Radikale Juden drangsalieren zunehemend Christen in Israel

Abt Nikodemus Schnabel: „Ihr Motto ist: Nichtjuden raus“

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Israelische Siedler in Hebron
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Foto: imago/Middle East Images

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Aggressive Haltung: Israelische Siedler in Hebron im Westjordanland

Christen in Israel werden beleidigt, bespuckt, diskriminiert. Abt Nikodemus Schnabel aus Jerusalem erzählt, wie sie mit dem Hass der militanten jüdischen Siedler und der Rechtsextremisten in der Regierung umgehen

Nikodemus Schnabel, Abt der Dormitio-Abtei in Jerusalem, ist aufgebracht. Im Videotelefonat spricht er schnell, energisch, fast hastig. Die rechtsgerichtete Politik in Israel und die zunehmenden Übergriffe auf Christen treiben den Benediktiner um. Vor Wochen wurde seine Abtei mit „Tod den Christen“ besprüht. Am Tag des Gesprächs ist er zweimal angegriffen worden. „Ich wurde auf der Straße verbal beleidigt und angespuckt“, sagt Schnabel. Er hat die Täter bei der Polizei angezeigt – obwohl er sich nicht mit den Feindseligkeiten beschäftigen mag: „Ich will viel lieber Gutes tun, als mich ständig mit diesem Hass zu belasten.“

Abt Nikodemus Schnabel
Abt Nikodemus Schnabel. Foto: kna/Harald Oppitz

Seit Jahren mehren sich in Israel die Angriffe auf Christen. Kirchenfenster werden eingeworfen, Ordensleute und Geistliche angefeindet, Autoreifen aufgeschlitzt, Fahrzeuge angezündet und Friedhöfe geschändet. „Es gehört zu meinem Alltag, dass fast jeden Tag Leute vor oder hinter mir ausspucken“, sagt Schnabel. Hinzu kommen Diskriminierungen im Alltag. Christen haben es in Israel schwerer als Juden, eine bezahlbare Wohnung oder eine gute berufliche Anstellung zu finden, so belegen es Studien.

„Hauptschwerpunkt ist Jerusalem“, sagt der Abt: „Hotspots hier sind das Armenische Viertel der Altstadt, die Via Dolorosa und der Berg Zion, wo unser Kloster liegt.“ Katastrophal sei die Lage inzwischen auch in Taybeh, dem letzten lebendigen christlichen Dorf in den palästinensischen Autonomiegebieten. Immer wieder kommt es dort im Westjordanland laut Schnabel zu massiven Anfeindungen durch jüdische Siedler. „Das fängt an mit Einschüchterungen, dann werden Feuer gelegt“, sagt Schnabel. „Das Nächste ist dann körperliche Gewalt.“ Zudem werden die christlichen Bauern von militanten Siedlern oft daran gehindert, auf ihre Olivenhaine zu gelangen. Es gab Schwerverletzte. Aus Angst hätten einige christliche Familien den Ort verlassen, sagt Schnabel. 

Lebensgefährliche Rauchvergiftungen

Rund 190 000 Christen, die meisten von ihnen arabischstämmig, leben in Israel. Mit einem Anteil von zwei Prozent an der Gesamtbevölkerung sind sie eine Minderheit. Als Wendepunkt bezeichnet Schnabel den „verheerenden Brandanschlag“ auf das Kloster Tabgha im Sommer 2015. „Nur durch ein Wunder ist damals nicht alles niedergebrannt“, sagt er. „Einige Mitbrüder und Volontäre erlitten zum Teil lebensgefährliche Rauchvergiftungen.“ Zwar konnten die Täter gefasst werden, doch bei dem anschließenden Gerichtsverfahren habe sich der Rechtsextremist Itamar Ben-Gvir „als notorischer Christenhasser geoutet. Er war einer der Anwälte der jüdischen Terroristen. Dieser Mann, der uns Mönchen im Gerichtssaal die unflätigsten Sachen an den Kopf geworfen hat, ist heute Minister für nationale Sicherheit“, sagt Schnabel. 

Tatsächlich gilt die Regierung von Premier Benjamin Netanjahu als die extremistischste in der Geschichte Israels. Netanjahus Finanzminister Bezalel Smotrich verfolgt aktiv das Ziel der Errichtung eines „biblischen Großisrael“. Ein Land also, in dem Nicht-Juden keinen Platz mehr haben. Dazu passt auch, dass für Ben-Gvir die zunehmenden Spuckattacken auf Christen „keine Straftaten“ darstellen, „die eine Verhaftung rechtfertigen, sondern Teil einer alten jüdischen Tradition“ seien, wie er 2023 öffentlich sagte. 

Schnabel sagt: „Das Problem sind nicht die Ultraorthodoxen“, wie sie etwa im Jerusalemer Stadtteil Mea Shearim leben. „Für die meisten von ihnen sind Übergriffe auf Christen Blasphemie. Die tun mir nichts“, sagt der Ordensmann. „Das Problem sind die nationalreligiösen jüdischen Extremisten, sprich Siedler. Ihr Motto ist: Israel den Juden. Nichtjuden raus.“ Abt Nikodemus sieht in ihnen eine Art „Hooligans der Religionen“. Ihren Anteil an der Gesamtbevölkerung schätzen Experten auf fünf bis zehn Prozent. Gleichwohl habe das Schwarz-Weiß-Denken in Israel seit den Anschlägen der Hamas-Terroristen vom 7. Oktober 2023 noch einmal zugenommen. „Es gibt fast keine Grautöne mehr“, sagt Schnabel. „Krieg ist etwas Schreckliches, bei dem vieles verloren geht: die Wahrheit, die Menschlichkeit, all das Feine und Zarte.“ 

Dennoch mag der Benediktiner, der seine beiden Klöster als „zwei Hoffnungsinseln in einem Ozean von Leid“ bezeichnet, die Hoffnung auf Besserung nicht aufgeben: „Israel und Palästina haben beide eine wunderbare Zivilgesellschaft, das Problem sind die machthabenden Politiker auf beiden Seiten.“ Auch Angst spüre er bislang keine. „Wir Mönche spüren Verantwortung für die uns anvertrauten Menschen, besonders für unsere christlichen Glaubensgeschwister“, sagt Schnabel. „Uns geht es vornehmlich darum, den einheimischen Christen – und auch den rund 100 000 christlichen Arbeitsmigranten im Land – zu zeigen, dass wir da sind. Wir sind an eurer Seite.“

Andreas Kaiser

Zur Person

Pater Nikodemus Claudius Schnabel (47)ist Benediktinerpater, Ostkirchenexperte und Abt der Dormitio-Abtei in Jerusalem und des Priorats Tabgha. Er lebt seit mehr als 20 Jahren im Heiligen Land.