Überleben in der Diktatur

Schriftstellerin Helga Schubert über innere Freiheit: „Das ist eine Gnade“

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Helga Schubert
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Foto: imago/Eberhard Thonfeld

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Helga Schubert bei einer ihrer Lesungen.

Die Schriftstellerin Helga Schubert hat weit mehr als die Hälfte ihres Lebens in Diktaturen verbracht. Was macht das mit einem Menschen? Schubert sagt: „Es ist anstrengend, dass man immer misstrauisch sein muss.“ Und: „Mein Ziel war immer die innere Freiheit.“

Es sind keine leichten Erinnerungen, die Helga Schubert hat. „Ich habe schon als Kind viel Leid gesehen“, sagt sie. Sie spricht vom Krieg, von Überwachung und Kontrolle, einem Klima der Angst, vom Denunziantentum sowie staatlichen Gängelungen. 

50 Jahre ihres Lebens hat die heute 86-jährige Schriftstellerin unter der Willkürherrschaft von zwei Diktaturen verbracht, dem Nationalsozialismus und dem SED-Regime. Trotzdem sagt sie: „Innerlich unfrei gewesen bin ich nie. Das ist eine Gnade.“ Zu ihren ersten Kindheitserinnerungen gehört, „wie meine Mutter abends unter dem Tisch gesessen hat, mit einer Decke über dem Kopf, und dabei heimlich verbotene Sender hörte“. Das, sagt Schubert, „hat unser Leben gerettet“. Mutter und Tochter konnten so rechtzeitig vor der vorrückenden Roten Armee fliehen.

Schon früh, während ihres Psychologie-Studiums an der Berliner Humboldt-Universität, begann Schubert mit dem Schreiben. Ihr erstes Buch „Lauter Leben“ publizierte sie 1975. Ihre schnörkellosen Beobachtungen des DDR-Alltags und der SED brachten rasch das Regime gegen sie auf. Die Behörden legten ihr nahe, ihren „unzweifelhaft vorhandenen Geist mit etwas anderem zu üben, als sich über die Partei auszulassen“. Doch beim Schreiben verbieten ließ sie sich nichts. „Dann habe ich meine Geschichten eben nicht veröffentlicht“, sagt Schubert. Viele ältere Texte von ihr sind deshalb erst nach der Wende erschienen.

Diese Freiheit konnte sich die spätere Bachmann-Preisträgerin nehmen, weil sie finanziell unabhängig war. „Das war meine große Rettung“, sagt sie. In der DDR hat sie lange als Psychologin gearbeitet. Dabei beobachtete sie auch, was passiert, wenn man sich von einer Diktatur bis in den eigenen Kopf hinein regieren lässt. Viele ihrer Patienten hätten Magengeschwüre oder Neurosen bekommen, weil sie sich das freie, kritische Denken verbaten. Sie tat das nicht: „Mein Ziel war immer die innere Freiheit.“

In ihrem jüngsten Buch „Luft zum Leben“ schildert die Autorin, wie autoritäre Regime viele Menschen durch Zensur, Verdrehung und Sprachlenkung in die innere Zerrissenheit treiben. Diktatoren redeten den Menschen ein, ihr Gefühl von Enge sei lediglich ein Privatproblem. Deswegen habe sie stets unterschieden: „Was sind meine Wünsche und Bedürfnisse und was sind die Ansprüche des Staates an mich?“

Die Freiheit in der Kirche war für das Überleben in der Diktatur existenziell

Auf die Frage nach der größten Unfreiheit in der DDR antwortet die evangelische Christin: „Die Diktatur ist wie eine Teufelsfratze. Mal sind es die Augen, die einen beobachten; mal ist es der fiese Mund, der immerzu lügt und verbietet.“ Obwohl Schubert sich mit allzu großer öffentlicher Kritik an der SED zurückhielt – „ich wusste immer, was verboten war“ –, wurde sie 13 Jahre vom Ministerium für Staatssicherheit observiert. Ihre Post wurde gelesen, das Telefon abgehört. „Wir Schriftsteller waren Störenfriede“, sagt sie.

Der Stasi ist es dennoch nie gelungen, einen IM in ihrem nahen Umfeld zu platzieren. „Alle Spitzelberichte sind nur von außen gekommen.“ Das ist auch der Vorsicht von Schubert und ihrem 2024 verstorbenen Ehemann, dem Maler und früheren Psychologie-Professor Johannes Helm, zu verdanken. „Ich bin eigentlich ein sehr gastfreundlicher Mensch. Aber in der DDR musste ich mir oft überlegen: Lässt du den jetzt wirklich in deine Wohnung?“, sagt sie. „Es ist furchtbar anstrengend, dass man immer misstrauisch sein muss, dieses genaue Hinhören selbst auf die leisesten Zwischentöne.“

Eine Atmosphäre der Aufrichtigkeit und Offenheit hat Schubert in der DDR-Zeit vor allem in den Kirchengruppen erlebt. „In den Gemeinden gab es viele Pastoren, mit denen man sich auch mal politisch unterhalten konnte“, sagt sie. „Das ist für mich und das Überleben in der Diktatur existenziell gewesen.“ Die Wendezeit beschreibt sie als schönste Phase ihres Lebens. Weil man plötzlich landesweit sehen konnte, „dass wir so viele waren“, die sich freie Wahlen, Gewaltenteilung, Reisefreiheit und eine unabhängige Presse wünschten.

Seit 2008 lebt die Schriftstellerin in Neu Meteln bei Schwerin und beobachtet mit Sorge, dass dort viele„die 1989 errungene Freiheit offenbar nicht so hoch schätzen, wie ich es tue“. In ihrer Gemeinde haben bei der Bundestagswahl im vergangenen Jahr 40,4 Prozent die AfD gewählt. Doch ihre vertrauten Kirchenleute sind immer noch da. „Die sind jetzt wieder auf der Seite der Menschen, die für eine offene und freie Gesellschaft einstehen“, sagt Helga Schubert. „Das ist toll. Ich befinde mich im Schoß von Gleichgesinnten. Das ist das Wesentliche.“

Andreas Kaiser

Zur Sache

Das neueste Buch von Helga Schubert heißt "Luft zum Leben - Geschichten vom Übergang".  
ISBN 978-3-423-28513-1, 288 Seiten, dtv Verlag, EUR 24,00.