichten?
Foto: kna/Harald Oppitz
Im Beichtstuhl, in der Sakristei oder in der Kirche: Was ist der richtige Ort für das Bußsakrament?
Vor Jahrzehnten hat die Beichte vielen Gläubigen Angst gemacht. Im engen, dunklen Beichtstuhl sollten Erwachsene und Kinder dem Priester von ihren vermeintlichen Sünden berichten. „Immer wieder hören wir solche Gruselgeschichten“, sagt Dunja Puschmann. Sie ist Gemeindereferentin in der Pfarrgruppe Zaybachtal im Bistum Mainz und bereitet jedes Jahr Kinder und deren Eltern auf die Erstkommunion und die erste Beichte vor.
Über die Beichte, insbesondere über die Erstbeichte von Kindern, wird in deutschen Gemeinden und unter Theologen schon länger diskutiert: Wie kann die Beichte modernisiert werden, um heute zu wirken? In welchem Alter ist es sinnvoll, mit Kindern über Sünde und Vergebung zu sprechen? Braucht es die Verknüpfung mit der Erstkommunion oder wäre auch eine spätere Erstbeichte möglich?
Laut Kanon 914 des katholischen Kirchenrechts dürfen Kinder erst nach einer Beichte zur Erstkommunion zugelassen werden. Die Beichte als Vorbereitung auf den Empfang der Eucharistie ist also verpflichtend – das schränkt den Spielraum in den Pfarreien ein.
Dunja Puschmann und Pfarrer Markus Kölzer haben in ihrer Gemeinde im Jahr 2023 einen drastischen Schritt gewagt: Sie haben die Beichte für Erstkommunionkinder ausgesetzt. „Wir konnten es in der bisherigen Form nicht länger verantworten“, sagt Puschmann. Bis dahin hatte es ein Gespräch zwischen Kind und Priester im Beichtzimmer oder in der Sakristei gegeben. „Also in verschlossenen Räumen“, sagt Puschmann.
Das erschien ihr nicht mehr sinnvoll, denn „die meisten Kinder, die sich auf ihre Erstkommunion vorbereiten, kennen den Pfarrer nicht mehr“. Zum einen, weil die Pfarrverbünde größer werden und weniger Priester mehr Gläubige betreuen müssen. Zum anderen, weil die meisten Familien kaum noch Gottesdienste besuchen. „Wie kann ich dann von Eltern verlangen, dass sie ihr Kind zu einem Einzelgespräch mit einem fast fremden Mann in einen geschlossenen Raum schicken?“, fragt Puschmann. Sie spürte, dass Eltern erleichtert auf ihre Neuerung reagierten: „Ich hatte das Gefühl, da waren einige, die niemals verlangt hätten, die Beichte auszusetzen, die aber doch froh waren, dass wir die aktuelle Form überprüfen wollten.“
Die Beichte wird offener gestaltet
Puschmann entwickelte mit anderen ein neues Konzept. Die Beichte bleibt zwar in die Erstkommunionvorbereitung eingebunden, wird aber offener gestaltet. Die Priester sitzen nicht mehr in einem Beichtzimmer oder in der Sakristei, sondern im vorderen und hinteren Teil der Kirche. Das Gespräch kann gesehen, aber dank leiser Musik in der Kirche nicht mitgehört werden. So bleibt das Beichtgeheimnis gewahrt. Die Beichte ist eingebunden in einen Aktionsvormittag mit einem Impuls und Bastelangeboten. Die Teilnahme ist freiwillig. „Gut die Hälfte der Erstkommunionkinder ist gekommen“, sagt Puschmann.
Mit einem ähnlichen Konzept bietet auch Sven van Meegen die Beichte für die Kinder in seiner Pfarrei in Ellwangen an. Der Pfarrer hat die Verbindung von Beichte und Erstkommunion nie infrage gestellt, ihm ist aber der Fokus auf die Versöhnung wichtig. „Dann können auch Kinder im Alter von neun Jahren gut beichten“, sagt er. Er möchte eine positive Stimmung ausstrahlen, sodass sich jeder in der Beichte willkommen fühlt. Das Beichtgespräch beginnt er mit einem Kreuzzeichen. Eine gute Stimmung, Wertschätzung der Talente und das Setting sind hierbei besonders wichtig. „Und dann frage ich nach den guten Dingen: Was ist dir gelungen? Worin bist du gut? Was ist dir wichtig?“, sagt van Meegen. „Und dann kommt der Dreh: Was ist nicht gut gelaufen? Was möchtest du ändern?“ Ihm ist wichtig, auf die Kinder einzugehen. „Wenn ich weiß, dass der Junge vor mir gerne Fußball spielt, dann frage ich: Was möchtest du künftig noch stärker trainieren?“, sagt van Meegen. „Ich wähle Begriffe und eine Sprache, die die Kinder verstehen.“
Er setzt auf ein freundliches und offenes Gespräch. „Und wenn das Kind nicht reden möchte, dann ist das auch in Ordnung“, sagt van Meegen. „Mir geht es um eine Versöhnungskompetenz, die die Kinder lernen: Wie stelle ich mich einem Konflikt? Wie gehe ich mit Verletzungen um, die mir jemand angetan hat oder für die ich verantwortlich bin?“
Nach der Beichte feiern die Familien in Ellwangen ein Versöhnungsfest im Gemeindezentrum mit Eltern, Geschwistern, Großeltern. „Und auch da wird über Versöhnung und Wiedergutmachung gesprochen“, sagt van Meegen. Er hat schon erlebt, dass dort ein paar Tränen flossen. „Die Kinder kommen aus der Beichte zurück und versöhnen sich mit ihren Eltern und Geschwistern.“ Das sei sehr berührend. In solchen Momenten spürt der Priester, dass die Beichte wirkt und Spuren hinterlässt. „Und manchmal entschuldigen sich auch die Eltern bei den Kindern und sagen: Da habe ich auch falsch reagiert. Wenn so etwas gelingt, ist das doch ein riesiger Schritt nach vorne.“
Zu den Personen
Dunja Puschmann ist Gemeindereferentin in der Pfarrgruppe Zaybachtal im Bistum Mainz.
Sven van Meegen ist leitender Pfarrer Seelsorgeeinheit Ellwangen in der Diözese Rottenburg-Stuttgart.