Theaterprojekt „Chemnitz moves“ von Don Bosco Sachsen
Bitte bestätige, dass du ein Mensch bist!
Fotos: Ruth Weinhold-Heße
Aufwärmübung: Der Körper soll die Abläufe so oft proben, dass sie automatisch abrufbar sind, auch bei Lampenfieber.
Ein klein wenig chaotisch ist es noch in der großen Turnhalle in der Chemnitzer Ludwig-Kirsch-Straße, wo noch einmal intensive Proben anstehen. Der Zug, mit dem die Regisseurin Anna Drescher und die Choreografin und Tänzerin Sara Ezzell angekommen sind, hatte Verspätung. Die beiden Frauen kleben leuchtende Markierungsbänder auf den Boden der Turnhalle. „Alle bitte Schuhe ausziehen“, mahnt Sebastian Schmidt, der Gesamtleiter von Don Bosco Sachsen ist. Dann werden von allen Jugendlichen die Handys in einem blauen Einkaufskorb eingesammelt. Ihre volle Konzentration soll auf die baldige Aufführung gerichtet sein. Anna Drescher erläutert zu Anfang noch einmal, was ihr Job als Regisseurin überhaupt ist, denn bisher haben die Jugendlichen sie nicht so oft gesehen. „Ich habe viel am Schreibtisch vorgearbeitet, mir überlegt, wie und was wir von dem Stück erzählen. Meine Rolle ist, alles zusammenzubringen, weil ich das Große Ganze im Blick habe.“
Das Stück „Chemnitz Moves. Bitte bestätige, dass du ein Mensch bist!“ greift das fast vergessene Melodrama „Pygmalion“ von Georg Anton Benda auf. Die Regisseurin erklärt den Jugendlichen während der Probe: „Den Wunsch, etwas zu schaffen, das größer und schöner ist als wir selbst, den gibt es schon ganz lange. Schon vor über 2000 Jahren in der Antike hat man Statuen erschaffen, die schöner waren als echte Frauen. Der Mythos von Pygmalion erzählt davon, wie er sich in so eine Statue verliebt.“ Jetzt sei es mit Künstlicher Intelligenz ähnlich, fährt Drescher fort. Denn dazu gehöre auch die Angst, dass Menschen etwas schaffen, was sie nicht mehr kontrollieren könnten.
Die Jugendlichen, von denen viele bei Don Bosco Sachsen eine Ausbildung machen und manche aus anderen Projekten der Jugendhilfe sind, bringen eine Mischung aus Tanz und Performance auf die Bühne. Diese ist während der Probe nur als Markierung auf dem Turnhallenboden zu sehen. Zur Aufwärmung leitet die Choreografin Sara Ezzell die Mitspieler an, mit ihrer vollen Präsenz da zu sein, aus sich herauszugehen mit Bewegung und Stimme. Manche sind noch etwas zaghaft, andere trauen sich, mit voller Mimik und Gestik dabei zu sein. Zwei junge Menschen mit Down Syndrom führen elegante Pirouetten auf.
Ezzell, die viel mit Jugendlichen arbeitet, selbst tanzt und choreografisch Stücke entwickelt, lobt die Chemnitzer: „Das ist eine ganz besondere Gruppe. Viele machen beim Don Bosco Zirkusprojekt mit und können ihren Körper einsetzen, das ist großartig!“ Ezzell betont, dass sie sehe, wie die Jugendlichen mit jedem Training an Selbstvertrauen gewinnen. Das präge auch fürs weitere Leben.
Und Regisseurin Drescher erklärt in der Probe: „Wer auf der Bühne stehen will – und das wollt ihr, denn ihr seid alle toll! – der muss ganz da sein. Wenn ihr das hier 300 Mal geprobt habt, weiß euer Körper, was er tun soll, auch wenn ihr bei der Aufführung aufgeregt seid.“ Nur durch ihre Präsenz könnten sie im Publikum etwas auslösen.
Am Ende wird auch das Publikum mit der Frage konfrontiert werden: Können wir noch unterscheiden zwischen Realität und künstlicher Welt?