Film: "Was uns verbindet"
Zwei Jahre voller Leben
Foto: Alamode Film
Elliott findet Halt bei der Nachbarin Sandra.
Bei Cécile ist die Fruchtblase geplatzt. Es ist ganz früh am Morgen. Der kleine Sohn Elliott (César Botti) wird geweckt, seine Eltern müssen schnellstens ins Krankenhaus. Blöderweise ist die Freundin, die auf Elliott aufpassen sollte, nicht zu erreichen. Und so klingeln Cécile und Alex (Pio Marmai) bei ihrer Nachbarin Sandra (Valeria Bruni Tedeschi). Ob Elliott bitte ein, zwei Stunden bei ihr bleiben könne, nur bis die Freundin ihn abholt. Begeistert ist die alleinlebende Frau um die 50 nicht, aber was tut man nicht alles.
Doch auch nach drei Stunden kommt niemand, um Elliott abzuholen. Sandra muss zur Arbeit, Cécile und Alex gehen nicht an ihre Handys. Erst später erfährt Sandra den Grund: Etwas Schreckliches ist passiert. Bei der Geburt gab es schwere Komplikationen; das Baby, die kleine Lucille, lebt, aber Cécile ist tot.
Der Film „Was uns verbindet“ beginnt mit dieser Katastrophe und endet genau zwei Jahre später. Einzelne Episoden aus dem Leben der Familie, mal kürzer, mal länger, orientieren sich an Lucilles Lebensalter: ein Tag, eine Woche, drei Monate, elf Monate … zwei Jahre. So sind Entwicklungen zu sehen. Und dass das Leben eben weitergeht – so schwer das auch fällt.
Der Film erzählt von Trauer und Verzweiflung genauso wie von Liebe, von Um- und Irrwegen, von gutem Willen und schlechten Entscheidungen. Dabei ist es nicht überraschend, dass die spröde Sandra nicht nur zu dem kleinen Elliott eine tiefe Bindung entwickelt, sondern zur ganzen Familie: zu Papa Alex, dem Baby Lucille und zu denen, die noch daran hängen.
Ist es Liebe oder Flucht?
Etwa zu David (Raphael Quenard), der, wie sich herausstellt, der leibliche Vater von Elliott ist und nach Céciles Beerdigung den Jungen zu sich nehmen will – obwohl er sich bislang nie um ihn gekümmert hat. Alex, der Elliott liebt wie sein eigenes Kind, ist empört. Und Elliott durcheinander. Immer häufiger flüchtet er sich zu Sandra, die von seinem Vertrauen berührt ist.
Dann ist da noch Emilia (Vimala Pons), Lucilles Kinderärztin. Zwischen ihr und Alex entwickelt sich eine Liebesbeziehung. Wobei: Ist es wirklich Liebe? Oder zumindest für Alex nicht doch eher Flucht, Verzweiflung? Er braucht jemanden zum Festhalten, denn das Leben mit zwei Kindern und ohne Cécile ist hart.
Der französische Film hat sehr berührende Szenen. Etwa, als Alex Elliott erzählen muss, dass er seine Mama nicht wiedersehen wird. Oder als die Krankenschwester an Lucilles erstem Lebenstag dem jetzt alleinerziehenden Vater zeigt, wie man ein Baby badet. Oder das Ostereiersuchen, als Lucille 14 Monate alt ist und hinter ihrem großen Bruder her tappst. Oder als Sandra und Alex nachts Gespräche über das Leben führen.
Manche Details sind sehr aufmerksam beobachtet. Zum Beispiel, als Alex mit der seit Stunden schreienden Lucille in die Notaufnahme fährt: Die Kamera zeigt ihn, wie er mit durchgeschwitztem Rücken ins Behandlungszimmer geht. Mittelohrentzündung. Nichts wirklich Ernstes, aber Eltern wissen, wie sich solche Schreistunden anfühlen. Und Alex ist allein damit.
Beschönigt wird hier nichts. Es ist eine Katastrophe, wenn eine junge Mutter stirbt: für die Kinder, für den Vater, für die Großeltern, die Freunde. Es ist schwierig, wenn andere hinzukommen: ein längst vergessener Vater, eine Stiefmutter. Nicht alles glückt – in diesem Film nicht und im wahren Leben auch nicht. Und trotzdem scheitert auch nicht alles, wenn viele mithelfen, zusammenhalten und sich Mühe geben. Die französische Presse hatte wohl recht, als sie über den Film, der in Frankreich bereits erfolgreich gelaufen ist, urteilt: „Diese Ode an die Solidarität tut unglaublich gut.“
Was uns verbindet. Regie: Carine Tardieu. 105 Min. Kinostart: 7. August