900 Jahre Bistum Lebus

Die Oder verbindet

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Festgottesdienst im Dom von Fürstenwalde
Nachweis

Fotos: Jörg Farys

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Blick in den Fürstenwalder Dom während des ökumenischen Festgottesdienstes zu 900 Jahren Bistum Lebus.

Vor 900 Jahren wurde das Bistum Lebus gegründet. Bauwerke künden nicht mehr vom einstigen Bischofssitz. Dennoch lebt die Erinnerung an die grenzüberschreitende Diözese auch heute. Umso mehr, da die Kontakte im deutsch-polnischen Grenzbereich intensiver geworden sind.

Die Stadt ist klein und eher unbedeutend. Doch hat Lebus, gelegen im Südosten des Landes Brandenburg, eine große Vergangenheit. Das hat mit der Lage unmittelbar an der Oder zu tun.

Nirgendwo sonst ließ sich der Fluss so gut überqueren. So gab es hier lange Zeit einen Handelsknotenpunkt – eine Station auf einem Weg, der sich von Köpenick bis in das Reich der Kiewer Rus erstreckte. Das reizte den polnischen König Bolesław Chrobry. Um das Jahr 1000 eroberte er Lebus und machte die dortige Burg zum Verwaltungssitz seines westlichsten Regierungsbezirkes. Einige Zeit nach seiner Besitznahme bekräftigte sein Namensvetter, Herzog Bolesław III., den Anspruch auf dieses Gebiet und gründete vor 900 Jahren auf dem Burgberg einen Bischofssitz – das Bistum Lebus.

An die Burg und den Bischofssitz erinnern heute Eisenkonstruktionen und Streifen aus Steinen, die den Umriss und den Standort der einstigen Gebäude markieren. So deuten dunkle Pflastersteine an, wo die Kathedrale von Lebus gestanden hat.

Das Gebiet des Bistums erstreckte sich auf beiden Seiten der mittleren Oder. Es unterstand dem Erzbistum Gnesen auf der polnischen Seite. Auf den westlich gelegenen Teil mit der Burg und der Stadt Lebus machte auch das Erzbistum Magdeburg Ansprüche geltend. Und die Brandenburgischen Markgrafen und Kurfürsten wollten ebenfalls mitreden.

Bunte Mischung von Gewohnheiten und Mentalitäten

Trotz dieser Auseinandersetzungen war die Region ein Raum des Austauschs zwischen Polen und Deutschen. Und ist es bis heute. Das gilt auch für die knapp zwanzig Kilometer von Lebus gelegene Stadt Frankfurt, die damals ebenfalls zum Bistum Lebus gehörte.

In den letzten Jahren sind immer mehr Polen nach Frankfurt gekommen. In der katholischen Kirchengemeinde der Stadt, Heilig Kreuz, liegt ihr Anteil mittlerweile bei 50 Prozent. Die Zahl der deutsch-polnischen Ehen und Familien ist gewachsen. Aber es gibt auch Probleme, die durch unterschiedliche kulturelle Gewohnheiten und Mentalitäten entstehen. Hinzukommt, dass ein Großteil der Polen in die polnische Nachbarstadt Słubice zum Gottesdienst geht. Pfarrer Jan Wronski strebt deshalb eine enge Zusammenarbeit mit der dortigen Kirchengemeinde an.

Eine Zusammenarbeit gibt es auch zwischen Katholiken und Protestanten in Frankfurt. Seit vierzig Jahren ist eine ökumenische Kantorei in beiden Kirchen zu hören. Katholische Caritas und evangelische Diakonie kooperieren auf sozialem Gebiet. Es gibt gemeinsame Gottesdienste. Und seit 2019 auf deutscher und polnischer Seite ökumenische Bischofstreffen, bei denen deutsche und polnische, katholische und evangelische Bischöfe zusammenkommen. Sie vertreten die vier kirchlichen Strukturen, die heute auf dem Gebiet des mittelalterlichen Bistums Lebus Kontakt miteinander haben.

Turbulente Zeiten und Verlegung des Bischofssitzes

Etwas über hundert Jahre blieb sein westlich der Oder gelegener Teil damals in polnischer Hand. Dann holte der Herzog von Schlesien deutsche Siedler in dieses Gebiet. Und unter dem Druck des Erzbistums Magdeburg und des Markgrafen von Brandenburg vermachte er ihnen jeweils eine Hälfte davon. Seit etwa 1250 war das Gebiet um Lebus deutsch. Im Norden hatte die Burg Lebus nun einen Burghauptmann des Markgrafen von Brandenburg, im Süden einen des Erzbischofs von Magdeburg. Dazwischen saß der Bischof, der dem Erzbischof von Gnesen in Polen unterstellt war.

Geistliche verschiedener Konfessionen
Konfessionsübergreifend feierten die Geistlichen den Festgottesdienst in Fürstenwalde.

Als die Spannungen unerträglich wurden, zog er über die Oder nach Göritz (Górzyca) auf die polnische Seite, nur wenige Kilometer von Lebus entfernt. Bei Auseinandersetzungen mit dem polnischen König zerstörte der Brandenburger Markgraf den neuen Bischofssitz samt Kathedrale. Kurzzeitig wieder in Lebus wurde der Bischofssitz nach erneuten militärischen Auseinandersetzungen, diesmal unter Kaiser Karl IV., 1373 nach Fürstenwalde verlegt.

1598 hörte das Bistum Lebus in Folge der Reformation auf, zu existieren. Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden seine einstigen Gebiete beiderseits der Oder durch eine Staatsgrenze voneinander getrennt. Und der jahrhundertealte deutsch-polnische Charakter der Region verlor sich.

Daran und an die bewegte Geschichte des Bistums wurde in diesem Jahr erinnert: Mit einem ökumenischen Gottesdienst in Lebus, wissenschaftlichen Tagungen und einer Wanderausstellung. Und als Höhepunkt Ende September mit einem deutsch-polnischen ökumenischen Gottesdienst am letzten Sitz des Bistums im Fürstenwalder Dom. Daran nahmen Erzbischof Heiner Koch für das Erzbistum Berlin und Bischof Christian Stäblein für die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Bischof Tadeusz Lityński für das katholische Bistum Gorźow-Zielona Góra und Bischof Waldemar Pytel für das evangelische Bistum Wrocław teil.

Auch Frank Schürer-Behrmann, der Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Oderland-Spree, zu dem Frankfurt an der Oder gehört, war dabei. Mit Blick auf das Zusammenleben von Protestanten und Katholiken im einstigen Bistumsgebiet bemerkt er: „Wir haben einen gemeinsamen Ursprung. Unsere Geschichte als Christen beginnt hier nicht mit der Reformation, sie beginnt mit der Gründung des Bistums Lebus 1124 und darauf beziehen wir uns gemeinsam und das fordert uns auch heraus.“

Gunnar Lammert-Türk